Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 61
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über die Physiognomien der Verbrecher, welche
gespannt am Munde des Einen hängen, der
etwas besser zu sein scheint als die andern, und
bei dessen Wort auch in ihnen noch der letzte
Rest von Gewissen sich regt, — aber man traut
seinen Augen nicht, wenn man erfährt, daß dies
das letzte Abendmahl vorstellen soll. Und nun
wollte man gar den Versuch machen, diese Bilder,
gegen welche jedes gläubige und anständige Ge-
mnth mit unwillkürlichem Schauder reagirt, als
religiöse Bilder zu retten. Ob es denn, fragte
man/) gegen den evangelischen Sinn verstoße,
das Göttliche als etwas in der Menschheit, un-
bedingt von Raum und Zeit Fortwirkendes zu
fassen? Ja man wollte dem Protestantismus
diese Bilder aufnöthigen als die ersten rein evan-
gelischen Auffassungen und Darstellungen der
heiligen Geschichte, da hier Jesus so recht als
Heiland der Armen und Elenden eingeführt
werde/) und man verwies auf deren Farben-
wirkung, welche nicht ohne Romantik und tiefe
Mystik fei. Es gelang nicht, das Urtheil irre-
zuführen. Diese Art von Poesie kann auf kein
gesundes Gemüth einen wohlthuenden Eindruck
machen, dieser schmutzige Farbenzauber kein ge-
sundes Auge erfreuen, und man kann mit aller
Farbenromantik das Verbrechen gegen die Re-
ligion, welches in diesen Bildern liegt, nicht zu-
decken oder mildern. Nicht das ist das Ver-
brechen , daß der Heiland mit dem Elend der
Welt konfrontirt wird, auch das nicht, daß die
heutige Welt und ihr Elend ihm nahegebracht
wird, aber das, daß Uhde den Heiland selbst über
diese Atmosphäre der Sünde, der Schuld und
des Elends nicht hinaushebt, sondern ihn völlig
darin untergehen läßt, daß er alles Göttliche an
ihm negirt und ihn selbst auf das Niveau der
Verbrecher, Vagabunden, im günstigsten Fall
(bei der Bergpredigt) des schwärmerischen Sekten-
Predigers herabdrückt. Denn das heißt den
Heiland leugnen und noch tiefer herabwürdigen,
als die niedrigste Taxirung seiner Person als
des Weisen von Nazareth und des Wohlthäters
der Menschheit ihn je anzusetzen gewagt hat.
Geistesverwandt mit Uhde ist E. v o n G e b h a r d t,
dessen Auffassung und Formengebung in dem
Abendmahl, der Himmelfahrt, dem Ecce homo,
der Erscheinung des Auferstandenen vor Thomas
und neuestens in seinem Bilde Christus in Be-
thanien nicht weniger trivial ist, trotz der mehr
mittelalterlichen als modernen Staffage. Auf
gleichen Bahnen wandelt Albin Eggers mit
seiner „heiligen Familie" in der diesjährigen
Ausstellung in München (ein altersschwacher
Greis, in dessen Bart das Kind spielt, daneben
sitzt ein derbes Bauernweib), ferner Franz
Stuck mit seinem Kreuzigungsbild (ebenfalls
in der neuesten Ausstellung) ohne alle Würde
und Weihe, welchem, wenn ich recht berichtet
bin, erst die Polizei zu einem Lendentuch ver-
helfen mußte, und so manche andere, welche

x) Ianitsch ek „Geschichte der deutschen Ma-
lerei" S. 630.

2) „Christliches Kunstblatt", herausgegeben
von H. Merz (1889), Nr. 3 und 4; vergl.
„Archiv für christl. Kunst" (1889), S. 116.

nicht einmal die Ehre einer Erwähnung ver-
dienen. Genug von dieser religiösen Malerei,
welche den Tiefpunkt unseres künstlerischen Elends
bildet; zum Glück wird sie nicht von langer
Lebensdauer sein; noch rascher als die Kritik
wird der Ekel, die Verachtung, der Hunger ihr
Ende herbeiführen.

Wir haben ja immer noch Besseres. Freilich
manches ideal gedachte und tiefempfundene re-
ligiöse Gemälde offenbart allzusehr das Bestreben,
neu und originell zu sein, was auf religiösem
Gebiet nie ohne Bedenken ist. Daran kranken
auch, trotz gesunden religiösen Kerns, F. A. Kaul-
bachs Grablegung, E. Zimmermanns Erschei-
nung des Auferstandenen, A. Delugs Frauen
am Kreuzweg, Kirchbachs Tempelreinigung,
P. Kießlings Ringen mit dem Engel und so
manche andere; es ließe sich hier je der Beweis
erbringen, daß durch das Abgeheu von gewissen
seit Jahrhunderten sixirten Typen nicht nur der
religiöse Gehalt, sondern auch die künstlerische
Wirkung beinträchtigt wird.

Neu und originell mit schlimmer Nebenbe-
deutung und schlimmen Folgen ist auch der
Versuch einiger Modernen, die religiösen Dar-
stellungen in die „vierte Dimension" hinüber-
zuschieben und das Helldunkel des Hypnotismus
und Spiritismus darüber zu. breiten. Sympto-
matisch sind hierfür zwei Berkündigungsbilder.
Auf dem von P. Höcker (Ausstellung 1890)
ist Maria im Hofe ihres Hauses ganz auf die
Knie gesunken, und mit geschlossenen Augen wie
eine Somnambule schaut sie in weltentrückter
Vision den geisterhaft vor ihr schwebenden, in
der Dämmerluft verwehenden Engel; auf dem
zweiten von Mariane Stockes (Ausstellung
1892) stehen gar Jungfrau und Engel hinter-
einander, so daß die beiden Gestalten sich
beinahe decken und die hintere nur theilweise
sichtbar ist; beide Gestalten schauen nach
vorn, die Jungfrau sieht also den Engel
nicht, sondern dieser bringt offenbar in hypno-
tischer Suggestion der hypnotisch Bewältigten
und wie ihre schlaffe Haltung zeigt, willenlos
gemachten Jungfrau den Willen und die Bot-
schaft des Höheren bei. Bekanntlich ist auch
Gabr. Max auf diesen Wegen gewandelt und
seine Krankenheilung und Todtenerweckung, welche
den Heiland als großen Magnetiseur und Hypno-
tiseur auffaßt, hat entferut nicht mehr den re-
ligiösen Gehalt seines mit Recht berühmten
Schweißtuchbildes. I. G. Martins Kain
(Ausstellung 1890) und Bela Grün Walds
Verkündigung an die Hirten (Ausstellung 1892)
gehören ebenfalls in diese Kategorie.

Das ist eine innerlich kranke und ankrän-
kelnde Kunst, keine gesunde Mystik, sondern hy-
sterischer Mystizismus, nicht die geheimnisvolle
Atmosphäre des Glaubens, sondern die schwüle
Atmosphäre des Aberglaubens, nicht wahrer
christlicher Spiritualismus, sondern spiritistischer
Unfug. Diese scheinbare Hinaushebung der re-
ligiösen Objekte über die Natur ist nur eine
andere Art von Materialisierung derselben und
verflüchtigt geradeso deren historischen wie über-
natürlichen Charakter, indem sie dieselben ins
Traumgebiet und Truggebiet der künstlichen Ek-
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