Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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hat die extreme Schule des Impressionismus alle
ihre Kräfte eingesetzt, um dieses Versäumniß
nachzuhvlen und einen förmlichen Kult des
Häßlichen inaugurirt. Das ist entschieden die
seltsamste Erscheinung in der ganzen neueren
Geschichte der Malerei, der nichts Analoges aus
früherer Zeit an die Seite gesetzt werden kann.
Seit einem Jahrzehnt können wir keine Gemälde-
ausstellung mehr besuchen, ohne Bildern zu be-
gegnen, welche das Verkrüppelte, Verkrümmte,
Abstoßende in Natur- und Menschen-Erschei-
nungen, die ekelerregenden Anblicke von Krankheit,
Siechthnm, moralischer und physischer Herab-
gekommenheit, die verblödenden und verthieren-
den Einflüsse und Wirkungen von Schuld und
Laster, von Kretinismus und Idiotismus so
brutal wahr wiedergeben, daß es den ganzen
leiblichen und geistigen Menschen erfaßt und wie
Brechreiz schüttelt.

Nun hat ja das Häßliche seine Stellung und
Berechtigung in der darstellenden Kunst, und
eine Natnrdarstcllung und Lebensschildernng, die
ihm ganz ans dem Wege gehen wollte, müßte
mit Glacehandschuhen und auf Stelzen durchs
Reich der Wirklichkeit schreiten. Das Häßliche
ist überall da am Platze, lvo ein vernünftiger
Zweck es fordert und ruft, wo es dem Schönen
und Guten zur Folie dient, wo es durch seinen
Gegensatz klärend, heilsam abschreckend wirkt, wo
es als Nichtseinsollendes betont, oder >vo der
auch in ihm mitunter noch liegende Humor ihm
abgewonnen wird. Wenn aber jene Meister
durch das Prinzip der Wahrmalerei zum aus-
schließlichen Dienst des Häßlichen verpflichtet zu
sein meinen, wenn sie das Häßliche um seiner
selbst tvillen und für sich allein nachbilden, so
liegt darin doch eine gräßliche Verirrung und
ein abscheulicher Götzendienst, nur noch vergleich-
bar jener grausenhaften Vorliebe der herabge-
kommensten heidnischen Religionen für das Mon-
ströse und Scheußliche. Ist denn, so muß man
hier fragen, das Häßliche allein wahr? oder eignet
ihm ein höherer Grad von Wahrheit? Und fühlen
diese Maler nicht, daß sie auch hier im Streben
nach Wahrheit unwahr werden, das Häßliche in
der Natur noch überhäßlichen, weil sie es un-
gemischt darstellen, für sich aus dem großen
Tableau des Lebens ausschneiden, während es
in der Wirklichkeit nie ganz unvermischt auftritt,
immer noch eine gewisse Ausgleichung und Ver-
söhnung findet? Die Natur und Wirklichkeit
quält uns nicht und ekelt uns nicht an durch
den Anblick des Häßlichen, lvie diese Kunst; sie
zeigt es uns in der Umgebung von anderem,
sie zeigt es uns in anderer Beleuchtung, sie
nöthigt uns nicht, den Blick darauf zu bannen,
sie erlaubt uns darüber wegzugehen. Diese
Kunst thnt uns Gewalt an, sie nöthigt uns das
Häßliche auf, sie reibt es uns derb unter die
Nase! *)

x) M. (Karriere, „Materialismus und
Aesthetik" (Gegen den Materialismus. Gemein-
faßliche Flugschriften Nr. 1, Stuttgart 1892)
S. 21 f.: „Zeigt uns der Künstler den Dünger-
haufen und malt und beschreibt er ihn grell,
damit er allenfalls auch durch die Phantasie ans

Und nun muß leider gesagt werden, daß auch
die oben belobte Volkstümlichkeit unserer mo-
dernen Malerei, ihre Herablassung zum Niedrigen,
zum Elend, zu Arbeit und Noch, ihre Vorliebe
für den vierten Stand zum guten Theil bloß
in dieser Geschmacksverirrung ihr treibendes Motiv
hat und dadurch an Werth verliert, ja geradezu
bedenklich tvird. Nicht die Liebe zum armen
Mann, nicht das Mitleid mit dem hungernden
Sklaven der Maschine bewegt sie, sich in diese
von Schmutz und Elend starrenden Tiefen hinab-
zubegeben, sondern die Freude am Häßlichen.
Und nun schildert sie das Häßliche, das sie hier
findet, mit solcher Gefühllosigkeit und Rücksichts-
losigkeit, daß wahrlich dadurch die soziale Frage
nur verschärft werden kann. Dieses „sozialistische
Elend in Oel" kann das der Wirklichkeit nur
vergrößern, nichts zu seiner Linderung beitragen.
Die Sozialdemokratie könnte sich keine andere
Kunst wünschen; diese schafft Wasser ans ihre
Mühle und ist eins mit ihr in dem Bestreben,
die Unzufriedenheit künstlich zu vermehren. Wenn
auch hier keine andere Tendenz waltet, als die
Wirklichkeit so genau als möglich wiederzugeben,
so macht sich die Kunst geradezu eines Ver-
brechens schuldig; sie macht mit ihren grellen
und scharfen Farben die soziale Krankheit noch
akuter; sie treibt den schändlichsten Wucher, der
je an der Noth des Nebenmenschen sich ver-
sündigt hat. Das heißt aus der Armuth, dem
Elend, dem Hunger anderer Farben reiben und
den Jammer des Nebenmenschen ausbeuten, um
Aufsehen zu erregen und Geld zu machen.

Doch es ist nicht nöthig, diese Richtung mit
besonderem Nachdruck zu bekämpfen. Sie ist im
Rückgang begriffen; die Dutzende solcher Bilder
sind auf ein Dutzend in jeder Jahresausstellung
zusammengeschwunden. Bedauern muß man nur,
daß diese Bekehrung nicht die Frucht besserer
Einsicht und Erkenntnis; und wahrer Rene ist,
sondern eigentlich nur durch den Hunger bewirkt
wurde. Das Volk, das Publikum hat diese
Kunst zum Hungertod verurtheilt; sie fand keine
Käufer. Man mochte zu ihrer Rettung und
Empfehlung noch so künstliche Sophismen spinnen;
daß ja noch gar nicht ansgemacht sei, was schön
sei, daß das ja ein sehr dehnbarer Begriff sei,
daß das Häßliche das Salz des Kunstschönen
sei, man mochte mit den Hexen in Shakespeare's
Macbeth singen: „schön ist häßlich, häßlich schön",
— das Publikum war in diesem Punkt nicht
irrezuführen, es sah das Häßliche und wandte

die Nase wirkt, wenn er doch den Gestank nicht
malen kann, nun so zeige er auch die Rose oder
Lilie, die ans dem Dünger hervorblüht, sonst
verschone er uns in der Kunst lieber mit dem,
woran wir im Leben lieber vorübergehen . . .
Mistjanche zu trinken, kann mich niemand zwingen,
ich kann sie stehen lassen; sie ist da, sie ist gut,
um das Getreidefeld zu begießen, und ich werde
dem Bauer nicht zürnen, der unbekümmert uni
meine Spaziergängernase sie auf seinem Acker
verwerthet; aber vor der Bude warnen, wo Mist-
jauche als ein besonders moderner Trank aus-
geboten wird, denn ich glaube nicht, daß er heil-
kräftig, sondern daß er gesundheitsschädlich wirkt."
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