Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 40
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und Maidbrunn .... wenn auch hinwiederum
der Gesichtsausdruck des im äußersten Schmerz
Dahingeschiedenen auf der Bingener Figur er-
greifender getroffen ist. Die Niemenschneider-
schen Werken zeigen überhaupt einen freieren
und edleren Stil . . . ." Das andere als Werk
der Ulmer Schule nicht beanstandete Relief mit
der Kleiderverlosung bestimmt Lehner seiner
Entstehungszeit nach auf die erste Hälfte des
16. Jahrhunderts; es ist noch „im ganzen von treff-
licher Erhaltung und macht mit seiner verstän-
digen Anordnung, seiner bewegten Komposition,
seinem Humor, trotz der theilweise mangelhaften
Zeichnnng und Härte der Ausführung, einen er-
freulichen Eindruck".

Weiter oben auf der rauhesten Alb, in dem
vormals Zwiefaltenschen Pfarrdorfe Tiger-
f e l d befanden sich noch bis fast in die Mitte
dieses Jahrhunderts herein in der Armenhaus-
kapelle sieben ausgezeichnete vielbewnnderte Holz-
schnitzwerke, welche den Kreuzestod Christi vor-
stellen und dorthin — nach Keppler a. a. O.
zuerst in das unter Aufsicht des Klosters Zwie-
feilten stehende Benedikterinnenkloster Mariaberg
— um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus
dem nahen Kloster nach Erbauung des neuen
Münsters gekommen waren und sich jetzt im
Museum der vaterländischen Alterthümer zu
Stuttgart befinden, nachdem der f kunstsinnige
Fürst Karl Anton Friederich v. Hohenzollern-
Sigmaringen sie auf Anregung des bekannten
Kunstsammlers, Kammerherrn von Mayenfisch
in Sigmaringen — welcher, nebenbei bemerkt,
vor Zeiten unser Oberschwaben nach Kuustalter-
thümern so gründlich abgesucht und abgeerntet
hat — vergeblich an sich zu bringen gesucht
hatte. Im einzelnen stellen diese sieben kleine
bemalten Holzreliefs mit Passivnsscenen (Sta-
tionenbildern) vor: 1. die Gefangennahme

Christi; 2. das Verhör Christi; 3. die Geiße-
lung; 4. Christus am Oelberge; 5. Kreuzigung
Christi; 6. Kreuzabnahme; 7. Grablegung. Jede
Darstellung ist in ihrer Umrahmung etwa 4' 5"
breit und 6V2—7' hoch, mit ungefähr 3' hohen
Figuren; sie wurden schon vor alten Zeiten
schlechtweg dem Sürlin zugeschrieben, ohne eine
Unterscheidung zwischen dem älteren und jünge-
ren zu machen. Es werden dies dieselben Skulp-
turen sein, welche in Otte's Kunst-Archäologie
(5. Auflage, II. 657) und danach auch in man-
chen anderen Werken dem älteren Sürlin zu-
getviesen werden. Man tvird übrigens weit rich-
tiger dieselben dem j ü n g e r e n Sürlin gut-
schreiben, da für denselben schon das etwas spä-
tere Datum spricht. Die Direktion der „Staats-
sammlung vaterländischer Kunst- und Alter-
thumsdenkmale" zu Stuttgart setzt in einer in
den „Württembergischen Vierteljahrsheften für
Landesgeschichte" (7. Jahrgang, 1884, 1. Heft,
S. 49) enthaltenen Mittheilung diese Perlen der
Holzschnitzkunst in die Zeit ungefähr zwischen
1520—1530, welchenfalls sie dem jüngeren
Sürlin (welchem sie nach derselben Quelle auch
schon mehrfach zugeschrieben wurden) zufielen;
und erblickt in ihnen die höchste künstlerische
Stufe der Holzschnitzerei des 15. und 16. Jahr-
hunderts. (Schluß folgt.)

Gedanken über die moderne Malerei?)

Auch für den, der über die Entwicklungs-
geschichte der Kunst wohl Bescheid weiß, ist'es
nicht leicht, ein sicheres Urtheil zu gewinnen
über den gegenwärtigen Stand der Malerei, über
ihr Wollen und Können, über das Zeichen, unter
welchem sie steht und welches ihre Bahn, sei es
aufwärts, sei es abwärts lenkt. Das ist deß-
wegen um so schwieriger, weil die Vertreter der
Malerei selbst, von denen am ehesten klare Aus-
kunft zu erwarten wäre, nur ausnahmsweise
neben dem Pinsel die Feder zu führen geneigt
oder fähig sind, weil sie nicht im klaren öffent-
lichen Wort ihr Glaubensbekenntniß ablegen
und sich über ihre Grundsätze und Ziele aus-
sprechen , sondern nur in der Bilderschrift ihres
Pinsels, in den Geheimzeichen der Formen und
Farben. Wohl hat die Neuzeit in den perio-
dischen Ausstellungen ein Mittel gefunden, die
Erzeugnisse der Malerei aus allen Ländern und
Ateliers an einem Ort zu vereinigen und eine
bequeme Ueberschau über alle zumalzu gewähren.
Aber, noch immer ist die Aufgabe schwierig ge-
nug, aus diesen Tausenden von Gemälden gleich-
sam das eine Niesenbild der ganzen modernen
Malerei sich im Geist zusammenzusetzen und aus
und nach diesem Bilde derselben das Urtheil zu
sprechen. Es wird immer ein unvollkommenes
sein, dieses Urtheil aus der Gegenwart über die
Gegenwart; die Nachwelt wird es revidiren und
korrigiren; sie wird viel Hochgewerthetes als
Umverth darthun, manch stolzen Namen des
Ruhmes entkleiden und zu manchem Geriug-
geachteten sprechen: Freund rücke weiter hinaus.
So könnte man nun freilich versucht sein, sich
der ganzen schweren Aufgabe zu entschlagen und
sie einfach auf die Zukunft überznwälzen. Schon
in zwei bis drei Dezennien wird ja in unserer
rasch lebenden Aera die Arbeit viel leichter zu
besorgen sein; man sieht in die Vergangenheit
überhaupt klarer als in die umnebelte Gegen-
wart; die furchtbare, aber auch wohlthätige Zer-
störerin Zeit wird bis dahin mit Bielenr auf-
geräumt, Vieles der Vergessenheit überantwortet,
das Piaterial bedeutend vereinfacht haben. Und
doch ist klar, daß man die Frage nach dem
Stande der heutigen Malerei nicht einfach ver-
tagen kann. Wir brauchen Klarheit und mir
brauchen sie jetzt; sie ist nöthig denen, welche
an dieser Kunst arbeiten und denen, für welche
sie arbeiten. Da kann wohl jedes redliche
Streben nach dieser Klarheit der Anerkennung
und Beachtung sicher sein. Und wenn ein Nicht-
fachmann es wagt, seine Gedanken über die mo-
derne Malerei offen auszusprechen, so wird er
nur damit sich zu entschuldigen haben, daß er
selbst seine Gedanken und Vorschläge als unmaß-
gebliche bezeichnet und selbstverständlich sein Ur-
theil dem der Verständigeren und Erfahreneren
unterordnet. Nicht die endgiltige Lösung jener
wichtigen Frage wird er zu geben sich vermessen;
es wird nur seine Absicht sein, zu weiterem

Z Vortrag, gehalten auf der letzten General-
versammlung in Gmünd. S. Zeitschr. für christl.
Kunst 1892. Nr. 6 ff.
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