Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 48
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Blatt führt denselben verkleinert, aber in
allen Einzelnheiten erkennbar dem Auge
vor; ein kleineres Blatt bringt die Ge-
wölbemalerei. Der ganze Gemäldecyklus,
welcher die Person und das Leben der
Gottesmutter zum Grnndthema hat, ist
fünftheilig gegliedert, der Architektur ent-
sprechend. Maria sine labe concepta —
(Fenster) — Maria virgo — Maria
mater dei — Maria compatiens —
Maria mediatrix: das sind die Grund-
gedanken der Einzelcyklen. Jeder Cyklns
ist reich ansgestattet mit nentestament-
licher Geschichte, alttestamentlichen Typen
und symbolischen Beziehungen. Architektur
und Malerei stehen in harmonischem Ver-
hältnis; zu einander. Die Anordnung und
Eingliederung der Kompositionen ist mit
großem Geschick vollzogen. Gedanken,
Formen und Linien, wirkliche und gemalte
Architektur klingen in reicher, harmonischer
Musik zusammen. Der Stil entspricht
dem der Kirche und verräth die Nach-
ahmung der italienischen Meister, nament-
lich Anklänge an die von Alticchiero und
Avanzo ansgemalte Capelia S. Felice und
an die Malereien von S. Giorgio in
Padua; ein höchst eleganter und graziöser,
leichtflüssiger und reicher Stil in den
architektonischen wie figuralen Motiven.
Wir halten auch diesen Stil für relativ
berechtigt; wenn es aber uns znstände,
Aenderungswünsche zu äußern, so würden
wir doch einmal für etwas einfachere Be-
handlung des architektonischen Elements
stimmen, namentlich für Zurückschneidung
der phantastisch überquellenden Pracht des
Zierbogens in den großen Kompositionen
der Breitseiten; sodann auch für mehr
Maßhaltnng in der Staffage überhaupt, da-
mit dieselbe nicht zerstreuend und ver-
wirrend wirkt. In der Komposition, welche
die Christenheit ums leere Grab der hl.
Jungfrau versammelt zeigt, sollen wohl die
Blicke aller sich emporrichten znm Krö-
nnngsbild im Gewölbe; zwischen der er-
steren und dem letzteren aber einen Zn-
sammenhang herzustellen, wird nicht leicht
sein, weil die erstere zu tief unten ange-
bracht ist; man könnte ihr vielleicht den
oberen Platz einräumen, welchen jetzt die
Pfingstdarstellung innehat. Ob in dem
schön behandelten Gewölbe nicht die archi-
tektonischen Rahmen für die Symbole

besser ganz wegfallen würden? Gerade
hier scheint mir ein solches Gewirre von
Linien, daß wahrscheinlich auch nach der
Uebersetznng in den großen Maßstab es
dem Beschauer vor den Augen flimmern
und derselbe nicht mehr im Stande sein
wird, die Hauptsachen, die sinnbildlichen
Gedanken aus dem Ueberreichthum von
Ornament herausznschälen.

Doch das alles sind nebensächliche, viel-
leicht unbefugte kritische Bemerkungen.
Der skizzirte Entwurf und der Name
des Meisters enthalten gewichtige Bürg-
schaften dafür, daß die deutsche Kunst tu
Loreto hinter der italienischen nicht zn-
rückstehen wird. Möge die schöne Bro-
schüre von bleibendem Werth der Kasse
des Comites reichlich Mittel znführen.

Verschwundene und verschollene Altar-
und ^chnitzwerke Jörg Sürltns des
Jüngeren.

Von Amtsrichter a. D. P. Beck.

(Schluß.)

In die gleiche Sammlung, über welche
leider immer noch kein Katalog — ein sehr
empfindlicher Mangel — vorliegt, sind im
Jahre 1865 ans dem Nachlasse des Domde-
kans Hirscher in Freibnrg, dem Besitzer einer
einst berühmten Sammlung zwölf Holzskulpturen
gekommen, deren Mehrzahl ans dem 15. Jahr-
hundert stammt und nach den maßgebenden
Merkmalen, als Stil, Kostümen re. oberdeut-
schen bezw. schwäbischen Ursprungs (vielleicht
auch von Sürlin) und von ziemlichem Kunst-
werthe ist. Fünf derselben weisen durch Stil
und Kostüm auf das 16. Jahrhundert; und
unter diesen befinden sich vier Reliefs aus der
Leidensgeschichte Christi, die in Betracht ihrer
geistvollen Komposition, der Lebendigkeit der
Motive und der trefflichen Charakterisirung der
Personen einen Meister von nicht geringer Be-
deutung verrathen. — Der Vollständigkeit halber
fügen wir noch an, daß auch zu Z w i e f a l t en-
do r f, einem gleichfalls früheren Kloster-Zwie-
faltenschen Dorfe, in der Pfarrkirche ein zwar
einfaches Chorgestühl ohne Dorsal mit kleinen
Säulchen unter den Wengenstücken mit dem Na-
men Jörg Sürlin 1499 — das ist also dem
jüngeren — noch erhalten geblieben ist.
Ganz das gleiche Chorgestühl mit einigen Thier-
köpfen und Todtenkopf sieht man in der kunst-
reichen Kirche zu O b e r st a d i o n und darf
man dasselbe sowie die ebendaselbst befindlichen
kleinen, sehr schönen Brustbilder der vier Evan-
gelisten vielleicht ebenfalls dem Jörg Sürlin
d. I. zuweisen. — Weiter besaß die W e n g e n -
k i r ch e von U l m (nach der Ulmer Oberaints-
beschreibnng, Stuttgart und Tübingen bei Cotta
1836, S. 87, zu vgl. mit A. Weyermann, Nach-
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