Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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alle ihre unzüchtigen Vorgängerinnen ebenso
unbestreitbar, wie A. Böcklins Snsanna im
Bade. Einem Albert Keller (Legende der heiligen
Julia, Münchener Ausstellung 1892) und Ale-
xander Jakesch (heilige Thevdosia, Ausstellung
1889) blieb der traurige Ruhm Vorbehalten,
selbst den Tod, den Märtyrertod heiliger Jung-
frauen sinnlich ausgenützt zu haben. Einem
Joseph Block ist die Episode Jesus am Jakobs-
brunnen gerade recht, um eine schamlose Orien-
talin zu porträtiren. Nahe daran streift Oskar
Rex, wenn er der vor Jesus stehenden Ehe-
brecherin anstatt der Reue und Beschämung ein
freches Lachen ins Gesicht schreibt, und Julius
Exster, der in seinem „Verlorenen Paradies"
(Ausstellung 1892) den weiblichen Körper, um
deßwillen offenbar das ganze Bild gemalt ivurde,
des letzten Feigenblatts beraubt. Im letzt-
genannten Bild ist ein Zweifaches symptomatisch
für die Geistes- oder vielmehr Fleischesrichtung
eines Theiles der modernen Malerei: einmal,
daß der männliche Körper neben dem weiblichen
verhältnißmäßig dezent bezw. nachlässig behandelt
ist, sodann, daß beim weiblichen Wesen das
Antlitz nicht sichtbar ist. Beides begegnet uns
auch sonst häufig und kann fast nur auf die
Tendenz zurückgeführt werden, die sinnliche Wir-
kung raffinirt zu steigern, das Auge aufs
Fleisch zu bannen, den letzten Strahl von Geistig-
keit, den letzten Zug des Seelischen, das schließ-
lich noch jedes Menschenantlitz erhellt, vom Bilde
fernzuhalten.

Man versuche nicht solche Leistungen der Kunst
zu vertheidigen und in Schutz zu nehmen, ihnen
andere Tendenzen zu unterschieben, wo doch der
Maler seine Tendenz so klar aussprichl; man
ziehe nicht künstlich Schleier vor, wo der Maler
selbst alle Schleier weggerissen hat; man rede
hier nicht von vollendeter Technik, von Farben-
wirkung, von künstlerischer Auffassung und ivvlle
nicht damit die Schuld solcher Bilder bemänteln.
Und man rede hier nicht von der Freiheit der
Malerei, tvelche nicht angetastet werden dürfe.
Die Freiheit der Kunst kann nicht die Freiheit
der Bnhldirne und der Prostituirten sein; das
ist nicht Freiheit, sondern Frechheit. Wer gegen
diese Richtung der Malerei und gegen diese
Farbvergiftung von unberechenbaren Folgen
eifert, der vertritt nicht bloß das Interesse von
Christenthum und Kirche, der kämpft nicht bloß
für die Sittlichkeit, welche das Lebensmark der
Nation ist, er tritt auch ein für das wahre
Interesse der Kunst, der Malerei selbst. „Die
Keuschheit ist nicht bloß eine sittliche, son-
dern recht sehr eine künstlerische Eigenschaft"
(Fr. Pecht).

Der Charakter unserer Zeitschrift rechtfertigt,
ja verlangt es, daß zum Schlüsse noch d i c
religiöse Malerei der Neuzeit, oder die
moderne Malerei, soweit sie sich mit religiösen
Gegenständen befaßt, einer besonderen Kritik
unterzogen wird.

Gibt es eine religiöse Malerei als eigene
Kategorie? mit besonderen Rücksichten und Pflich-
ten, mit eigenem Charakter und Stil? Man
leugnet das von manchen Seiten. Kunst ist
Kunst, Malerei ist Malerei, ob sie sich zufällig

ihre Themate aus dem Reich des Profanen
oder Religiösen hole. Die prinzipielle Frage
kann hier nicht zum Austrag gebracht werden.
Für Einen Satz wird man aber doch wohl die
allgemeine Zustinuunng nicht bloß der Gläubigen
und noch irgendwie religiös Gesinnten, sondern
auch aller Vernünftigen und Wohlanständigen er-
warten können, für den Satz: Die Malerei darf
religiöse Gegenstände nicht so behandeln, daß die
Art der Darstellung dem Charakter derselben
zuwider ist, daß sie die heiligen Thatsacheu, Ge-
heimnisse, Gestalten der Religion, des Christen-
thums in die Sphäre gemeiner Wirklichkeit
herabzieht, sie profanirt. Wenn mit Zustim-
mung jedes Vernünftigen selbst das Strafgesetz-
buch Religion und Kirche gegen Injurien schützt,
so kann nicht die Kunst das Recht beanspruchen
wollen, sich durch Pinsel und Farbe injnriös an
derselben zu vergreifen. Ist dieser Satz wirklich
allgemein zngestanden? In der Praxis nicht;
wie er aber in der Theorie ernstlich soll in Ab-
rede gezogen oder widerlegt werden können, ist
unerfindlich; also muß die richtige Theorie die
falsche Praxis verdammen.

Nun sagt freilich mancher moderne Maler mit
Mund und Pinsel: Für mich existiren diese
Thatsacheu und Personen als übernatürliche,
heilige, religiöse nicht; ich sehe in den Erzäh-
lungen der heiligen Schrift lediglich geschichtliche
Ereignisse ganz derselben Art wie alle übrigen,
deren die Geschichte Erwähnung thut; für mich
gibt es überhaupt kein eigenes, höheres Reich
des Religiösen, daher auch keine besondere Art,
das angeblich Religiöse darzustellen. Wir wer-
den mit solchen uns nicht auf dem Boden posi-
tiver Gläubigkeit auseinandersetzen können; aber
es genügt auch ein viel niedrigerer Standpunkt,
um ihr Unrecht einzusehen und aufzudecken.
Vielleicht darf man wenigstens bei manchen nud)
aus dieser extremsten Klasse doch eines noch
voraussetzen: Vernunft und Anstand. Dem
Maler, bei welchem wir dies noch voraus-
setzen können, sagen wir: Selbst wenn dir diese
Thatsacheu und Persönlichkeiten einer höheren
Würde, einer religiösen Bedeutung, eines über-
natürlichen Charakters entkleidet und bar er-
scheinen, berechtigt dich das nicht, sie nach deiner
profanen Auffassung zu malen, und du begehst
ein Verbrechen, wenn du es thnst. Wenn du
ein Mann von Gewissen, von Anstand und ver-
nünftiger Ueberlegung bist, wirst du es nicht
thun. Dein Gewissen wird dir sagen: thne es
nicht; du theilst nicht die Ueberzeugung anderer,
aber das sei ferne von dir, daß du den Glau-
ben und das religiöse Gefühl hundert und
tausend anderer durch deine Kunst ärgerst und
verletzest. Deine Vernunft wird dir sagen: thne
es nicht; wahrlich, es iväre übelgethan, wolltest
^'L kostbare Kapital der Volksreligion, an
dessen Verschleuderung und Herabminderuug
gegenwärtig so viele Kräfte verbrecherisch ar-
beiten, auch durch deine Kunst noch schädigen.
Eben wenn und weil du diese heiligen Objekte
auf Eine Linie stellst mit den profanen, hast du
gar keinen Grund und kein Recht, mit deinem
Pinsel gerade nach jenen zu greifen. Also die
Hand davon! Man verlangt von dir nicht, daß
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