Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 29
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1 cm
facsimile
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Gerade von diesem Bilde ließ nun der
äußerst rührige Kunstverlag von Ju-
lius Schmidt in Florenz (Via Torna-
buoni) farbige Einzelproduktionen veran-
stalten. Einem derartigen Vorhaben steht
man zunächst etwas bedenklich gegenüber,
zweifelnd, ob es auch den fortgeschrittensten
Reprodnktionskünsten der Gegenwart wohl
gelingen könne, in der Wiedergabe auch
nur annähernd die delikate Feinheit der
Zeichnung und die melodiöse Farbenstim-
mung des Originals zu erreichen. Aber
wahrlich jeder Zweifel wandelt sich in freu-
diges Erstaunen beim Anblick der farben-
prangenden Blätter. Vor uns liegen die
Reproduktionen von acht Engeln auf sepa-
raten Blättern in der Größe von 32sts:
13 cm (die oberen vier eigneten sich we-
niger für Einzelwiedergabe, weil ihre Ge-
stalten der Wölbung des Rahmens ange-
schmiegt, nicht ansrecht sind), ferner die
der Madonna della Stella ans dem Mn-
senm von San Marco (Größe 33:133/.i cm).

Das E ngelorche st e r ist vielleicht
unter allen Gebilden Fra Angelico's das
engelhafteste. Das ist gemalte Himmels-
mnfik, aber so gemalt, daß man sie hört,
daß wunderbare Harmonien von ihr ans-
tönen und ans Herz klingen. Melodisch
gestimmt sind die Farben der Gewandungen
der Engel; melodisch das rhythmische Da-
hinschweben in ätherischem Tanze; melo-
disch die je mit dem Charakter der Instru-
mente (Posaunen, Geige, Zitier, Klarinette,
Trommel, Tambourin) übereinstimmende
Körperhaltung und graziöse Bewegung;
melodisch die Stimmungen, welche die Ge-
sichter offenbaren. Diese Gesichter enthalten
eine ganze Psychologie der Freude in all
ihren zarten Abtönungen und starken Grund-
accorden: die willenskräftige Freude, die
sanfte Freude des Gefühls, die von Ehr-
furcht gedämpfte, staunende Freude, die
andächtig ernste, die stillselige, die laut
jubelnde, die süß lächelnde Freude. Ein
köstlicher Odem himmlischer Freude weht
von diesen Engelsbildern ans, der auch
den Unglücklichsten erquicken, auch den tief-
sten Schmerz lösen müßte.

Die Reproduktion der Engel ist so sein,
so ganz mit dem Geist Fiesole's getränkt,
so getreu seiner Technik, daß man sich
kaum bewußt ist, bloß eine Reproduktion
vor sich zu habeu, daß man dem Werke

des Meisters selber gegenüberzustehen meint.

H. und R. Knöfler, die Söhne des be-
kannten H. Knöfler in Wien, haben diese
vollendeten Ehromoxylographien gefertigt,
welche viel wirksamer und zarter sind als
die hentzutag meist üblichen Chromozinko-
graphien und sich ganz besonders durch
die Feinheit des Inkarnats und die unver-
gleichlich zarten Abstufungen der Farben-
töne auszeichnen. Der Druck ist tadellos
rein und sauber. Der Preis des einzelnen
Kunstblattes beträgt 3 M. Daneben hat

I. Schmidts Verlag noch eine kleine Aus-
gabe von sechs Engeln zumal in Miniatnr-
sormat (12 : 7 cm) aus Goldgrund ver-
anstaltet, die in elegantem Karton 2. M.
40 Pf. kostet.

Als Hanptbild und Mittelbild fügt sich
sehr gut ein in den Cyklus der acht Engel
das Blatt mit der Madonna della
Stella von gleicher Größe und gleichem
Preise, ebenfalls reprodnzirt von H. und
R. Knöfler. Auch dieses Bild der Ma-
donna in rosarothem Kleid und wallendem
blauen Mantel, mit dem lieblichen Kind,
das zärtlich sein Antlitz an die Wange
der Mutter schmiegt, gehört zu Fiesole's
schönsten Gedanken und Darstellungen.
Die Ausführung ist ebenso vollendet wie
die der Engelsbilder.

Die vorgenannten Kunstblätter können
von Julius Schmidt direkt oder durch
Vermittlung jeder Buchhandlung bezogen
werden. Das Hanptbild des Tabernakels,
zu welchem die Engel gehören, hat der
Verlag S t. N o r b e r t n s in Wien
(III Seidlgasse 8) herauögegeben: Die
hoheitsvoll thronende Madonna, ans deren
Fuß das heilige Kind steht, mit der einen
Hand segnend, mit der andern die Welt-
kugel haltend. Die Benroner Schule, deren
Gesammtrichtnng und Formgebung der Kunst
Fiesole's nahe steht, hat die großartige
Komposition mit gewissenhafter Treue und
vollstem Eingehen in Geist und Seele der-
selben kopirt und H. und R. Knöfler nach
dieser Kopie die Chromoxylographie herge-
stellt. Der Preis des Blattes ohne Pa-
pierrand (30 : 19 cm) beträgt nur 2 M.
Die ganz vorzüglichen, von denselben
Meistern nach Zeichnungen von Joh. Klein
gefertigten pylographischen Chromoblätter
desselben Verlags (Christus am Kreuz,
Herz Jesu, Herz Mariä, heilige Familie,
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