Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 83
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des Stifters Zeit lebenden Künstler will
er von den verschiedenen Kunstkennern in
Verbindung gebracht werden, ein Beweis,
wie hoch er geschätzt wird. Die Ober-
amtsbeschreibung von Gmünd sagt hier-
über: „Diese Gemälde, namentlich die der
Predella und die äußeren der Flügel, sind
von hervorragender Schönheit und wer-
den d e m Martin Schaffner z u -
g e s ch r i e b e n."

Schaffner ist ein Zeitgenosse Sebald
Schreyers; er gehört der schwäbischen,
näherhin der Ulmer Malerschule an, und
wirkte in den Jahren 1508 bis 1535.
So nahe aber Schaffner der Zeit des
Nürnberger Kunstfreundes stehen mag und
so viel Aehnlichkeit zwischen seinen Werken
unb dem Sebaldnsaltar in Gmünd sich
auch finden sollte, so ist es doch mehr als
unwahrscheinlich, daß Schreyer, zudem
unter den bereits geschilderten Verhält-
nissen, von Nürnberg aus, der damaligen
Hochburg kirchlicher Kunst, sich nach Ulm
soll gewendet haben, um dort den Altar
seines Namenspatrons fertigen zu lassen.
Es ist deßhalb diese Ansicht heutzutage
auch fast allgemein wieder aufgegeben. Der
Sebaldaltar zu Gmünd ist Nürnberger
Produkt; das wird heutzutage allgemein
anerkannt.

Der ehemalige Stadtbaumeister und
Lehrer an der Polytechnischen Schule zu
Nürnberg, Professor v. Heideloff, in Nürn-
bergs Kunstgeschichte orientirt wie kaum
ein zweiter, sagt von unserem Altar: „Die
herrliche Statue F. Sebalds ist von Veit
Stoß; die Gemälde, welche das Leben
des Sebalds darstellen, sind von Wohl-
gemuth." Wird man dem letzten Satze
betreffs Wohlgemnths dem so kompetenten
Kunstkenner unbedingt beistimmen, so wird
man doch dem ersteren Urtheile nicht so
leicht und so entschieden sich anschließen
können. Veit Stoß ist der in den weitesten
Kreisen bekannte Meister des gewaltig
großen Schnitzaltares in der Frauenkirche
zu Krakau, den er 1484 schon vollendete,
sowie des nicht minder bekannten „Rosen-
kranzes" in der Lorenzkirche zu Nürnberg.
Sein Ruhm gieng, wie ein Kunstgeschicht-
schreiber sich ausdrückt, durch die ganze
Welt. Aber wenn man sich erinnert, was
Knackfuß („Deutsche Kunstgeschichte" Seite
495) sagt: „Veit Stoß zerstörte bei Fi-

guren in weiter Gewandung die edle Er-
scheinung der Menschengestalt durch einen
Wust vor: unnatürlichen Falten-
massen", dann kann man kaum in Ver-
suchung kommen, den Gmünder Sebald in
seiner einfachen und schlichten Gewandung
ihm znzntheilen.

Zu einem ähnlichen Resultate kommt
man bei einer Nebeneinanderstellung unseres
Sebald mit den Werken Adam Krafts.
Derselbe war mit Vorzug ein Steinmetze
und deßhalb Bildhauer in Stein, ob er
aber auch »als Holzbildschnitzer sich be-
thätigt hat, ist jedenfalls durch kein hinter-
lassenes Werk dokumentirt. Sein Name
ist vor allem an das ans Stein gefertigte
Sakramentshans in der Lorenzkirche ge-
knüpft, von dem die Nürnberger sagten,
„es sei ans einer Steinmasse gegossen".
Ebenfalls ein plastisches Steinwerk ist seine
hervorragendste Arbeit, eine Reihe von
Passionsbildern ans dem Wege zum Jo-
hanniskirchhof. Zn den nicht unbedeutend-
sten Schöpfungen Krafts gehört nun
aber auch das 1492 durch seinen Meißel
gefertigte Familiendenkmal der Schreyer.
Dasselbe befindet sich an der Außenseite
des Chores der Sebalduskirche in Nürn-
berg. Ans diesem Grunde denkt ein
späterer Gmünder Chronist bei Erwäh-
nung unseres Sebaldusaltars auch an
Meister Adam Kraft. „Dürste nun, fragt
derselbe, Sebald Schreyer dem so renom-
mirten Meister seiner Faniiliengrabstätte
nicht auch die Fertigung unseres Sebaldns-
altares übertragen haben?" Das liegt
freilich nicht außer dem Bereiche der Mög-
lichkeit. In jener Zeit war es ja ohne-
dies gar nicht selten, daß Bildhauer ihren
Meißel an Hecks wie an Stein ansetzten.
Aber von dem großen Steinbildhauer haben
wir nun ein für allemal kein in Holz ge-
schnitztes Werk, und zweitens bietet die
Darstellung und Auffassung der herrlichen
Kraftschen Werke keinen Anschluß an un-
seren Sebald. Die gehäuften, willkürlich
bewegten, den Naturgesetzen oft geradezu
widersprechenden Faltenmassen an den Ge-
wandungen des Meisters Kraft stehen 51t
sehr ab von der ebenso einfach natürlichen
wie ästhetisch schönen Kostümirung des
Gmünder Sebald.

Näher läge es, an den nicht weniger
berühmten Rothgießer Peter Bischer zu
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