Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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Roeoco ist hier vollständig aus der Ornamen-
tirung verschwunden, iviewohl einige (Stellen in
der That den Eindruck machen, als habe sich
die Hand des Künstlers manchmal noch unwill-
kürlich danach krümmen wollen. Die Gliederung
der Dekoration ist in der üblichen Weise ge-
halten. Das Ganze aber hat etwas Nüchternes,
Tapetenhaftes. Man glaubt fast zu sehen, wie
sich der Meister abgeqnült hat, um gegen seine
Natur einfach und vornehin zu erscheinen. Am
Erker füllt den Raum zwischen den Fenstern
des 1. und 2. Stockes eine hl. Familie, eine
tüchtige Arbeit, aber kalt in der Farbe. Das
Nahmenwerk der oberen Erkerfenster ist von
reizenden in lichtem Grau gemalten Putten ge-
krönt. Die ganze Fassade bildet einen charakteri-
stischen Gegensatz zu den oben erwähnten war-
men, feurigen Fresken des anstoßenden Hauses

I) 162 aus dem Jahre 1760 von der Hand
desselben Meisters." An Christ erinnern ferner
noch einige das Hostiengefäß umschwebende
Engel an dem katholischen Waisenhaus am
oberen Kreuz F216; darunter steht die Jahres-
zahl 1776. Alles übrige ist mit einer gelben
Tünche überstrichen, die jedoch die Formen der
ehemaligen Ornamentirung noch erkennen läßt;
an einigen Stellen sind sogar auch die ursprüng-
lichen Farben wieder hervorgetreten. Danach
waren die Fenster mit geradlinigen, in einem
hellen Grau gehaltenen Umrahmungen einge-
faßt und mit Giebeln gekrönt, alles etwa in
Nachahmung einfacher Steinformen. Innerhalb
dieser Einfassungen zwischen dem 1. und 2. Ge-
schoße war jedesmal ein dicker grauer und dar-
über ein dicker dunkelrother Strich, ivodurch
ein gewisser koloristischer Reiz erzielt wurde.
Im allgemeiuen war die Ornamentirung sehr
einfach und anspruchslos, aber gefällig; und der
Zweck tvard hier mit geringeren Mitteln zweifel-
los besser erreicht als bei der vorigen. Ein
solches von schtvebendeu Engeln umgebenes
Hostiengefäß an A 436 beim Schnarrbrnnnen ist
ganz in Christs Manier gemalt. — Es war aber
auch diesmal seines Bleibens nicht in Augs-
burg, und er begab sich im Jahre 1777 auf
Zureden eines ihm bekannt gelvordenen kaiserlich-
russischen Hvfrathes wiederum nach Petersburg,
von wo er nicht mehr in sein Vaterland zurück-
kehrte und woselbst er am 6. Mai 1788 starb,
nachdein er sich daselbst mit seiner Kunst Ruhm,
Ehre niib Vermögen erworben. Weiteres ist
uns über seine künstlerischen Leistungen in Ruß-
land bis jetzt leider nicht bekannt geivorden.
In Christ ist ein reich veranlagter, vielseitiger,
gewandter und fleißiger Künstler dahingegangen,
der seiner schwäbischen Heimat alle Ehre ge-
macht hat; so produktiv er auch war, so besitzt
indeß, sein engeres Vaterland, das jetzige württem-
bergische Oberschwaben, unseres Wissens nicht ein
einziges Stück von ihm. — Christ war — ob in erster
oder zweiter Ehe ?—mit der (mit der Küustlerfamilie
Verhelft vertvandten) Wittwe des int Jahre 1756
f Augsburger Kupferstechers Joh. Rud. Stärk-
l in verehelicht; die beiden frühverstorbenen talent-
vollen Söhne Stärklins, Joseph und Johannes
Stärklin, hatten bei ihrem Stiefvater Christ ge-
lernt. Ob letzterer selbst Nachkommen hinter-

ließ, konnte (bis jetzt) nicht und ebensowenig
das Vorhandensein eines Bildnisses (Knpfer-
blatt, Oelportrait re.) seiner Person ermittelt
werden.

III. Der andere vberschwübische Künstler,
der in der neuen Ehinger Oberamts- und in
der württembergischen Landesbeschreibung zwar
aufgeführte, auch in Müller-Seuberts Künstler-
lexicon (III, S. 199/200) kurz und noch am ein-
gehendsten bei I. Biehler in seiner Abhandlung
„über Miniaturmalereien" (Wien, 1861 in der
typographisch-lit.-artistischen Anstalt von L. C.
Zamarski & C. Dittmarsch, S. 65) erwähnte,
des näheren aber in Deutschland nicht gekannte
Maler Joseph Dominikus Oechs (alias Ochs,
früher Ox) — nicht zu verwechseln mit den
ziemlich gleichzeitigen U l m er Malern Joh. Bapt.
und Joseph Anton Ochs, dem Basler Minia-
turmaler Friedrich Ochs, dem Berner Siegel-
schneider Joh Rud. Ochs — wurde nach dem
Erbacher Taufregister am 11. März 1775 ') als
Sohn unbemittelter Landleute zu Erbach a. Donau
im heutigen württembergischen Oberamt Ehingen
geboren, brachte seine früheste Jugend mit länd-
lichen Beschäftigungen zu, bis ihm sein älterer
Bruder (der ebendaselbst am 5. Februar 1763
geborene), Anton Oechs, welcher aus einem
Koch ein Porzellanmaler geworden war und in
Regensburg lebte und starb, über welchen sich
bis jetzt trotz verschiedener Nachforschungen nichts
weiteres erheben ließ, im Jahre 1788, zu sich
nahm, nur ihn in der Malerei zu unterweisen.
Da er aber hier nicht gut gehalten wurde, so
verließ er im Jahre 1795 seinen Bruder und
gieng nach Nürnberg zu dem Porzellanmaler
Karl Frost, allein der junge Mann hatte keine
Neigung zur Schmelzmalerei und fieng das
Portraitiren en miniature an, womit er sich in
sieben Jahren (von 1791—1798) so viel erworben
hatte, daß er nunmehr zu seiner ferneren Aus-
bildung eine Reise unternehmen konnte. Nach
einigem Aufenthalte in Bamberg, Arnstedt und
Erfurt, in welch letzterer Stadt der wackere
Bellermann (wohl der Vater des berühmten im
Jahre 1814 daselbst geborenen Ferd. Beller-
mann) sich seiner annahm, kam er endlich nach
Dresden, wo ihm die Professoren A. Grast und
Klengel, Riedel und andere treffliche Meister
freundlich mit Rath an die Hand giengen. In-
folge einer Aufforderung des Barons Heinrich
v. Kleist auf Zerrten in Kurland verließ er schon
im Jahre 1804 Dresden und begleitete Kleist in
Kurlands Hauptstadt Mitau, wo er — wir folgen
hier und int ganzen den dankenswerthen ein-
gehenden und zuverlässigen Mittheilungen des
Herrn Malers Julius Döring in Milan, zu-
gleich Sekretärs und Bibliothekars des kurlän-
dischen Provinzialmuseums re. daselbst — viele Mi-
niaturbilder ausführte, u. a. die Portraits der
Prinzessin Dorothea von Kurland, des Grafeit
O. von Stackelberg, des kaiserl. Kammerherrn
Grafen voit Medem, des Staatsrathes Piattoli

') Von Mitau aus wurde, wie es scheint
nach einer früheren Angabe Christs, der 19. März
1776 als Geburtsdatum angegeben.
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