Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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gefertigt worden sein; unter den Angehörigen
der Künstlerkonfraternitüt zn Set. Lukas in den
Wengen zu Ulm findet sich der Name Stöcker
überhaupt nicht. Daß nun dieser Jörg Stöcker
eineil Altar nach Ennetach in die Pfarrkirche ge-
liefert, beziehungsweise gemalt hat, ist nach dem
noch vorhandenen bezeichneter: Rest, der Weyer-
manllschen Notiz k. nicht zu bezweifeln; es ist
aber dabei festzuhalten, daß Stöcker Maler und
nicht Bildschnitzer war und daß die — zumal
so bedeutenden und vielen — Schnitzereibestand-
theile dieses Altares durch einen andern, viel-
leicht gerade durch Sürlin d. I. — was ja der
Zeit nach ganz gut sein könnte — verfertigt
lvorden sein müssen; die Beschaffung des Schnitz-
werkes, einschließlich von dessen Bemalung, war
für gewöhnlich nicht zugleich auch dem Maler
übertragen. Es fragt sich nun lveiter, >vie sich
dieser sicher nachgewiesene, dilrch Stöcker gemalte
Altar zu dem angeblich Sürlinschen Altar ver-
hält, bzw. ob nicht bis jetzt letzterer mit dem
erstereil einfach verwechselt worden ist, lind ob
blos ein Altarwerk der Art, oder ob in der
That zlvei altdeutsche Altäre vorhanden waren.
Für die ehemalige Existenz eines Siirlinschei:
Altares in Ennetach spricht eine zäh und hart-
näckig festgehaltelle Tradition, welche im all-
gemeinen durch die festgestellte Thätigkeit des
Meisters daselbst in den Jahren 1506 und 1509,
sowie durch das einstige Vorhandensein zahlreicher
Schnitzlverke in diesenr Tempel unterstützt wird.
Mai: könnte nun, ivie bereits angebeutet, zn der
Annahme versucht sein, beide Künstler haben mit
etnanber den Altar in der Eiinetacher Kirche
verferUgt und sich in die Arbeit, Sürlin d. I.
als Bildschnitzer, Stöcker als Maler, getheilt.
Diese Cvnjektnr ist aber nicht haltbar, weiiil man, j
>vas freilich auch nicht ivieder über alle Zweifel
feststeht, die vbbeschriebenen Sigmaringer Bilder-
tafelii als ehemalige Bestandtheile des Ennetacher
Altarwerkes annimmt, denn dieselbeil können
nicht das Werk Stöckers feilt, sind vielmehr nach
denr Anssprilch bewährter Autoritäten, sotvie
auch lallt unverdächtigem Monogramm und Na-
meilszeichen Arbeiten Mart. Schaffners, und
wird man jedenfalls vor Allenl die Aeußernng
der Museumsleitnng und des genailnteil Kunst-
verständigen, nameiltlich auch in der Richtung
ans die Echtheit von Monogramm und Zeichen
(ulld ob der in Ennetach noch aufbeivahrte
Streifen der Tafel haarscharf in die Sigmaringer
Tafeln hineinpaßt) zunächst abznwarten haben.
Wir neigen uns zu der Ansicht hin, es können —
und dies wäre die einfachste Lösung des Räthsels,
wenn mail nicht vor einem non liquet stehen
bleiben will — ganz gut zwei Altäre der Art in
der einst so kunstreichen und jedenfalls mehrere
Altäre in sich bergenden Ennetacher Kirche sich be-
funden haben. In derselben befinden sich lloch zwei
Reihen von Jörg «Sürlin d. I. geschnitzter Chor-
stiihle, nach P. Keppler, Württembergs Knnst-
alterthümer, S. 307 (Rottenburg a. N., Verlag
von W. Bader, 1888) „von einfacher, aber sein
abgewogener Anlage" mit der Aufschrift: „Jörg
Syrlin zue Ulm, 1509", sowie neben dem Hoch-
altar ein Levitenstnhl mit der gleichen Inschrift
und der Jahrzahl 1506, ein mit sich durchkreuzen-
den Bogen gekrönter, mit Intarsien geschmückter

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Dreisitz. Das Chorgestühl weist einige Aehrr-
lichkeit mit dem von Blaubeuren auf, ist aber
entfernt nicht so reich gehalten, wie letzteres
(zn vergl. über das Ennetacher Chorgestühl:
Ulm-Oberschwaben, Verhandlungen, IV, 1846,
S. 20). Auch birgt die Kirche noch einen wei-
teren Schatz — ein ungefähr 30' hohes, thurm-
förmiges, im Dreieck aus der Wand gebautes,
auf zierlichem Fuß ruhendes, mit Statuen be-
setztes Sakramentshäuschen, welches sich mit seinen
Fialen und der Thurmpyramide hoch empor-
schwingt und in einer Kreuzblume endigt —
„sehr luftiger und leichter Bau aus der Zeit des
Kirchenneubaus" (Keppler a. a. O.). Angesichts
dieses Jilwels der Kirche denkt man unwillkür-
lich ml deren obgenannten Baumeister Albr.
Georg oder noch mehr an einen der Syrlin als
Meister, von welchen aber bis jetzt nur der
ältere (und nicht auch der jüngere) als
Steinbildhaner nachgewiesen ist. Denkt Ulan
aber angesichts des in der Pfarrkirche von
Oberstadion noch erhaltenen Grabsteines
des Ritters Hans v. Stadion (in Hochrelief),
an welchem hoch oben am oberen Rand die
echte Inschrift: „Jörg Sürlin zu Ulm, 1489"
angebracht ist, nicht eher an den jüngeren
Sürlin als Meister, da ja der ältere Sürlin
bald darauf verstorben ist?st Würde dies über
alle Zweifel erhaben fein, dann wäre freilich
auch der jüngere Sürlin als Steinbild-
hauer festgestellt. — In der bereits genannten
Rottweiler Lorenzkapelle sind auch einige aus den
Frauenklöstern Urspring O.S.B. und Heilig-
kreuz t h a l O. Cist. stammende Skulpturen
(Nr. 38. 46. 48. 105 des Kat., Rottweil, 1881)
aufgeftellt, deren Meister man vielleicht in Sürlin
vermuthen darf. Ebenso darf man vielleicht den
Urheber der in der Stadtpfarrkirche von Mengen
— welches Städtchen lange Zeit mit dem nahen
Ennetach kirchlich und politisch verbunden war —
befindlichen alten Skulpturen in einen: der Sürlin
suchen. In diesem Theile von Oberschwaben
scheint überhaupt ein Hauptabsatzgebiet Sürlin-
scher Kunstwerke gewesen zu sein. Donauabwärts
befanden sich zn Zwiefalten am Fuße der
schwäbischen Alb in dem „Münster" des dortigen
Benediktinerstifts in der sogenannten „Oberkirche"
in superinre templo oder nach Arsen. Sulgers
»annales imperialis M. Zwiefaltensis etc.«
(Augsburg 1698, insbes. II, S. 109), richtiger
in superiore choro, ebenso im eigentlicher: un-
teren Chor Chorstühle arrs der Hand Jörg Sür-
lins d. I./ denn dieser und wohl keii: anderer
wird unter dem von Sulger a. a. O. genannten
sonst nicht auffindbarer: Georg Sürlin zu ver-
stehen sein.

Sürlin und Christophorus LangeiserU) (alias
auch nach Sulger a. a. O. Langenfee) fertigten
auch die sieben geschnitzter: Flügelaltäre mit Dar-
stellung des Leidens Christi in den sieben Ka-
pellen des nördlichen Seitenschiffes. Die Mittel-
bilder derselben sind uns noch im Museum der

J) Es ist überhaupt nachträglich noch zu be-
merken. daß ir: früheren Zeiten zwischen den
beiden Trägern dieses Künstlernamens in der
Bezeichnung meist kein linterschied gemacht
wurde.
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