Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 44
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Inneres aufnehmen, ideal verarbeiten, künst-
lerisch umbilden, gleichsam wiedergebären, mit
Leben, Geist und Seele ausstatten und so auf
die Leinwand übertragen. Ist es nur durch
seine Extremität gegangen, führte dessen Werde-
gang bloß durch die Augen in die Finger, ohne
daß Geist, Herz und Seele davon wußten, so
wird es tobt und leblos sein. Das Streben
nach Natürlichkeit wird sich jämmerlich über-
schlagen ; seine Produkte werden vor lauter Na-
türlichkeit unnatürlich sein. Auf diesem Abklatsch
der Natur wird kein Strichleiu, keine Farben-
uuauce fehlen, nur Eines — aber dieses Eine
ist alles: das Leben. Er wird sich zur wirk-
lichen Natur verhalten >vie ein anatomisches
Präparat zum lebenden Organismus. Dieser
Ausschnitt aus der Natur wird nicht mehr par-
tizipiren au dem alldurchdringeudeu Leben, das
die Natur durchpulst, und ein anderes, höheres,
geistiges Leben wußte sein Schöpfer ihm nicht
zu geben, eben weil er nicht Schöpfer ist, son-
dern Kopist, nicht Vater und Erzeuger, sondern
elender Plagiator. „Von rechtswegen", sagt sehr
richtig der Verfasser von „Rembrandt als Er-
zieher", „darf der Künstler nur so viel Natnr-
studium in sein Werk legen, als ör ihm an
Ideengehalt ausgleichend gegenüberzusetzeu hat;
legt er mehr Naturstudium hinein, so gibt er
damit nur todte Natur."

Und jemehr der Künstler in dieser rohen,
geistlosen, mechanisch kopirenden Weise nach Na-
türlichkeit strebt, desto unfähiger wird er, über-
haupt die Natur noch zu verstehen und zu er-
fassen. Sie ist ein zartes Wesen; wer ihr nicht
mit offener Seele und sympathischem Herzen
entgegenkommt, dem offenbart sie sich nicht. Vor
diesen Künstlern, die ihr mit ihrer Staffelei und
borstigen Pinseln auf den Leib rücken und mit
raffinirter Technik kalten, gefühllosen Herzens
sie zu sezireu anfangeu und ihr ihre Geheim-
nisse abzwingen wollen, — vor ihnen zieht sie
sich in sich selbst zurück und entschleiert sie ihr
Antlitz nicht. Daher kommt es, daß diese Ma-
lerei die große Demüthigung erleben mußte, von
einer Konkurrentin, die tief unter ihr steht, die
sie nie als ebenbürtig anerkennen würde, über-
troffeu und übertrumpft zu lverden: die Pho-
tographie mit ihrem rein mechanischen Repro-
duktivusverfahren leistet für Wiedergabe der
Natur und Wirklichkeit mehr und leistet es auf
viel einfachere Weise, sie ist immer noch pietäts-
voller und noch viel objektiver, und hat sie sich
vollends ganz zur Fähigkeit chromatischer Wieder-
gabe erschwungen, setzt sie ihre vornehme Neben-
buhlerin schachmatt. ° Die Linse des photogra-
phischen Apparats ist immer noch schärfer als
die Linse des menschlichen Auges und sie kann
mehr zumal umspannen; auch die Kopie, die er
liefert, ist genauer und treuer.

Das falsche Formalprinzip: Natur ist Kunst
und Naturnachmalung ist Malerei, muß zum
Fall gebracht werden. Es hat unendlichen Scha-
den augerichtet. Seine Konsequenz ist eine jäm-
merliche Verarmung der Malerei und eine rechts-
widrige Schmälerung ihres Herrschaftsgebiets;
ihr bleibt nur das Reich der Wirklichkeit, d. h.

der Wirklichkeit der fünf Sinne; sie verliert das
ganze große Reich der psychischen und geistigen
'Wirklichkeiten. Seine Konsequenz ist der Unter-
gang der religiösen und der Historienmalerei.
Ihm danken wir Historienbilder ohne Geist und
Seele, religiöse Bilder ohne religiösen Hauch,
gemalte Kostüme, durch welche überall die Glie-
der des Modells durchscheinen; ihm geist- und
herzlose Schilderungen des Volkslebens, die frech
mit den herz erfreuenden Bildern unseres Knaus,
Bautier, Defregger rivalisiren, ihm Laudschasts-
bilder, deren Farben uns in die Augen brennen,
die uns aber eiskalt ans Herz greifen, — lauter
Kuustprodukte, bei welchen alle fünf Sinne eifrig
mitgearbeitet haben, bei welchen aber der sechste,
wichtigste, der Kunstsinn, nichts zu thun hatte,
welche unsere fünf Sinne affiziren, aber unserm
Innern nichts zu sagen haben, — Bilder, welche
die Natur nicht darstellen, sondern morden,
welche das Volksleben nicht schildern, sondern
eickgeisten und verblöden.

Im nächsten Artikel wollen wir zwei neuere
Spezialschulen des Naturalismus besprechen,
von denen die eine Ziel und Zweck der Malerei
in der Wahrheit sucht, die andere in der
Farbe.

Der Verlag von Cordier in Heiligen-
stadt (Eichsfeld) hat ein von der Beuroner Kon-
gregation verfaßtes und von deren Malerschule
reich illustrirtes F e st a l b u m z u in fünf-
z i g j ä h r i g e u B i s ch o f s j u b i l ä u ni des
h l. Vaters herausgegeben, gleich gediegen
nach Wort und Bild (Großfolio, 26 S. mit 15
Illustrationen und einer sehr schönen Reproduk-
tion des Papstbildes von Chartran). Wir danken
es der Beuroner Malerschule sehr, daß sie mehr
und mehr mit ihren Werken in die Oeffentlich-
keit tritt. Sie vermehrt dadurch mit der Zahl
ihrer Bekannten auch die Zahl ihrer Verehrer
und vernündert die Vorurtheile, denen sie bis-
her mitunter begegnet ist. Neuerdings wurde
gar ihren Bildern von einer Seite, von der man
es am wenigsten Hütte erwarten sollen, der reli-
giöse Gehalt und die erbauliche Wirkung abge-
sprochen, welche selbst erklärte Gegner rückhaltlos
ihnen zuerkannt hatten. Das christliche Volk, in
dessen Namen in dieser Kritik anderes und bes-
seres gefordert ivird, hat zum Glück hierin ein
unbefangeneres Urtheil und Gefühl. Es liebt diese
Bilder und betet vor ihnen aus Herzensgrund
und gesteht gern und laut, daß es in ihnen
wahre Andachtsbilder erkenne. In diesem Punkt
wiegt sein Urtheil mehr. —

Nr. 3 d. Bl. enthielt eine Beilage von Eugen
Salzer, Heilbronn, über die bei I. Schmidt,
Florenz, erschienenen Knöflerschen Farbenholz-
schnitte, auf die wir hiemit nachträglich Hinweisen
möchten.

Dieser Nummer liegt ein Prospekt der Firma
T. O. Weigel Nachf. in Leipzig, betreffend
Verzeichn iß im Preise ermäßigter
Werke aus dem Gebiete der Kunst-
wissenschaft, bei.

Stuttgart, Buchdruckerer der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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