Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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du das Heilige heilig durstellst, wenn du nicht
darau glaubst, — du könntest es auch nicht —
aber das kann mau verlangen, das; du cs nicht
darstellst und deine Kunst andern Gegenständen
zuwendest. Thust du es dvch, so leitet dich ent-
weder gewissenloser Leichtsinn oder freche Frivoli-
tät, oder aber fanatischer Haß gegen Chrijten-
thum und Religion und das Streben, mit deinem
Pinsel für Atheismus und Unglaube Propaganda
zu machen; >vo bleibt denn aber im letztern Fall
der so laut verkündigte Kanon, daß die Kunst
zwecklos sein müsse und vor allem nicht tenden-
ziös sein dürfe? hat dein Pinsel etwa die Auf-
gabe, negative Kritik zu malen? Renan, Strauß,
Baur in Farben zu übersetze;:?

In der That, schon jedem verständigen, edlen
Gemüth wird man den Satz als richtig erweisen
können, der dem gläubigen selbstverständlich ist:
daß, wenn die Malerei sich mit religiösen Theinaten
abgibt, dies in religiöser Absicht zu geschehen
habe und unter Zuhilfenahine aller jener Mittel,
tvelche die Wahrung des religiösen Charakters
garantireu. In: andern Fall kann nicht bloß
kein religiöses Kunstwerk, sondern überhaupt kein
Kunstlverk z>: Stande kommen, weil Objekt und
Charakter, Gegenstand und Formensprache des
Bildwerks in schreienden: Widerspruch zu ein-
ander stehen. Wie tief ivar das Bewußtsein,
daß für die religiöse Kunst eine höhere Weihe,
ein idealer Charakter, eine vornehu:ere Formen-
welt nöthig sei, selbst in der antik-heidnischen
Kunst begründet, und >vie blieb es lebendig bis
in die Zeiten des schlinuustei: Zerfalls. Dein
gegenüber ist es beschän:end, daß eine ganze
Reihe von Produkten der modernen Malerei sich
als offene, rohe Verletzungen dieses elementarsten
Prinzips verrathen. Alle jene oben gezeichneten
Verirrungen der n:vdernen Malerei wurden auch
auf das Gebiet des religiösen Kunstschaffens ver-
schleppt und zeitigten hier ihre giftigsten Früchte;
sie wuchsen hier mitunter geradezu zu Verbrechen
und Blasphemien aus. Wir haben hier alles
schon erlebt, auch das Unglaubliche und Uu-
möglichscheinende. Mau hat, tvie wir schon her-
vorhobeu, der geilen Lust gestattet, selbst die
Schwelle des Heiligthums zu überschreiten und
selbst das Heilige mit ihrem eklen Geiser zu
überziehen. Die inatcrialistisch-realistische Rich-
tung hat sich an den religiösen Gegenständen
vergriffen und auch sie nicht bloß des über-
natürlichen, sondern des geistigen Gehaltes ent-
leert. Der Impressionismus, die Lust am Häß-
lichen, ist auch ins religiöse Gebiet eingedrungen
und hat hier den letzten Hauch von Würde und
Adel verweht. Der Emanzipatiousgeist hat auch
beim religiösen Kunstschaffen die herrlichen Lei-
stungen der Vorzeit vollständig ignorirt und mit
jeden: traditionellen Typus aufgeräumt; er hat
einem wilden Subjektivismus die Zügel schießen
lassen und damit den objektiven, universalen
Charakter und Gehalt der religiösen Themate
geschädigt. Alles das zusauunen hat eine religiöse
Kunst hervorgebracht, welche manche Linie unter
den religiösen Produkten der antiken Kunst steht.

Der Naturalismus und Realismus war ja
freilich schon viel früher in den heiligen Baun
des religiösen Gebiets eingedruugen. Er spielt

schon eine große Rolle in der späten: altdeutschen
religiösen Malerei, aber in ganz anderer Weise.
Hier dient er dazu, den historischen Charakter
der heiligen Thatsachen und Gestalten zu be-
tonen und einen urwüchsigen, das Volksgemüth
ansprechenden Ausdruck des Glaubens zu schaffen,
der den Maler beseelte; in der modernen Malerei
spricht er das Bekenntnis; des Unglaubens aus.
Dort ist er Ausfluß einer gesunden, gläubigen
Naivetät, hier ist die Naivetät eine gemachte und
simulirte, bloß der Deckmantel für den Glaubeus-
mangel. Man kann diesen Realismus, sofern
er anständig bleibt, ja noch gewähren lassen im
religiösen Genre, welches — wohl nur wegen
der Armut au Ideen und Motiven — gegen-
wärtig so stark kultivirt wird, in den Dutzenden
von Kirchgangs-, Beerdigungs-, Berschgangs-,
Sakristei-, Ministranten-, Prozessionsbildern,
unter welche;: immer auch einige befriedigende
sich finden; aber wo er sich an die eigentliche
Heilsgeschichte, an die Darstellung heiliger My-
sterien, an Audachts- und Altarbilder wagt, geht
es fast nie ohne Skandal ab. Vollends dann
wenn er auch hier die Motive und Modelle mit
Vorliebe aus den niedrigsten und schmierigsten
Schichten des Volkes und der Wirklichkeit holt.
Leider hat gerade diese Art der Darstellung des
Heiligen sich zu einer förmlichen Schule ver-
festigt und bedeutende Künstlerkräfte in Sold ge-
nommen.

Der eigentliche Bannerträger dieser Schule
wurde F. von Uh de, dessen Name für imnier
in der Geschichte der religiösen Malerei einen
üblen Klang behalten wird, ein Meister von
bedeutendem künstlerischem und technischen: Ver-
mögen, besonders begabt, die flüchtigen Erschei-
nungen des Lebens zu banuen und lebeudig
wiederzugeben, tüchtig in der psychologischen
Schilderung, wie wenige von den Neueren.
Wäre er doch bei der Soldatenmalerei und den
Bildern ans dem Volksleben geblieben. Er hat
eine Kinderstube gemalt, an der wir nichts aus-
setzen wollten; nun aber fällt ihn: ein, in diese
modern-ländliche Kinderstube den Heiland ein-
zuführen, nicht um die Kinder zu segnen, son-
dern um ihnen das Gesicht zu reinigen und die
Nase zu putzen, — denn etwas anderes kann
und will dieser Heiland nicht. Er schildert er-
greifend . wie eine von der Polizei freilich wohl
nicht ohne Grund ausgewieseue und verfolgte
Familie in Nacht und Nebel die Flucht ergreift;
das ließe sich sehen und es erweckt selbst Mit-
gefühl, jenes Mitgefühl, das wir auch verschul-
detem Elend nicht versagen; aber das Mitgefühl
schlägt in einen ganz anderen Affekt um, wenn
wir nun in: Katalog dieses Bild als Flucht nach
Aegypten verzeichnet finden. Er malt ein Stück
sozialen Elends, wie in schmutzigem Stall ein
herabgekomnienes Vagabundenweib niederkommt
mit einem Erdenwurm, der ihr Elend erbt, und
wie der Vagabund auf der Stiege sitzt und sich
nicht zu helfen weiß bei solcher Mehrung seiner
Sorgen; das könnte zunächst unser Interesse
wachrufen; aber Ekel, gemischt mit Grauen und
Entsetzen erfaßt uns, wenn wir finden, daß das
die heilige Nacht darstellen soll. Er schildert
ein Abendessen im Zuchthause und man staunt
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