Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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richten von Ulmischen Künstlern, I, S. 498)
noch zu Anfang der 1830er Jahre einen schönen
Altar von Jörg Sürlin d. I., dessen Schicksal,
obwohl es ja noch nicht so lange her ist, wir
nie erfragen bezw. in Erfahrung bringen konn-
ten — wieder ein trauriger Beleg, daß selbst
in unserem aufgeklärten Jahrhundert noch
solche Kunstwerke spurlos verschwinden konn-
ten! An sich schon tväre ja das Vorhandensein
eines von Sürlin gefertigten Altares in der
Kirche eines von jeher kunstreichen und kunst-
liebenden Stiftes ganz erklärlich. Aus der von
dem Prälaten Michael III. Kuen verfaßten Ge-
schichte dieses Klosters: Wenga s. informatio
historica de exempti collegii sancti Archan-
geli Michaelis ad insulas Wengenses Cann.
Regg. etc., Ulmae 1766, dem 6. Theile des
großen Klosterwerkes: »Collectio scriptorum

historico — monastico — ecclesiasticorum
variorum religiosorum ordinum» erhält man
leider keine Aufklärung; dieses Werk theilt mit
anderen ähnlichen aus früherer Zeit den empfind-
lichen Mangel an knnst- und kulturgeschichtlichen
Notizen. Vielleicht ist die in der Wengensakri-
stei heute noch ausgestellte, an Sürlin erinnernde
Gruppe: Christus am Kreuz mit Maria uitd
Johannes noch ein von diesem Altar übrig ge-
bliebenes Stück. Ein nach Wenga von Abt
Johannes Mann um das Jahr 1497 hinter-
lassenes Manuskript: »de altaribus Monasterii
in Insulis fori extra muros« (a. a. 0., S. 92)
könnte vielleicht Aufschluß geben. Jedenfalls
darf dieser Sürlinsche Altar tticht, >vie schon ge-
schehen, mit dem sogenannten Lucasaltar der
Künstlerbrnderschaft ans dem Anfang des 15.
Jahrhunderts, von welchem die „Veröffentlichnn-
geit des Vereins für Kunst und Alterthtnn von
Ulm und Oberschwabeit" (von 1870, S. 40)
handeln und welcher schon im 17. Jahrhundert
weggekommen zu sein scheint, verwechselt werden.
Wahrscheinlich bezieht sich der Passus in Wenga,
S. 61: »chorum scamnis ac pluteis exornavit
ac pro summo altari pretiosam comparavit
tabulam» auf beit Lucasaltar. Schon die Fiille
der hier mehr oder weniger nachgewiesenen Knnst-
erzengnisse läßt die Produktivität eines Meisters
wie der jüngere Sürlin ahnen; und tvie vieles
aus seiner Werkstätte einst Hervorgegangene mag
gar nicht mehr bekannt, längst verschwunden,
zerschlagen oder vergangen sein?! . Was mag
nur alles an Kunstschätzen, darunter sicherlich
noch manche Schnitzwerke der beiden Sürlin,
das Ulmer Münster vor dem Bildersturm, der
ja in diesen heiligen Hallen greulich wüthete, in
sich geborgen haben; hätte sich dies alles nur
halbwegs erhalten, so wäre dieser majestätische
Dom nicht nur einer der schönsten und größten
Tempel, sondern auch noch die erste altdeutsche
Knnstkammer der Welt!

Druck fehl er b eri chtignng: In Nr. 4

S. 33, 2. Sp., 8. Zeile (von unten herauf) soll
es statt Sürlin heißen: Suczlin.

Gedanken über die moderne INalerei.
(Fortsetzung.)

Welches ist der Zweck der Malerei? Darauf
gibt eine besondere Schule der Naturalisten eine

andere scheinbar sehr klare und konkrete Aus-
kunft. Ihre Devise lautet: Die Malerei hat
nach W ahrh eit zu streb en und d as Wahre
wahr darzustellen. Diese Devise hat eine
verborgene polemische Spitze, welche in dem
Schlagmort sich zeigt: N i ch t S ch önh eit, s vn-
dern Wahrheit.

Das Wort von Schiller: „Das Schöne ist die
Jneinsbildung des Realen und Idealen" enthält
in bündigster Fassung eine ganze Aesthetik und
vernrtheilt jede exklusiv reale Kunstrichtung.
Aber freilich nur unter der Voraussetzung, daß
die Knnst es wirklich mit dem Schönen zu thun
und nttf Schönheit abzusehen hat. Gerade dies
aber, sagen die Vertreter dieser Richtung, ist
eine unberechtigte Voraussetzung. Das Schön-
heitsprinzip ist eine petitio principii, kein Prinzip.
Daß Schönheit Seele und Ziel der Knnst sei,
ist nichts als ein unbegründeter und grundlos
fortgeschleppter Jrrthum. Nicht Schönheit, son-
dern Wahrheit. Die stolze Fahne der Wahrheit
soll die moderne Malerei zu neuen Siegen füh-
ren. Man schaut mitleidig ans die alte Malerei
herab und nennt die Anhänger der alten Schule
„Schönmaler" mit der schlimmen Nebenbedeu-
tung von Schönfärber, und man klagt sie an,
daß sie in den tveichen Umarmungen der Schön-
heit die Wahrheit vernachlässigt haben.

Die Wahrheit, — wenn dieses Wort im Voll-
sinn genommen >vürde, könnte es ja in der That
ein herrliches Ziel der Malerei bedeuten; aber
man entdeckt alsbald, in welchem Sinne dasselbe
gemeint ist. Man stößt sofort auf eine höchst
bedenkliche Begriffsverivirrnng. Was diese an-
streben, ist nicht die Wahrheit, sondern die
Wirklichkeit und zwar wieder nur die Wirk-
lichkeit der fünf Sinne, so daß >vir vor dem alten
Jrrthum stehen. Wirklichkeit ist noch nicht Wahr-
heit. Wahr wird die Wirklichkeit erst dadurch,
daß ich sie geistig erfasse, erkennend dnrchdringe,
sie in meinen Wahrheitsbesitz anfnehme, andere
von ihrer Wahrheit überzeuge und dadurch sie
in den Wahrheitsbesitz anderer einfüge. Damit
fällt die künstlich konstruirte Identität zwischen
Wahrheit und Realität, die künstlich aufgerichtete
Trennungswand zwischen Wahrheit und Idealis-
mus, aber auch der künstlich geschaffene Wider-
spruch zwischen Wahrheit und Schönheit. Es
mag richtig sein, daß mitunter die frühere Kunst
im Streben nach Schönheit in Konflikt kam mit
der Wahrheit, daß eine Schönheit angestrebt
wurde in kraftlosem, weichlichen Sinn von Lieb-
lichkeit, Anmuth, daß man ihr Wesen in Aeußer-
lichkeiten, in reizendem Spiel der Formen suchte,
in unbefugtem Ausschluß starker Kontraste, in
nntvahrer Abschwächung der Wirklichkeit, in nn-
nöthigem Abschliff ihrer Ecken. Aber sobald
man dem Wort Schönheit sein Mark beläßt, ist
es total unrichtig, daß das Streben nach Schön-
heit an sich der Wahrheit zu nahe trete; die
eigentliche künstlerische Schönheit hat die Wahr-
heit zur Voraussetzung; das Unwahre kann tticht
künstlerisch schön sein.

Einen Betveis erbrachte mau dafür, daß die
alte Kunst die Wahrheit vernachlässigt habe; ihr
Vorübergehen am Unschönen, Widerwärtigen,
Häßlichen in der Natur und Menschenwelt. So
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