Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 52
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herrschen, künstlerisch bewältigen, durchgeistigen
und beseelen, sonst bleibt auch seine Farbe tobt,
sonst schafft er vielleicht Kunststücke, aber keine
Kunstwerke. Gerade das beste Licht für seine
koloristischen Schöpsnngen kann er nicht ans der
Natur holen; das muß aus seinem Innern ans
dieselben strahlen.

Nicht bloß darüber, was sie soll, auch dar-
über, was sie darf, ist die heutige Malerei in
schlimmer Unknnde und Unsicherheit. Sie be-
ansprucht eine absolute Freiheit und sie hat sich
theilweise selbst von dem emanzipirt, was man
bisher als Grundgesetz ihres Lebens angesehen
und festgesetzt hatte. Man ist daran, das Joch
der Aesthetik/ der Antike, der Knnstregel und des
Stiles, der Schule vollends ganz abzuwerfen.
Viel älter als dieses Emanzipationsgelüste ist
ein anderes, schlimmeres, das aber auch in der
Neuzeit akut und geradezu verbrecherisch gewor-
den ist: die Emanzipation des Fleisches.
Die Unsittlichkeit, die absichtliche, nuverhüllte
Pflege der Unzucht, — das ist der wundeste
Punkt der modernen Malerei, ihre geheinie,
syphilitische Krankheit, die am Mark zehrt und
wenn ihr nicht entschieden entgegengetreten wird,
den Verfall unheilbar macht. Man muß diese
Schande offen aufdecken, auf sie hinzeigen wieder
und wieder. Und man kann es heutzutage mit
einiger Aussicht auf Erfolg. Noch vor wenigen
Jahren tvurde jeder Versuch, diesem Laster ent-
gegenzutreten, mit lautem Hohn und Spott be-
antwortet, auf längst veraltete mittelalterliche
Moralvvrstellungen zurückgeführt. Jetzt ist es
doch etwas anders geworden. Man denkt über
diese Sache ernster, auch in Kreisen, die mit
Christenthum und Kirche nicht in naher Füh-
lung stehen, in tvelchen aber die Ueberzeugung
nvch lebt, daß die Sittlichkeit ein geistiges Ka-
pital sei, ohne das die Gesellschaft nicht bestehen
kann, das man nicht jedem moralischen Bankerot-
teur, auch nicht der Künstlerfreiheit ohne weiteres
ausliefern darf, daß die Unsittlichkeit an: Mark
des Volkes frißt, zum Nationalunglück tverden
kann. Nicht bloß in Berlin, selbst in Paris hat
man den Kampf gegen die Pornokratie wieder
entschiedener ausgenommen und die alten Ge-
setze mit neuen scharfen Spitzen versehen. Seit-
dem mehren sich auch die Stimmen gegen die
unzüchtige Malerei. Man beklagt es nun offen,
daß die deutsche Siegeriu sich so schmählich vou
der Besiegten, der großen Sünderin an der
Seine, habe Verführer: lassen, daß die Syphilis
in so ekelerregender Weise sich am Organismus
der deutschen Kunst angefressen habe. Bis jetzt
freilich ist ein entschiedener Heilungsprvzeß an
dieser wunden Stelle noch kaum mit Sicherheit
zu konstatiren: darum kann rnan sich der un-
angenehmen Aufgabe, davon und dagegen zu
sprechen, nicht entzieher:.

Wir verwahren uns dagegen, daß man unsere
Polemik gegen die Unzucht in der Malerei zn-
rückführe auf gänzlich beschränkte Vorstellungen
von der Freiheit der Knifft oder vom Wesen der
Sittlichkeit; wir werden auch bei dieser Polemik
keine spezifisch christlichen vder katholischen Grund-
sätze zur Voraussetzung nehmen. Schon vom

Standpunkt der Vernunft und der natürlichen
Ethik verbietet sich eine Malerei, ivelche offen an
die niedrigsten Triebe appellirt, der Sinnlichkeit
und Lüsternheit Zündstoff zuführt und nach aller
psychologischen Erfahrung die Leidenschaften reizen
und dem Laster der Unkeuschheit stärksten Vor-
schub leisten muß. Wir wollen keine falsche
Prüderie; wir rauben der Kunst nichts von
ihrer Freiheit. Ihr Recht, den Menschenkörper
und auch das Nackte zu ihrem Studium und
auch zum Gegenstand ihrer Darstellung zu
machen, soll ihr belassen werden, mit der einzigen
Einschränkung, die doch selbstverständlich sein
sollte, daß dabei ein vernünftiger Zweck und
keine unsittliche Absicht walte. Wir brauchen
uns auch in keine peinliche Untersuchung eiu-
zulassen, wo hier die Grenzlinie zwischen Er-
laubtem und Unerlaubtem laufe. Es wird nie-
mand wagen, uns zu widersprechen, wenn wir
sagen, daß jede der neueren Ausstellungen —
die neueste Müuchener Jahresausstellung von
1892 leider nicht ausgenommen — wohl ein
Dutzend oder mehr Gemälde aufweist, die jedes, nicht
bloß ein besonders zartes Sittlichkeitsgefühl ver-
letzen, ans welchen das Fleisch lediglich des Fleisches
tvegen gemalt ist, nicht etwa, um die Schönheit
oder den wundervollen Bau des menschlichen
Körpers zur Anschauung zu bringen, bei welchen
kein normales Auge darüber im Zweifel sein
kann, daß hier nicht die Hand des Künstlers,
sondern die freche Hand der Wollust und Un-
zucht den Menschenkörper entblößt und zur Schau
stellt, den Frauenkörper prostituirt und ihm
Ehre, Würde und Adel nimmt.

(Schluß folgt.)

Annoncen.

Herdersche Verlagshandlung, Freiburg
im Breisgau.

Soeben ist erschienen und durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:

Quartalschrift, Römische, für
Christi. Alterthumskunde
und. für Kirchengeschichte.

Unter Mitwirkung von Fachgenossen
herausgegeben von Dr. A. de Waal, für
Archäologie, und Dr. H. Finke, für
Kirchengeschichte. VII. Jahrgang. Erstes
und zweites Heft. Mit 3 Tafeln in Helio-
typie. Lex.-8°. (S. 1—244.) Preis pro
Jahrgang M. 16.

Diese Zeitschrift erscheint jährlich in
vier Heften, jedes ca. 100 Seiten stark,
mit Tafeln, meist in Heliotypie.

Hiezu eine Uümstbeilage:

Frühgothische Kanzel in der Stadtpfarrkirche
zu Ebingen.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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