Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 37
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charakteristische Art der Formeugebung,
wie sie den Figuren in den Gemälden
Schaffners eigen ist. Doch darüber mögen
genaue Kenner der Art Schaffners ihr
kompetentes Urtheil sprechen. Jedenfalls
steht und fällt mit demselben die Tradition
des Klosters Wettenhansen über die bild-
hauerische Thätigkeit Schaffners überhaupt.

Ueber den Ulmer Meister Hans Multscher.

Von Pfarrer vr. Probst in Essendorf.

Wieder schickt sich ein Ulm er Meister des
15. Jahrhunderts an, aus der bisherigen Um-
hüllung hervorzutreten: Hans Mult sch er,
Bildhauer und Maler, geboren in Reichen-
hosen, OA. Leutkirch, gestorben 1467 in Ulm.

Schon im Jahre 1884 hatte Herr C.
Fischnaler in der Zeitschrift des „Fer-
dinandeum" zu Innsbruck die Reste eines
Altars in Sterz in g in Tyrol beschrieben,
als dessen Urheber ein Hans Multscher und
als Zeit der Ausstellung sich der Zeitraum
1456 bis 1458 ergaben. Dieser Name uud
die Werke fanden alsbald in den neuesten
Werken über Kunstgeschichte Aufnahme und
Würdigung; aber es wurde präsumirt, daß
dieser Meister ans Innsbruck stamme.
Herr Fischnaler aber sah sich durch einige
Einträge in den alten Rechnungen von
Sterzing über Bezahlung an Ulm er Kauf-
lente und Fuhrleute veranlaßt, in dieser
Richtung weitere Nachforschungen anzustellen.
Das Resultat, das in der Zeitschrift des
„Ferdinandeum" 1892 von ihm mitgetheilt
wird, ist ganz befriedigend. Herr Stadt-
bibliothekar C. F. Müller in Ulm konnte
ihm den Aufschluß geben, daß Hans Mult-
scher, Bildhauer, im Jahr 1427 iu Ulm als
Bürger ausgenommen wurde, daß derselbe
1433 die noch erhaltene Skulptur mit In-
schrift im Münster fertigten. 1467 daselbst starb.

Das wird genügend sein, um die Pro-
venienz der Sterziuger Skulpturen und Ge-
mälde zu sichern. Der Fund hat aber offen-
bar eine namhafte Tragweite.

Die Kunsthistoriker (Janitschek, Lübke re.)
fanden schon bisher, daß in Tyrol italienische
und oberdeutsche (schwäbische) Einflüsse sich
kreuzen, aber sie strauchelten an dem Um-
stande, daß die Tyroler Werke frühzeiti-
ger waren als die bis dahin bekannten
schwäbischen Meister. Run aber ist ein auch
der Zeit nach gut übereinstimmendes Binde-
glied in dem Meister Multscher gefunden.

Dieser Meister ist aber offenbar, nachdem
nun Werke desselben festgestellt sind, geeignet,
eine bedeutende Lücke in der bisherigen
Kunstgeschichte von Ulm selbst auszufüllen.

Bisher standen Sürlin und Sckühlein ganz
unvorbereitet und unvermittelt da. Der
Meister Hans Mnltscher dürfte sich wohl
als die Vorstufe offenbaren, von der aus,
direkt oder indirekt, diese Meister sich empor-
gearbeitet haben.

Verschwundene und verschollene Altar-
und 5chnitzwerke Jsörg Äirlins des
Jüngeren.

Bon Amtsrichter a. D. P. Beck.

(Fortsetzung.)

Der Name dieses Malers Stöcker — ein alter
Bürgername (Stocharius, Stokerius, Stocher,
Stokker k-, lateinisch truncus) in Ulm, welcher
nach dem Ulmer Urkundenbnche (S. 73 sub
Nr. 56) erstmals schon im Jahre 1244 (wemr
nicht bereits 1237) mit Fridericus Stocharius
als Zeuge in einem Gntsverkaufe der Ritter-
Ulrich von Pfäffingen an das Heiliggeistspital
vorkommt und später um das Jahr 1388 einen
Kirchenpfleger und Goldschmied Claus St., uni
das Jahr i468 einen Goldschmied Stoffel (Vater)
und Felix (Sohn) Stöcker stellte — wird in
neuerer Zeit erstmals wieder in den im Jahr
1798 (zu Ulm bei Wagner) erschienenen „Nach-
richten von Ulmischen Künstlern re." von Albr.
Weyermann (I, S. 487) und nach diesen dann
später auch von anderen, so in der „Geschichte
der Stadt Ulm" von Gg. Fischer (Ulm, 1863,
Druck und Verlag von P. Genß, S. 237 n. 238),
erwähnt, wo es über ihn auf Grund einer alten
Handschrift heißt: „Etliche Amtleute oder Diener
des Grafen Endrissen von Sunnenberg haben
einer Tafel wegen, die der Graf malen zu laßen
vorgehabt hatte, so viel mit ihm geredt, daß er
ihnen ein Muster oder Visier behändiget hätte.
Nun bitte er den Grafen, ihn dieses Werk machen
zu laßen, weil er allen Fleiß ankehren werde,
daß er sich vor dem Grafen und dem gemeinen
Mann Lob und Dank erholen werde. Montag
nach Set. Jörgentag 1491" (vielleicht die Be-
stellung des Altars?). Und weiter: „Jörg Stöcker
hatte in die Kirche zu Tischingen eine Tafel oder
Werk gemacht, woran ihm die Heiligenpfleger noch
80 fl. schuldig geblieben waren. Er bittet daher
eine Anmahnnng bei Wilhelm von Stozingen.
Freitag nach Oßwald 1495." Z Danach ist die
Schaffenszeit des Slocker (von 1469) bis 1495
bestimmt, und müßte z. B- der früher in der
Gruftkapelle, jetzt am ersten Pfeiler links der
Pfarrkirche von Oberstadion befindliche Altar vom
Jahr 1520 durch einen andern Stöcker (vielleicht
einen Sohn oder Verwandten des Jörg St?) * 2

x) Diese Nachricht hat Laßberg nach von
Donaueschingen eingezogener Erkundigung in
Ennetach selbst an Ort und Stelle (am Samstag
nach Mariä Geburt 1826) und höchst wahrschein-
lich von der Inschrift an dem noch vorhandenen
Tafelrestchen erhoben, also nicht etwa aus einem
alten Codex u. drgl.!

2) Jäger führt in seinem „Ulm im Mittel-
alter re." (S. 584) einen Maler Jörg Stöcker
aus dem Jahre 1508 auf.
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