Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 75
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leitung vom einen zum anderen. Das
Reichenauer Gerichtsbild hatte sich beschränkt
auf die Darstellung des Richters und seiner
Assistenz, der Apostel und der beim Ge-
richt sungirenden Engel; die, über welche
das Gericht ergeht, sind mehr nur an-
deutungsweise in die Schilderung herein-
genommen in den Miniaturgestalten der
ans den Gräbern auferstehenden Menschen.
Das Burgfeldener Gerichtsbild erweitert
diese Darstellung. Es nimmt in dieselbe
herein die in Folge des Richtersprnchs ein-
getretene Scheidung der Menschheit in
zwei Lager und deutet noch das des einen
und andern Theils harrende Schicksal an;
der Apostelchor konnte räumlich nicht nnter-
gebracht werden und wurde daher ans die
Nordwand verlegt. Endlich das Gerichts-
bild von St. Angelo vermehrt bedeutend
den englischen Hofstaat, verlegt die Anf-
erstehnng in das oberste Bildfeld, reiht zu
beiden Seiten des Heilandes die Apostel
ans, schildert dann unten ausführlich die
durch das Urtheil vollzogene Scheidung und
läßt zu unterst einen Blick thun in das
jenseitige Leben der Beseligten und der
Verdammten. —

Bezüglich der in Burgfelden eingemauer-
ten Thontöpfe erhielt ich eine Zuschrift
ans Köln, in welcher die Vermuthung
ausgesprochen ist, dieselben möchten doch
ursprünglich als Schallgefässe zur Hebung
der Akustik des Raumes eingemauert und
erst später behufs Anbringung der Wand-
malereien vorn geschlossen worden sein.
Nicht wohl anzunehmen. Einmal wegen
der sehr kleinen räumlichen Verhältnisse
des Baues, welche wahrlich eine künstliche
Steigerung der Akustik höchst überflüssig
erscheinen lassen. Sodann auch deswegen,
weil die Bemalung zeitlich der Erbauung
nicht fern liegen kann und wohl sicher-
schön von Anfang in Aussicht genommen
war. Endlich entspricht auch die Form
nicht diesem Zweck und nicht der sonst uns
bekannten Form der Schalltöpfe. Eine
Notiz im »Bulletin critic^uec vom 1. Juni
1893 (voll Samuel Berger) verweist auf
die Einfügung von Hohltöpfen schon in
S. Vitale in Ravenna uild in dem 1870
abgebrannten neuen Tempel in Straßburg
und leitet sie her aus dem Bestreben, das
Mauerwerk zil entlasten uitb zu erleichtern.
Aber auch diese Erklärung wird schwerlich

die richtige sein, schoil weil sie unerklärt
läßt, warum ausschließlich nur die innerste
Schichte des eineu ganzen Meter starken
Mauerwerks mit solchen Töpfen dllrchsetzt
wurde und warum die Töpfe alle konse-
glient dieselbe Lage und ihre Oeffilung
nach vorn haben.

Der St. Sebalbaltar in der Ljeilig-
krenzkirche in Gmünd.

(Von f Stadtpfarrer Pfitzer in Gmiind.)

(Fortsetzung.)

Das Haupt- und Mittelbild dieses kost-
baren kirchlichen Kleinods stellt den hl.
Sebaldns dar, eine statuarische, vollrnnde,
imponireude Figur. Auf seinem linken
Arme hält er das Modell der zweithürmi-
gen Sebaldskirche in Nürnberg, für deren
Grüilder und Stifter er daselbst allgemein
gehalten wird, während in seiner rechten
Hand ein Pilgerstab ruht. Sein Unter-
gewand läuft bis auf die Knöchel herab;
sein Obergewand bildet ein kaselartiger
Ueberwurs. Dieses einfache Mantelkleid
fließt von feinen Schultern, Brust und
Rücken auf gleiche Weise deckend, im ein-
fachsten, aber edelsten Faltenwurf bis zu
den Knieen herab. Sein Haupt bedeckt
ein zierliches, fast modernes Hütchen mit
mäßiger Krämpe; sein sorgfältig gepflegter
Vollbart entspricht seinem von Würde und
Heiligkeit strahlenden Antlitze. Zn Hänpten
des Heiligen schweben rechts und links
zwei Engel mit dem dänischen und fränki-
schen Wappen. Sebald soll ein dänischer
Prinz und seine Braut eine fränkische Prin-
zessin gewesen sein. Zu Füßen des Hei-
ligen sodann knieen wieder die beiden Stifter
Sebald Schreyer und seine Ehefrau, jedes
mit dem entsprechenden Familienwappen.
Der „Schrein" aber, in dem diese gut
arrangirte Gruppe sich befindet, ist durch
ein einfaches Flügelpaar verschließbar.
Beide Altarflügel sind mit Malerei ge-
schmückt und verdietien um derselben willen
eine ganz besondere Beachtung. Die nach
innen wie nach außen bemalten Flügel-
thüren stellen in ihren Gemäldett acht
Scenen ans dem Leben des hl. Sebald
dar. Die Trauung des königlichen Prinzen
mit der fränkischen Prinzessin wird in
Gegenwart des königlichen Vaters und
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