Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 22
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ins Bild hereingeweht iuivb, der Hintergrund ist
eine weite Ebene mit Wasser, ganz int Dnft sich
verlierend und tu den Luftkreis verschwebend.
Links kniet der Engel, nicht ganz sichtbar, die
Lilie haltend, die andere Hand ans die Brust
gedrückt. Der Stil des Ganzen — das sieht
man sofort — ist nicht der traditionell-kirchliche;
er ist durchaus modern und subjektiv, aber —
auch das sagt schon der erste Eindruck — er
kommt mit dem religiösen Inhalt des Bildes
nicht in Konflikt, er behandelt denselben ehr-
fürchtig, würdevoll, gläubig. Es spricht ans dem
Bild ein Gemüth, welches von dem heiligen Vor-
gang tief ergriffen ist, welches aber denselben in
seiner Art anffaßt und aus bent Eigenen ihm
einen starken Hauch schwärmerischer Melancholie
beimischt. So eigenthümlich der letztere zunächst
berührt und so wenig wir für ein Altarbild ihn
zulässig finden können, so wenig haben wir ein
Recht, dieses subjektive Empfinden ganz zu ver-
bieten, denn es kommt wie gesagt mit der Heilig-
keit des Gegenstandes durchaus nicht in Wider-
streit. Für den Schmuck der Wohnung können
wir diese Edelfrncht französischer Kunst tvarm
empfehlen. Es liegt außerordentlich viel Geist
und Seele und viel technisches Können in diesem
Bilde. Die Gesichter der hl. Jungfrau und des
Engels sind eine kleine Welt von Gedanken ttub
Empfindungen, welche Auge, Sinn und Herz an-
zieht. Das Antlitz des Engels ist ganz dnrch-
schanert von der Größe der Botschaft und von
Ehrsucht gegen die Gnadenvolle, die Lider be-
schatten die Angen, die sich nicht zu erheben
lvagen. Das Angesicht der Jungfrau ist ganz
Gebet und Opfer, überhaucht von weltentrückter
Kontemplation, die dem wunderbaren Inhalt der
Botschaft nachsinnt, und zugleich von der Em-
pfindung tiefsten Seelemvehs, welches den
schmerzenreichen Gehalt derselben ahnt.

Endlich hat derselbe Verlag zwei Bilder un-
seres Landmanns B. L o ch e r, dessen wir in
diesen Blättern schon rühmend Erwähnung ge-
than, in gleich vollendeter Weise edirt, ein Ecce-
homo und eine Madonna, beide religiöse
Bilder im Vollsinn, ohne jeden störenden Zug,
christliche Zimmerzierden ersten Ranges.

Die Verlagshandlung kann man zu diesen
hervorragenden Knnstleistnngen warm beglück-
lvünschen, und man muß es ihr zum großen
Verdienst anrechnen, daß sie so erfolgreich sich
der religiösen Kunst annimmt.

Literatur.

Festschrift zur 25jährigeu Jubelfeier
des Vereins für Geschichte und
Alterthumskunde des Herzogthums und
Erzstistes Magdeburg. Herausg. von
dem Vorstand des Vereins. Magdeburg,
Schäfer (M. Liebscher). 1891. 117 S.

und acht Tafeln Fol.

Der Verein, reich an literarischen und speziell
kunsthistorischen Leistungen, hat auch der obigen
Festschrift zwei werthpolle knnstgeschichtliche Auf-
sätze einverleibt, ans welche wir hier kurz auf-
merksam machen. Der eine, vvn K. Panlsiek,

behandelt Otto d. Gr. in der bildenden Kunst.
Zur Besprechung kommen außer Münz- und
Siegelbildern die Elfenbeintafel in der Samm-
lung Trivulzi in Mailand, auf welcher Otto,
seine Gemahlin und sein Sohn zu Füßen des
Heilands knieend dargestellt ist, ferner eine Linear-
zeichnung ans dein Domkreuzgang zu Magdeburg
ans der Mitte des 13. Jahrh., sodann die
sitzenden Statuen des Königs und seiner Ge-
mahlin Editha in der nordöstlichen Chorkapelle
des Donis, Wandgemälde im Kloster Memleben,
die Standbilder Otto's mtb Adelheids im Dome
zu Meißen, Otto's Reiterstandbild ans dem alten
Markt zu Magdeburg, endlich Otto's Standbild
vor dem Hauptportal des Doines zu Magdeburg
und die Glasbilder Otto's und Editha's im Chor-
fenster. Die Besprechung all dieser Kunstwerke
ist gründlich, anziehend und lehrreich, die Resul-
tate im einzelnen nicht umvidersprechlich. Der
zweite kunsthistorische Aufsatz der Festschrift von
Df. E. Thenner: Bildwerke des 13. und 14. Jahr-
hnnderts am Dom zu Magdeburg berührt sich
theillveise mit dem ersten und macht gegen einige
Aufstellungen desselben Front. Sehr verdienstlich
ist es, daß er erstmals volles Licht verbreitet
über die wichtigen Skulpturen des nördlichen
Krenzschiffportals des Domes von Magdeburg
vom Ende des 13. Jahrhunderts. Das sind die
künstlerisch vollendetsten Bilder der klugen und
thörichten Jungfrauen, in der neuesten Geschichte
der Plastik von Bode erstmals mehr gewürdigt,
aber schlecht nachgebildet. Den letzten: Mangel
ergänzt eine gute Lichtdruckanfnahme auf zwei
Tafeln. Der kundige Verfasser macht auf die
großen Schönheiten dieser Statuen neben man-
chen Unvollkommenheiten aufmerksam. Was sie
auszeichnet, ist namentlich das glücklich gelungene
Streben des Meisters, die Figuren der beiden
Reihen zu einander in lebensvolle Beziehung zu
setzen; die thörichten Jungfrauen stehen aber
künstlerisch höher als die klugen.

Dante's göttliche Komödie in 125
Bildern aus der alten Florentiner Aus-
gabe ckell' Ancofa herausg. von Bernhard
S ch il l e r. München, Eigenthum und Ver-
lag des Herausgebers. 1893. Preis:
gebunden l5 M.

Unter den 52 in Italien erschienenen illnstrir-
ten Danteansgaben nimmt den obersten Rang
ein die vom Verlag dell' Ancora 1817—19 in
Florenz veröffentlichte. Die beiden Meister Lnigi
Adamolli und Francesco Nenci haben sich merk-
lich vom Dichter inspiriren lassen, und mit fast
congenialer Gestaltungskraft fassen sie dessen
Visionen in sichtbare Knnstformen. Der Stil
ihrer Bilder verräth zwar einigermaßen die Spät-
zeit, ist aber doch noch so vom altitalienischen
Formengeist dnrchtränkt, daß er durchaus Wür-
diges und Großes zu schaffen vermag und dem
Stil des Gedichtes selbst nahekommt. B. Schüler
hat sich daher um Dante ein wirkliches Ver-
dienst erworben, indem er gerade von dieser
Ausgabe eine Neuauflage herstellte, oder viel-
mehr verschiedene Editionen, eine Prachtausgabe
und eine Volksausgabe. Die erstere bietet die
125 Tafeln mit Heliogravüren in starkem Leder-
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