Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 62
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stase, der anormal gesteigerten psychischen Zu-
ständlichkeiten verweist.

Gerne registriren wir über eine Reihe von
tüchtigen Leistungen der neueren Malerei, welche
zwar auch vom modernen Geist behaucht, nicht
eigentliche Kirchen- und Altarbilder für uns und
nicht unbedingte Vorbilder für unsere religiöse
Kunst sind, aber immerhin einen erfreulichen
Beweis dafür erbringen, daß trotz allem die re-
ligiöse Kraft aus der modernen Malerei noch
nicht ganz geschwunden ist und daß auch auf
diesem Gebiete die anima naturaliter christiana
mitunter noch zum Durchbruch kommt. Wir
neuneu die Pieta von Hans Tichy, die Him-
melfahrt Mariens von Ludwig Löffz, die
Grablegung von Keller (Stuttgart), die Kreuz-
abnahme von Krämer, die Madonna von
Pirchan und von Bougueran, das Rosen-
wnnder der hl. Elisabeth von Max Ehrl er.
Die neueste Münchener Ausstellung bringt ein
gutes Bild von L. W. Heupel: Auxilium
Christianorum und eine Madonna von L. von
Zumbusch, würdig und edel, nur seltsamer
Weise, natürlich wegen des Farbeneffekts, in
einen Wald versetzt. Selbst ein Wereschagin
berüchtigten Andenkens trifft einmal, in der
Darstellung der Frauen am Grabe (in der neu-
gebauten russischen Kirche am Oelberg zu Je-
rusalem), den vollen und reinen religiösen Ton.
Dazu dann eine ziemliche Zahl edler und er-
greifender Legenden-Erzahlungen; besonders be-
deutend Adolf Hirschls und Albrecht
Vrindts Tod der hl. Cacilia.

Daneben aber hat auf katholischem Boden
eine im strengen Sinn kirchliche und religiöse
Kunst zu blüheu uie aufgehört. Werden auch
die gewöhnlichen Bedürfnisse an religiöser Ma-
lerei für Kirche und Haus zum größten Theil
durch Künstlerkräfte fünften und sechsten Ranges
befriedigt, deren Schaffen mehr dein Kunsthand-
werk als der Kunst angehört, so haben wir doch
immer auch Aufträge für Künstler oberen
Ranges und Künstler höheren Ranges für wich-
tigere Aufträge gehabt. Freilich der Tod hat
in den letzten Dezennien deren Reihen leider
stark gelichtet. Mit Wehmuth denken wir zurück
an jenen lieblichen Frühling katholischer Kunst,
der in der Nazarenerschule uns erblühte, aus
der klaren, sruchtkräftigen Erkenntnis; heraus,
daß am wenigsten in der religiösen Kunst die
Natur und Narurnachbildung Selbstzweck sein
könne, daß die religiöse Malerei nur gewinneu
könne, durch selbstloses, gläubiges Eingehen in
die heiligen Geheimnisse und durch willige Unter-
werfung unter die strengen Gesetze kirchlicher
Kunst. Und mit Schmerz denken wir daran,
daß die erste Nachblüte, der erste kräftige Nach-
wuchs dieses Frühlings auch scholl der Ver-
gangenheit angehört. Es ist hier nicht unsere
Aufgabe, einem Führich, Klein, Steinle, Schrau-
dolph, Kuppelwieser, Deger, Flatz und so manchen
andern Namen besonders aus der verdienten
Düsseldorfer Schule ihren Platz in den Annalen
der christlichen Kunst anzuweisen.") Der Schmerz

") Siehe St. Beißel „Der Entwicklungs-
gang der neueren religiösen Malerei in Deutsch-

über ihrell Hingang wird dadurch gemildert, daß
ein Ludw. Seitz, Fritz Geiges, Andr. Müller,
Karl Müller, Ludw. Glötzle, Karl Baumeister,
Bonifaz Locher und so mancher andere in ihre
Fußstapfen eingetreten sind und in der Gegen-
wart das Banner der kirchlichen Malerei Hoch-
halten.

Zu den besonders trostreichen, die Zukunfts-
hoffnung neu beschwingenden Erscheinungen aber
rechnen wir namentlich das Schaffen der Maler-
schule des Klosters Beuron. Wie man über
deren künstlerische Richtung im übrigen urtheilen
mag, ob man ihren Stil für unbedingt nach-
ahmungswürdig oder nachahmungsfühig ansehen
mag oder nicht, — Ein Verdienst wird ihr von
keiner Seite geschmälert werden: sie war es,
welche der religiösen Kunst wieder klar das Ideal
vorgezeichnet hat. Sie hat den erfreulichen Be-
weis geliefert, daß auch die heutige Kunst noch
Andachtsbilder in der weihevollsten Bedeutung
dieses Wortes zu schaffen vermochte, welche an
technischem Können und seelischem Gehalt die
ersten Leistungen der blühendsten kirchlichen Kunst-
epochen voll erreichen. Sie ist durch ihre Werke
das lebendige Gewissen der jetzigen kirchlichen,
besonders monumentalen Malerei geworden, das
Gewissen, das an die heilige Pflicht mahnt und
jeden Abfall von derselben sofort zum Bewußt-
sein bringt. Von den beiden erlauchten Grün-
dern und Führern desselben ist der eine, P.
Gabriel Wüger, int Mai d. I. in das Reich
der unerschasfenen, wandellosen Schönheit ein-
gegangen; möge der andere uns noch lange er-
halten bleiben und möge die Kongregation ihres
hohen Berufes weiter walten zum Segen jener
Kunst, welche zum Dienste im Heiligthum er-
wählt ist. —

Die vorstehenden Betrachtungen laufen in
praktische Spitzen aus, welche niemand verletzen,
nur Impulse geben möchten. Mehr nochmals
die obigen Gedanken wollen diese Vorschläge
bloß Anspruch auf subjektiveu Werth erheben;
sie weichen gern jedem besseren und erfahreneren
Rath und wollett durchaus nicht das letzte Wort
haben; sie wollen nichts sein als ein videant

consules!

Was wohl vor allem anzustreben sein dürfte,
ist die Anbahnung besserer Beziehungen
zwischen der Wissenschaft der A e st h e-
tik und der ausübenden bilden de n
Kunst. Durch die eingetretene Entfremdung
hat die Malerei Führung und Leitung verloren;
sie ist zum Theil so stark in die Irre gegangen,
daß sie, wie wir sahen, auf die Fragen: woher?
wohin? wozu? schlechterdings keine Auskunft
mehr zu geben weiß, wenigstens keine vernünftige
und genügende. Das sollte sie zum demüthigen
Geständniß bringen, daß sie jener Führung nicht
entrathen kann. Wir sind hier in einen Fehler-
gefallen, der sonst uns Deutschen nicht gerade
naheliegt: daß wir über der Praxis die Theorie
vergessen und verlassen haben. Freilich, dieser

land", Stimmen aus Maria-Laach (1892), S. 51 ff.;
158 ff.; „Album religiöser Kunst", Text von
L. R. von Kurz zu Thurn und Golden-
stein (Regensburg 1891), S. 14 ff.
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