Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 35
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für dieselbe Klosterkirche ausgeführtes
Freskogemälde bei den neueren Kunsthisto-
rikern meist übergangen, vermuthlich deß-
halb, weil dasselbe später im Zeitalter des
Barockstils mit Tünche überzogen und unter
Stnccatnr begraben wurde.

Eine ausführlichere Nachricht von diesem
Fresko findet sich meines Wissens nur bei
A. Weyermann?) Diese in Einzelnheiten
zu berichtigen und zu ergänzen und da-
durch ans das Werk aufmerksam zu machen,
ist der Zweck dieser Zeilen.

Im 3. Band der handschriftlichen Ge-
schichte des Klosters Wettenhausen 2) be-
richtet der Klosterannalist ?. Franz Petrus
— den Freunden der Kirchen- und Kloster-
geschichte Deutschlands bekannt durch seine
Luevia ecclesiastica und seine Germania
Canonico-Augustiniana —, daß Propst
Georg von Wettenhausen im ersten Jahre
seiner Regierung, 1532, durch Martin
Schaffner eine Darstellung der Gründung
des Klosters an die Wand des Chores in
der alten Kirche habe malen lassen mit
der Unterschrift: „Durch die wolgebornen
Grausen von Roggenstein vnd ir Mutter
Frau Gertrawt, Grass Conrat ein Ritter
vnd Graust Wernhär seinen Bruder ist diß
gegenwärtig Gottshauß gestifst. Als man
nach Christi vnsers Seligmachers Geburt zalt
neunhundert vnd zway vnd achtzig Jar.
Denen Gott gnädig sein wolle." Dieses
Gemälde habe unversehrt und wohlerhalten
(Integra et illaesa) eine von allen be-
wunderte Zierde der Kirche gebildet bis
zum Jahre 1673, dann sei es aus Anlaß
der Renovation von Kirche und Chor
übertüncht und so den Blicken entzogen
worden (albedine super inducta omnino
fuit revelata; mit albedo könnte auch eine
Gypsmasse bezeichnet sein); doch habe sich
im Kloster eine Kopie davon erhalten.
Diese Kopie wurde, wie der Klosterarchivar
?. Werner Gall berichtet,3) int Jahre

st Neue hist.-biogr.-artist. Nachrichten von
Gelehrten und Künstlern aus der vormaligen
Reichsstadt Ulm II, Ulm 1829, <5.464. Grün-
eisen und Mauch, Ulms Kunstleben im M.-A.
lag mir nicht vor.

st Annal, Wettenhus. P. II tom. 1 p. 221 sq.
nach der alten Paginirung; dieser Band ist im
Jahr 1688 geschrieben; er befindet sich im Kgl.
allg. Reichsarchiv in München.

st Ann. Wett. P. IV P. 166. (Dieser Band
befindet sich in der Stadtbibliothek zu Augs-
burg.)

1790 im Kapitelssaale aufbewahrt. Der-
selbe Schriftsteller bezeichnet in seinem
„Historisch-diplomatischen Unterricht von der
Jmmediatät des Reichsstistes Wettenhau-
sen" *) die rechte Wand des Chores als
jene, welche das Freskogemälde trug. Doch
ist diese Angabe nicht ganz zuverlässig,
da W. Gall keine anderen Vorlagen über-
dies Bild gehabt zu haben scheint, als die
Mittheilnngen des Franz Petrus; dieser
spricht sich aber tlicht darüber aus, ans
welcher Seite des Chores die Darstellung
angebracht war; überdies leidet der Bericht
Galls auch sonst an Ungenauigkeiten und
Flüchtigkeiten.

Die Kopie nun hat sich bis auf unsere
Tage erhalten und befindet sich im (jetzigen
Dominikanerinnen-) Kloster Wettenhausen.
Sie ist ans Leinwand gemalt und ohne
Zweifel in bedeutend verkleinertem Maß-
stabe ansgesührt. Die Maße der Kopie
sind 1,18 m Breite, 1,155 m Höhe, wo-
von aus die bildliche Darstellung, die ge-
malte architektonische Umrahmung abge-
rechnet, entfällt 0,84 X 0,61 ni. Der
Vorwurf ist der oben angegebene (nicht
Scenen aus dem Leben Mariä, wie Weyer-
mann sagt). Gertrud, welche von der
Wettenhauser Klostertradition als Gräfin
von Roggenstein bezeichnet wird, kniet mit
reichen Gewändern bekleidet, Kirche und
Kloster mit Hilfe eines Engelknaben auf
den Händen tragend, vor der Mutter
Gottes (sie und den hl. Georg verehrte
man im Kloster und in der Kirche als
Patrone). Zur Linken der Gräfin steht
der eine ihrer Söhne, die Hände aus-
breitend, mit der Geberde der rückhaltlosen
Hingabe. Hinter den beidett kniet der
zweite Graf, welcher die Hände lose faltet?)
Der Propst des Klosters, in der linken
Ecke des Bildes in knieender Stellung,
hält mit beiden Händen ein Gebetbuch vor

st Abschriften dieses ebenfalls nur handschrift-
lich überlieferten Werkes (1782) in ntehrereit
Archiven; auch mir liegt nur eine Abschrift vor.
Das Original befindet sich vermuthlich im Kgl.
Kreisarchive zu Neuburg a. D.

st Weyermann behauptet, daß das Bildniß
des Malers sich auf der Darstellung fiitde; da
die Kopie keine anderen, als die im Texte ge-
nanttten Figuren zeigt, so müßte sich Schaffner
in einem der beiden Grafen zur Darstellung ge-
bracht haben, was ich mangels eines Bildnisses
Schaffners nicht sestzustellen vermag.
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