Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 65
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Archiv für christliche Runst.

Organ "des"Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Kcppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Aeppler.

Mr. 7.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für JL 2.05 durch die württembergischen (Ji 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von Ji 2. 05 halbjährlich.

1893.

Gothische Monstranz.

Mit Wohlgefallen wird sicher jedes Auge
auf dem Prachtgefäß ruhen, welches unsere
Beilage abbildet, und das Wohlgefallen wird
sich beim genaueren Studium des Baues
und des Details nicht mindern, sondern
mehren. Leider kommen auf der bildlichen
Wiedergabe trotz des musterhaft gefertigten
Cliches nicht alle Schönheiten zur vollen
Entfaltung. Wer aber angezogeit durch
die Abbildung das in Silber ausgeführte
Werk selbst besichtigen will, findet dasselbe
in der neuen Stadtpfarrkirche in
Ebingen, welcher ein hochherziger Stifter
es zum Geschenke gemacht hat. Der Ent-
wurf ist mit geringen Aendernngen dem
manches Gute enthaltenden, schon 1852 in
Brügge erschienenen Werke: Orkevrerie
et ouvrages en metal d’apres
les anciens models (auteur et pro-
prietaire Th. H, King) entnommen und
wurde meisterhaft ausgeführt von Gold-
arbeiter I. Ballmann in Stuttgart.

Soviele kostbare Kirchengefässe in den
Kriegszeiten und noch in der Periode der
Säkularisation in den Schmelztiegel und in
die Münze wanderten, so blieb uns doch
noch eine stattliche Zahl mittelalterlicher
Monstranzen erhalten; eine mit Abbil-
dungen versehene Monographie über die-
selben wäre ein verdienstliches Werk. Wir
begegnen hier mitunter herrlichen Kunst-
werken; aber wenige sind unmittelbar prak-
tisch verwertbbar. Zum Theil verbietet
schon ihre überquellende Pracht und die
Anforderungen, welche sie an den Meister
wie an die Kasse des Bestellers erheben,
die einfache Nachbildung; zum Theil sind
sie zu streng architektonisch gebaut, zum
Theil zu wenig konstruktiv und konsequent
durchgebildet, als daß sie unserem Ge-
schmack und unseren praktischen Bedürf-
nissen ganz genügen würden. Bei Umbil-

dung der alten Motive und Formen ist
man nicht immer glücklich gewesen, wie ein
Blick auf viele neue Monstranzen und in
die Prospekte der verschiedenen Ateliers
zeigt.

Dem vorliegenden Entwurf wird man
das Zengniß nicht verweigern, daß er ganz
im alten Geist und Sinn gedacht und da-
bei glücklich entsprechend den heutigen An-
schauungen und Bedürfnissen modifizirt ist.
Er behält das in der Gothik immer vor-
herrschende, fast allein herrschende Motiv,
die Thurmform bei. Der Fuß ist stämmig
und kräftig gebaut, maßhaltei^» im Orna-
ment, nicht mit Gliedern besetzt, welche die
Handhabung des Edelgefässes erschweren.
Der mittlere Hanpttheil ist als Rnnd-
körper dnrchgebildet. Seine einfache, aber
solide und klare Konstruktion besteht ans
der auf der Ausladung des Schaftes ru-
henden starken Platte, welche durchbrochene
Ornamentkränze besäumen, sodann ans vier
Fialenthürmchen, welche von dieser Platte
anfsteigen, den krönenden Theil mit dem
Dache tragen und schließlich neben der Dach-
pyramide in zarten Fialenthürmchen auf-
steigen. Diese vier Fialenstäbe bedurften,
um nicht im Vergleich mit dem Körper der
Monstranz zu sehr zu verschwinden und'
zu mager zu erscheinen, einer seitlichen
Verstärkung und Erbreiterung; wie ihnen
diese zu theil wird, zeigt die Abbildung:
die Fläche zwischen den Haupt- und Neben-
fialen ist mit Maßwerk durchbrochen und
überdies mit aufgesetzten Medaillonsschild-
chen belebt; diese schließen Emailbildchen
der hl. Jungfrau und des hl. Joseph ein,
die in der Wirklichkeit in ihrem Farben-
schmuck besser hervortreten als auf dem
Bilde. Die cylindrische Pypis, welche
herausgenommen werden kann, ist oben und
unten in einen starken Metallreif geschlossen,
die durchbrochenes Ornament schmückt. Eine
starke Hohlkehle leitet von dem Mitteltheil
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