Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 57
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ein, welche jedoch einem persönlichen Ver-
kehr Vorschub leisten mochten. Die Ueber-
gabe des Altarbaus in Sterzing an Hans
Mueltscher von Reichenhofen in Ober-
schwaben erscheint unter solchen Umständen
nicht mehr so sehr überraschend.

Mit der Regierung des Kaisers Maxi-
milian gewannen diese Beziehungen neuen
Aufschwung. Professor Semper äußert
sich darüber in seiner Schrift „Die Brixner
Malerschnlen" (S. 130): „Bekanntlich bil-
deten sich durch Maximilians Anstoß die
regsten Beziehungen süddeutscher Maler zu
Tyrol aus, die aber auch noch nach seinem
Tode fortdauerten, wie die von Meister
Wilhelm aus Schwaben iu den zwanziger
Jahren des 16. Jahrhunderts ausgeführten
Wandgemälde im Kreuzgang der Franzis-
kaner zu Schwatz, sowie Bernhard
Striegels Anwesenheit und Thätigkeit in
Tyrol in den Jahren 1521 und 1525
bezeugen." Diese Verbindungen setzten sich
noch länger fort, wofür bei Atz einige
Anhaltspunkte gegeben sind. In der Hof-
kirche iu Innsbruck fanden beim Bau der
Altäre (1556) Beschäftigung: Caspar-

Le s ch e u b r a n d in Ulm und Hans
Walch in Miudelheim; ferner wurde
das Orgelgehäus daselbst 1560 gefertigt
von Jörg Ebert iu Ravensburg und der
Bet- und Fürstenchor daselbst nebst Uhr-
gehäuse (1570) von Haus W a l d n e r,
gleichfalls aus Ravensburg. Atz bezeichnet
diese Arbeiten (1. c. S. 395 und 396)
als tüchtige Leistungen der deutschen Re-
naissance.

So kräftig und anhaltend auch die Ein-
wirkung Süddeutschlands auf Tyrol war
(von der ebenso starken, aus Italien stam-
menden, handeln wir hier nicht), so erhob
sich doch die tyrolische Kunstübung zu
einer sehr anerkeunenswertheu Selbständig-
keit, wofür wir nur auf die Werke des
Michael Pacher iu Gries (1471), Sankt
Wolfgang k. Hinweisen.

In Tyrol gestaltete sich somit die ein-
heimische Entwicklung der bildenden Künste
günstiger als in der Schweiz. Anch hier
bestanden maßgebende Einflüsse von Nord
und Süd, besonders von Martin Schou-
gauer und von der Bodenseeschule (nach
Rahn und Burkhart); aber Leistungen, wie
die Pachersche Werkstätte in Brnnecken
hervorgebracht hat, werden vermißt. Einen

Ersatz dafür bietet jedoch die hohe Blüte
der Glasmalerei in diesem Lande.

Aber gerade die Werke des hervor-
ragendsten Tyroler Meisters haben, nach
unserem Dafürhalten, unverkennbar, auf
Oberschwaben zurückgewirkt. Wenig-
stens wird eine Einwirkung Pachers oder-
feiner Werke ans den ea. 20 Jahre später
(1491) in Ravensburg thätigeu Meister-
Jakob Rueß nicht in Abrede gezogen
werden können. Wir möchten zur Be-
gründung dieser Auffassung nur auf eineu
gemeinsamen charakteristischen Zug iu den
Werken desselben aufmerksam machen. Es
ist die reichliche Anwendung der Eugels-
fignreu als Ornament, sozusagen der
Eugelsgarnituren, wenn der Aus-
druck erlaubt ist.

Die Pacherscheu Altäre in Gries und
in S. Wolfgang einerseits und andererseits
die Rueßscheu Altäre in Chur und Chur-
walden sind im Mittelschrein (bei Rueß
auch au den Flügeln) mit einer mehr oder-
weniger großen Anzahl iu Relief geschnitzter
Eugelssigureu in linearer Anordnung ge-
schmückt , die keine andere Funktion zu
verrichten haben, als den Teppich des
Hintergrundes zu halten. Wenn Pacher
dann ited) weitere zahlreiche Engel an-
bringt, welche wie Pagen die luxuriös
laugen Gewänder seiner hl. Figuren auf-
nehmen und halten, so hängt das mit
einer Eigenthümlichkeit der Pacherschen
Gewandbehandlung zusammen, die Rueß
zwar nicht adoptirt, wobei aber doch eine
Abhängigkeit des Meisters Rueß von
Pacher sich verräth. Dieser hat in Gries
und Sankt Wolfgang die Krönung Mariä
znm Mittelbilde gemacht, wobei die Fi-
guren theils in sitzender theils in knieeuder
Stellung sich befinden. Um nun aber
diese Figuren doch in die gebührende Höhe
neben den stehenden Heiligenfiguren hiu-
anfznrücken, war zunächst ein hohes Posta-
ment unumgänglich erforderlich, das aber
einen ganz nüchternen und schlimmen Ein-
druck hätte hervorbriugeu müssen. Mit
vielem Geschick verwendet nun Pacher die
langen Gewänder und die lebhaft damit
beschäftigten Engel, um diese Schwierigkeit
zu überwinden. Rueß stellt in dem Churer
Altar auch die Madonna sitzend dar neben
anderen stehenden Heiligenfiguren, ist best-
halb auch in der Lage, das Postament
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