Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 63
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Fehler ist durch den entgegengesetzten, uns näher
liegenden verursacht worden. Die Wissenschaft
der Aesthetik hatte über der Theorie die Praxis
vergessen und darum für die Praxis nichts mehr
geleistet; so kam es, daß sie von der Praxis
verächtlich angesehen wurde. Ihre Sache ist es
nun, diesen Fehler wieder gut zu machen, nicht
in der Weise, daß sie den gehorsamen Diener
der ausübenden Kunst spielt, ihr nachläuft und
ihre Fehltritte registrirt oder entschuldigt, kon-
statirt, wie gemalt wird, sondern indem sie
vorausgeht mit hochgehaltener Fackel, vor Fehl-
tritten bewahrt, lehrt wie gemalt werden soll,
über Zweck, Pflichten, Grenzen dieser Kunst
orientirt, neue Grundsätze und Schlagworte, tvie
sie der unruhige, kühne Geist des Künstlers
ausschäumt, ruhig und besonnen auf Grund und
Berechtigung prüft. Lessings Laokoon muß eine
neue, zeitgemäße, verbesserte Auslage erfahren.
Damit wird die Freiheit der Kunst nicht ge-
bunden, nur geregelt. Der neue Wein muß
Freiheit haben, um richtig gähreu zu können;
aber die verschafft man ihm nicht dadurch, daß
mast ihn ausfließen läßt, sondern dadurch, daß
man ihn einschließt und nur nach oben das
Ventil öffnet. Um „die verschollene Katheder-
ästhetik", der der Zopf hinten hängt, in eine
wahrhaft praktische Wissenschaft umzugestalten,
wäre es sehr wünschenswerth, daß unter den
Männern der Praxis immer auch solche sich
finden würden, welche zugleich die Feder führen
und sich an der wissenschaftlichen Diskussion be-
theiligen könnten. Dies regt von selbst einen
zweiten Gedanken an. (Schluß folgt.)

Literatur.

Ein Ornamentikkatalog. Einen inter-
essanten Beitrag zur Kunst-, insbesondere zur
kunstgewerblichen Literatur brachte diesen Herbst
Ludwig Rosenthals rühmlichst bekanntes
Antiquariat in München in Gestalt des Ka-
taloges (Nr. 69) einer höchst reichhaltigen
und ausgewählten Sammlung der schönsten und
seltensten Ornamentblätter von: 16. bis zum
Schluß des 18. Jahrhunderts, kostbarer Vor-
lagen für Goldschmiede (Punzenarbeiten), Ju-
tveliere, Kunstschlosser, Schreiner, Lederarbeiter k.
sowie von älteren architektonischen und kunstge-
werblichen Werken, darunter eine große Anzahl
von Raritäten ersten Ranges. Von den großen
Meistern der Renaissance (Dürer, Aldegrever,
Altdorfer, den beiden Beham und einer statt-
lichen Reihe „Anonymer") bis zu den Zeiten
Ludwigs XVI. und Napoleons I. enthält dieses
Katalogwerk die meisten Namen, die für die Ge-
schichte der Ornamentik Bedeutung haben. In
besonderen, höchst interessanten Gruppen sind
kalligraphische Werke, solche über Architektur,
Dekoration, Stick- und Spitzenmusterbücher, dar-
unter mehrere Prachtstücke der italienischen Re-
naissance, ferner Entwürfe für Gartenanlagen
und endlich eine kostbare Kollektion alter Buch-
einbände und Werke über Buchbinderkunst zu-
sammengeftellt; nicht minder groß ist auch die
Anzahl der Vorlagen für Goldschmiede und Ju-
weliere, rvie Mignot, Collaert, Pouget, Germain

und viele andere. Die Ausstattung des reich
illustrirten Kataloges ist des Inhaltes würdig.
Der in schönster typographischer Ausführung her-
gestellte Katalog enthält nämlich nicht weniger
als 60 zum Theil blattgroße Reproduktionen
der schönsten und interessantesten Stücke nach den
vorzüglichsten Originalen. Diese im Vereine mit
den sorgfältig und unter Benützung der ein-
schlägigen wissenschaftlichen Literatur bearbeiteten
Beschreibungen der einzelnen Nummern in fran-
zösischer und deutscher Sprache geben dem Ka-
taloge (1918 Nummern auf 186 Seiten) einen
außergewöhnlichen Werth, so daß der ausnahms-
weise dafür geforderte Preis von 4 Mark nicht
als zu hoch erscheint, welcher indeß bei Bestel-
lungen wieder in Abzug gebracht wird. — Bon
besonderem, weil lvkalgeschichtlichem Werthe er-
scheinen für uns in dem Verzeichnisse und er-
regen unsere Aufmerksamkeit zwei anonyme Holz-
schnittchen aus dem 15. Jahrhundert, nämlich
ein ex-llbris, d. h. Buchzeichen (Nr. 109, S. 12)
des Junkers Wilhelm von Zell aus Biberach,
eines Angehörigen eines alten dortigen in bür-
gerlichen Linien noch fortlebeuden Patrizier-
geschlechtes (Allianzwappen in 12°). In dem-
selben wird mau wohl eines der ältesten Buch-
zeichen vor sich haben, die es gibt; eine Ab-
bildung dieses seltenen Stückes sindet man in
Hirths Formenschatz von 1884 auf Blatt 108,
sowie bei Warnecke, Die deutschen Bücherzeichen,
Berlin 1890, Seite 9; der Preis ist zu 60 Mark
angesetzt. Es fand sich auf dem Schutzblatte
eines alten, aus dem Karthäuserkloster Buchs-
heim stammenden Buches mit der Notiz: -Eider
Lartasien., in Buchshairn prope Memmingen
donatus a Nobili Domicello Wilhelmo de
Zell«, wozu zu bemerken ist, daß die Karthause
Buxheim 4—5 Stunden von Biberach entfernt
war und mit dieser Reichsstadt mannigfache Be-
ziehungen hatte. Das andere kleinere ex-Iibris
(Nr. 110, S. 13) ist kolorirt, 24°, und das Zeichen
desHilprand Brandenburg de Biberach, Kar-
thäusers in Buxheim, eines Sprossen eines der
ältesten und angesehensten, zu Anfang dieses
Jahrhunderts ausgestorbenen Patriziergeschlechter
der ehemaligen Reichsstadt Biberach; das in-
teressante, bei Warnecke Seite 8 erwähnte Blatt
zeigt das Brandenbnrgsche von einem Engel ge-
tragene Wappen und ist um 20 Mark erhältlich.
Vielleicht darf man den noch unbekannten Holz-
schneider dieser beiden Holzschnitte an Ort und
Stelle, d. h. in Biberach selbst oder in der Nähe,
namentlich in Ulm suchen, woselbst es um jene Zeit
zahlreiche Holzschneider gab, so Ulrich um das Jahr
1398; Heinrich, Peter von Erolzheim; Jörg und
Heinrich um das Jahr 1441: Ulrich; Lienhart
um das Jahr 1442; Claus; Stoffel und Johann
um 1447; Wilhelm um 1455; Meister Ulrich
um 1461; Michel; Hans; Conz und Lorenz um
1476 (von welchen man leider fast nicht mehr
wie ihre Namen weiß) und woselbst insbesondere
das Ausmalen von Holzschnitten einen bedeu-
tenden Erwerbszweig für die zahlreichen dortigen
Karten- und Briefmaler bildete.

Unter den O r n a m e n t w e r k e n ist namentlich
(Nr. 780, S. 84) die »Architectvra vnd Aus-
theilung der V Seule. Das Erst Buch 1593*
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