Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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sich davon ab; es war noch zu sehr ini alten
Vorurtheil befangen, das; die Kunst nicht dazu
da sei, des Lebens Häßlichkeiten noch künstlich
zu vermehren, sondern das Leben zu verschönen
und zu verklären, und so konnte außer einigen
Staatsgalerien sich niemand dazu entschließen,
derartige Kunstwerke um Geld zu erwerben.

Noch eine andere Antwort erhalten wir auf
die Frage: welches ist der Zweck der Malerei.
Man nimmt den oben abgehandelten Satz wieder
auf: Die Malerei muß malen und gibt ihm die
spezielle Bedeutung: Wesen, Seele und

Zweck der Malerei liegt in der Farbe.
Das bildet sich daun zum Parteiruf aus: hie
Konturist, hie Kolorist. Das Programm der Kolo-
ristenschule vertritt eine große, früher nicht ge-
nügend beachtete Wahrheit. Es macht wieder
nachdrücklich aufmerksam auf die Bedeutung der
Farbe für die Malerei, welche über der Kompo-
sition, der Zeichnung und Linienführung mit-
unter beinahe ganz vergessen und vernachlässigt
wurde, im auffallendsten Grade bekanntlich von
Cornelius. Aber auch diese Wahrheit wurde auf
eine extreme Spitze getrieben. Die Farbe ist viel,
aber sie ist nicht alles; sie ist wichtig, aber in
der Farbe und Farbentechnik liegt nicht das
ganze Geheimnis der Malerei und liegt nicht die
Antwort auf die Zweckfrage.

Die extreme Ueberschätzuug der Farbe führt
zu weiterer Veruachlässigung des geistigen, idea-
len Gehaltes, zu verderblicher Unterschätzung der
künstlerischen Komposition, der Gruppirung und
Gliederung, der Zeichnung und Kontur, der
Harmonie der Linien, der geistigen Musik der
Maße, führt zum Untergang des Stils.

Die Folgen treten bereits zu Tage. Nach-
deni die strenge Zucht des Zeichnens gelockert
worden, ist das Malen vielfach in ein Schmieren
ausgeartet. „Viele Arbeiten der neuen Schule
verrathen eine Flüchtigkeit der Behandlung, die
den Maler als gewissenlos erscheinen läßt; in
ungerechtfertigtem Vertrauen auf den ersten Ein-
druck, auf den ersten Pinselstrich sind sie hin-
geworfen/") Alle Achtung vor der Farbe; sie
ist das Herz und das Herzblut der Malerei.
Aber man muß dieses Blut in den geschlossenen
Kammern und Arterien lassen, sonst vermag es
nichts zu leisten, sonst verläuft es in Blutlachen,
die nichts weniger als künstlerisch und als schön
sind. So muß man die Farbe in den geschlos-
senen Behältern der Linie lassen, sonst kann sie
nichts wirken; sie zerfließt, sie wird zum Klecks.
Das ist ja doch auch kein normaler Blick mehr,
der in der Natur und Wirklichkeit vor lauter
Farbeneindrücken keine Linie mehr sieht; das
heißt _ vor Wald die Bäume nicht mehr sehen.
Freilich grenzen hier Farben an Farben, aber
gerade die Linie bildet die Grenze, und ist jeder
Farbe Halt und Maß und Gerechtigkeit. Und
die Linie muß den Rückgrat eines jeden Kunst-
werks bilden und die feste Struktur seines Orga-
nismus, sonst werden die Landschaftsbilder zu
Farbensaucen — ob diese hell oder dunkel, ändert

Z Max Bernstein „Münchener Jahres-
ausstellung 1889" S. II.

nichts — und die Menschengestalt wird zum
Nebelphantom oder zum Krüppel, dessen Knochen-
struktur durch die englische Krankheit zerstört ist.

Der Farbenparoxysmus hat zum Mißbrauch
der neuen Technik der Freilichtmalerei geführt
und dieser Mißbrauch — darin liegt auch hier
das Tragische — hat gerade das vereitelt, was
der modernen Malerei als Höchstes gilt, — die
Naturwahrheit. Die errungene Farbenfreiheit ist
sofort in Manierirtheit umgeschlagen und Manie-
rirtheit ist immer der absolute Gegensatz zur
Natürlichkeit. Man sah nun nur mehr Helle
Farben; man trieb einen eigentlichen Kult mit
dem Kremserweiß, den blassen Tönen, dem Bläu-
lich, Grünlich, Lila, Violett; es gab kein Dnickel
und kein Helldunkel, keine ungemischte, volle
satte, dunkle Farben mehr. „Sicher ist es un-
zulässig", sagt der Verfasser von „Rembrandt
als Erzieher" (37. Ausl. S. 215), „aus der reichen
Palette der Natur einen einzelnen Ton heraus-
zuwählen und ihn dann zu privilegiren; dies
gleicht den Kunststücken eines Paganini auf der
6-Saite; es ist Virtnosenthum, nicht Kunst.
Die Hellmalerei hat Fehler; es ist ihre Schatten-
seite, das; sie keinen Schatten hat; sie ist eine
Schlemihlmalerei." Aus der „Münchener Sauce",
aus der „Chokolade" sind wir glücklich heraus-
gekommen; aber in was sind >vir hineingerathen?
In Kalkgruben, in den Tünchkübel, in die
Spinatschüssel, in Kraut, Rüben und Gras, —
so tief, daß nicht einmal der Kopf mehr heraus-
ragt.

Das Bestreben, die Farben der Natur in ihrer
vollen Kraft absolut genau wiederzugebeu, hat
Bilder von höchst unnatürlicher Farbenwirkung
hervorgebracht. Man hat nicht bedacht, daß,
wenn ich ein Farbenstück aus der Natur und
Wirklichkeit herausschneide und es in einen
Nahmen gefaßt an die Wand hänge, dieses Stück
nun doch völlig anders anssieht, als draußen im
großen Panorama der Natur; denn dort grenzt
es an andere Farbenreiche, die ihm zur Ergän-
zung dienen, seinen Farbenaccorden verwandt
sind, seine Dissonanzen ausgleichen; hier ist es
aus der großen Symphonie herausgerissen, und
es welkt entweder wirkungslos dahin oder es
schreit laut und grell. Daher kommt es, das;
auf so vielen Pleinairbildern das Grün der Na-
tur, es mag mit Hilfe der so sehr bereicherten
Palette raffinirt genau aus der Natur abgemalt
sein, doch unwahr, giftig, arsenikgetränkt, tobt
und kalt erscheint. Dieses gemalte Sonnenlicht
mag virtuos nachgemacht sein, es erreicht doch
entfernt nicht mit seinem blöden Flimmern den
zugleich scharfen und wohligen, weichen, warmen
Glanz der ivirklichen Sonne, — umsoweniger,
je derber seine Reflexe auf den Naturobjekten
wiedergegeben werden.

Nein, auch die Farbe ist nicht alles und die
Farbeniechnik kann nicht Selbstzweck, nur Mittel
zum Zweck sein. Auch im Reich der Farben
bleibt die Natur die große Lehrmeisterin des
Malers; aber auch hier geuügt nicht, daß er
mit dem äußern Auge sehe und das Gesehene
nachmale; er muß Seher sein in der höhern
Bedeutung dieses Wortes. Er muß das', was
er sieht, von einem höhern Zweck aus geistig be»
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