Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 68
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verschmerzte Katastrophe des Einsturzes der
beiden Thürme an der Heiligkreuzkirche in
Gmünd stattgefunden. Kaum hatte Schreyer
von diesem Unfall Kunde erhalten, als er
alsbald auch seine hilfreiche Hand bot, um
das ihm wohlbekannte herrliche Gotteshaus
vor weiterem Schaden zu bewahren und
ihm zur Herstellung seiner ursprünglichen
Schönheit wieder zu verhelfen. Auf seinen
Namen und seine Kosten übernahm er die
Herstellung und Erbauung einer Kapelle
an Stelle des eingestürzteil nördlichen
Thurmes, und weihte denn auch diese Ka-
pelle der Verehrung seines Namenspatrons,
des hl. Sebald. Das erste Denk- und
Wahrzeichen dieser seiner generösen Theil-
nahme ist sein in den Schlußstein des Ge-
wölbes eingehanenes, noch deutlich sicht-
liches Familienwappen. Eine weitere Be-
stätigung hiefür findet sich in dem Fenster
daselbst mit dem Bild der Madonna und
des hl. Sebald. Zu Füßen der beiden
Figurell knieen die beiden Stifter, Sebald
Schreyer und seine Ehefrau Margaretha,
geb. Kammermeister; jedes mit dem Fa-
miliennamen und Familienwappen nebst der
Jahrzahl 1505. Den nobelsten Theil der
Stiftung aber bildet der jetzt leider seinem
ursprünglichen Platz entrückte St. S e-
baldaltar, ein Mnster eines ebenso ein-
facheil als schönen lind kunstvollen Flügel-
altars. (Fortsetzung folgt.)

Erwiderung

a il f d i e B e m e r k il li g e n v o n M a x B a ch
in Nr. 6 des „Archivs".

Voll Pfarrer vr. Probst in Essendorf.

Die citirtei: Bemerkungen von Herrn Max
Bach geben uns Veranlassung zu einer Er-
widerung, die wir ganz sachlich zu halten
gesonnen sind.

Vor allen: ist zu konstatiren, daß auch auf
Herrn Bach die Aufzeichnungen des un-
genannten Verfassers des Manuskripts „den
Eindruck großer Objektivität" gemacht haben.
Das ist gewiß zutreffend; nicht bloß die
Beschreibung des betreffeilden Altars, son-
dern auch die der ailderweitigen Gegenstände
und Einrichtungen, wie sie ehemals in
Biberach bestanden, muß den Eindruck Her-
vorrufen, daß sie von einem in seinen Krei-
sen wohl unterrichteten Mann herrühren,
der nicht in der Lage war, sich auf andere
zu berufen, sondern diese Dinge täglich vor

Augen hatte, sich eingeprägt hatte, vielleicht
zuvor schon schriftliche Notizen gemacht hatte
uild nun seirre Gesammterinnerung in dem
genannten Manuskript niederlegt. Derselbe
ist nun der feststehenden Ansicht, daß das
ehemalige Altarwerk im Chor der Kirche
voll Hübsch Martin herrührt. Er gibt frei-
lich nicht an, woher er diese Ueberzeugung
geschöpft hat, ob er vielleicht selbst Augen-
zeuge der Ueberbringung und Aufrichtung
desselben in seinen jungen Jahren gewesen
sei. Allein, wenn wir auch über das physische
Alter des Schriftstellers nichts wissen, so
lebte um die Zeit, da er schrieb, offenbar
noch eine ansehnliche Zahl älterer Leute in
Biberach selbst, deren Erinnerililg an jenes
Ereigniß lioch lebhaft war. Der Schrift-
steller selbst kann einen gewissen Stolz, den
er und andere seiner Mitbürger hatten, nicht
verleugnen, daß ihre Pfarrkirche im Besitz
des Werkes eiiles Meisters war, dessen Name
„Hübsch Martin" einen bedeutenden Werth
in deutschen Landen hatte. Sollte cs mög-
lich sein, daß diese Werthschätzung auf einem
groben Mißverständnisse beruhte? daß der
betreffende ausführende Meister nicht der
„Hübsch Marti,:" war, sondern ein anderer,
vielleicht a:ls Ulm oder Memmingen oder
Ravensburg, der nur die Kupferstiche Schon-
gallers feinen Malereien zu Grunde legte?

Die Gründe hiefür von Bach sind folgende:

1) Gerade die Passioilsfolge, die auch am
Altar von Biberach gemalt war, sei von
Schongauer gestochen worden. Dagegen läßt
sich mit Recht sagen, daß die Passioi: a>:s
ilaheliegenden Gründen ein Gegenstand war,
der in jener Zeit sehr oft dargestellt wurde,
so daß daralls eine nähere Beziehung, be-
ziehllngsweise eine Kopirnng, durchaus llicht
erschlossen werden kann. Ueberdies befindet
sich die Anführung des Namens des Malers
durch den Schriftsteller nicht bei der Pas-
sion, sondern ganz vorn vor der Beschrei-
bung der Skulpturen, die in der Festtags-
öffnung sich befände:! und wieder ganz zu-
letzt bei vollständig geschlossenem Schrein,
wo aber nicht die Bilder ans der Passion
sich befanden, sondern vier Darstellungen
aus dem Leben Mariä (z. B. Mariä Ge-
burt, Maria i:nd Elisabeth rc.), die aber von
Martin Schongauer gar u i ch t gestochen
wurden.

2) Wie sollten die Biberacher dazu ge-
kommen sein, ein großes Altarwerk ini fernen
Colmar zu bestellen?

Es wäre sehr erfreulich, wenn man die
näheren Umstände wüßte; allein daraus, daß
man dieselben nicht weiß, darf man keine
Folgerungen ziehen. Beispiele hiefür könnten
zahlreich angeführt werden; um nur eines
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