Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 36
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sich hin. Der eine der Grafen hat das
(frei behandelte) Wappen der Markgraf-
schaft Bnrgau zu Füßen, die Gräfin
Gertraud das angeblich Noggensteinsche
Wappen; dieses letztere erscheint noch zwei-
mal, von schwebenden Engeln getragen
und war auch Klosterwappen. Maria sitzt,
das göttliche Kind ans dem Schoße hal-
tend , auf einem Throne, hinter welchem
Engel einen Teppich ausbreiten; über dieser
Gruppe sieht man drei Engelknaben
heranfliegen mit einer Krone, welche sie
der Mutter Gottes anfs Haupt zu setzen
im Begriffe sind, zum Sinnbilde, daß durch
die Stiftung dieses Klosters ihr ein neuer
Mittelpunkt der Verehrung geschaffen werde.
Den Hintergrund bildet eine Landschaft,
in welcher die Burg Noggenstein sichtbar
wird. Die ganze bildliche Darstellung ist
von einer in reichem Renaissancestil ge-
haltenen Umrahmung eingefaßt, welche von
zwei Säulen getragen wird; aus dem
Sockel der linken Säule findet sich zwi-
schen den Jahreszahlen 15 . 32 das be-
kannte Monogramm Schaffners, an der
entsprechenden Stelle gegenüber zwischen
den Zahlen 16 . 73 das Monogramm

|.Üj( welches den Maler der Kopie be-
zeichnet.

Da im Laufe dieses Jahres von Staats
wegen eine Restauration der Wettenhausener
Kirche vorgenommen wird, so ist nicht zu
zweifeln, daß dem Werke Schaffners ge-
bührende Aufmerksamkeit zngewendet wer-
den wird. Vielleicht gelingt es den um-
sichtigen Bemühungen der die Restauration
leitenden Banbeamten, ein Kunstwerk wieder
bloßzulegen, welches die interessante Kirche
um einen kostbaren Schatz bereichern würde.

Im Anschluß an dieses unzweifelhaft
echte Werk M. Schaffners dürfte es an-
gezeigt erscheinen, über eine andere den
genannten Maler betreffende Tradition zu
berichten, welche uns gleichfalls durch die
Wettenhausenscheu Quellen vermittelt wird,
aber noch sehr der Bestätigung durch ander-
weitige Zeugnisse bedarf. Martin Schaffner
wäre nämlich nach den Annales Wetten-
hus. auch Bildhauer gewesen und hätte,
so berichtet Franz Petrus, im Jahre 1514

? Die „Grafen von Noggenstein" galten in
der Wettenhcmser Tradition als Stammhaus der
Grasen von Berg, welche historisch nachweisbar
die Markgrafschaft Burgau innehatten.

mehrere Skulpturen, Oelbergsscenen dar-
stellend, für das Kloster gefertigt?) Was
nun diese Nachricht, abgesehen davon, daß
meines Wissens eine bildhanerische Thätig-
keit Schaffners anderweitig nicht bezeugt
ist, zum vorhinein etwas verdächtig er-
scheinen läßt, ist der Umstand, daß der
Name „Martin Schaffner" in den „An-
nalen" aus einer Rasur steht; doch ist er
von derselben Hand und in demselben
Zuge geschrieben. Werner Gall spricht
demselben Meister noch zwei weitere Skulp-
turen zu, Darstellungen der Geburt Christi
und der Anbetung der Weisen?) Von all
diesen Werken hat sich in Wettenhausen
nichts mehr erhalten, weßhalb die be-
treffenden Nachrichten ans ihre Glaub-
würdigkeit schwer zu prüfen sind. Der
Umstand allein, daß Werner Gall von
Skulpturen Schaffners berichtet, voll wel-
chen Fr. Petrus 100 Jahre früher noch
nichts zu wissen scheint, reicht nicht aus,
die Notizen als unglaubwürdig zu ver-
werfen, da Werner Gall das Klosterarchiv
einer sehr gründlichen Durchsicht und voll-
ständigen Neuordnung unterzog und mög-
licher Weise Rechnungen oder Briefe oder
Tagebücher ans Licht gezogen haben kann,
welche Petrus entgangen waren; auffällig
bleibt auch dann noch der Mangel einer
Datirnng der voil W. Gall bent Schaffner
zugeschriebenen Werke.

Jndeß das Dunkel dürfte sich zerstreuen
angesichts einer Nachricht über eine andere
angeblich Schaffnersche Skulptur. An der
angeführten Stelle erwähnt nämlich W.
Gall auch, daß Schaffner in primo sta-
tim saeculi decimi sexti exordio uni-
versam hierarchiam coelestem in ara
beatissimae virginis nostrae visendam
... ex opere sculptili rara arte con-
fecit. Die hier genannte Skulptur ist
unzweifelhaft identisch mit jenem Bilde,
welches heute noch den „Rosenkranzaltar"
in der Pfarrkirche zu Wettenhausen ziert;
dieses aber auch nur der nachweisbar
frühesten Zeit der Wirksamkeit Schaffners
zuzuschreiben, wird man wohl die größten
Bedenken tragen müssen. Der Charakter
des Werkes ist durchaus spätgothisch und
läßt noch keinen Einfluß der Renaissance
erkennen. Auch zeigt das Bild nicht die

1) Ann. Wett. P. II t. 1 p. 118.

2) ib. P. IV p. 166.
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