Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 88
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u den schönsten Früchten des
in früheren Kunstperivden eng-
geknüpften, erst durch die moderne
Industrie gelockerten, nun wieder
an gestrebten Bundes zwischen
Kunst und Handwerk und ihrer
gegenseitigen lebensvollen Durchdringung zählen
die Erzeugnisse der alten Kunstschlosserei. Sie
bekunden die veredelnden Einflüsse des Kunst-
sinns auf das Handwerk und erheben sich nicht
selten zur Höhe eigentlicher Kunstwerke.

In neuerer Zeit hat sich die Schmiedeisen-
technik am Beispiel dieser alten Werke wieder zu
erfreulicher Blüte und zum Range des eigent-
lichen Kunsthandwerks emporgearbeitet. Aber
sie ist dieser Schule noch nicht entivachsen. Gute
Leistungen der Borzeit ihr nahezubringen, er-
scheint daher als Verdienst. Von diesem Ge-
sichtspunkt aus ist die vorliegende Serie tüch-
tiger alter Feinschmiedearbeiten zusammenge-
stellt. Nicht alle werden nachgebildet werden
können, aber an allen kann ein strebsamer Meister
sich bilden.

Das erste Blatt zeigt an einer romani-
sch e u T h ü r e i n S i n d e l f i n g e n einen frühen,
wvhlbefriedigenden Versuch, das, >vas Sache des
Bedürfnisses ist und einer Thüre die zu ihrem
Beruf erforderliche Ausrüstung und Fertigkeit
verleihen soll, zugleich künstlerisch zu gestalten
und mit ästhetischer Wirkung zu begaben. Or-
ganischer ist schon die Eisenausstattung der ro-
manischen Thüre von Maulbronn.
Aehnlich kräftigen Charakter zeigt das gothische
Beschlüg an der Sakristei thüre von Nür-
tingen, dessen starke Bänder sich schön ver-
zweigen , in gespaltenen Blättern endigen und
überdies lange Nankenstiele mit vortrefflich stili-
firteit Distelblättern und Distelblütenköpfen ent-
senden.

Zwei edle Vertreter geschmackvoller Renais-
sance sind das Chorgitter von Urach und
das Chor- und Altargitter von Nür-
tingen; ersteres einfach verschlungenes Ranken-
werk, an den Enden ausblühend in Blumen-
kelche, Sterne, Blättchen; letzteres reicher, voll
Schwung und Kraft in den unteren, den Altar
unlschließenden Partien, voll Zierlichkeit und
Eleganz in dem Geranke und den Fruchtge-
hängen der hohen Bögen. Weit schlichter und
derber das Gitter, welches die Bildnische eines
Brückenkap e llchens in Rottenburg ver-
schließt, aber auch nicht ohne Schwung und
Charakter.

Willkommen dürften namentlich sein die
fünf Grab kreuze aus Rvttweil, nicht in
allen Formen von tadellosem Geschmack und
nachbildungswürdig, aber niit viel trefflichem
Detail; sehr wohlgebildet namentlich das linke
Kreuz der ersten Tafel, stilistisch beachtenswertst
das Zopfkreuz auf eigenem Karton. Wieviel
besser würden derartige Kreuze mit ihrem fein
durchbrochenen Ornamentgespinst Gräber und
Friedhöfe zieren, als die in Masse aufeinander-
gedrängten Steinkolosse oder als die plumpen
und unsoliden Gußeisenkreuze!

Wahre Triumphe der Feinschmiedekunst sind
zu nennen die drei herrlichen Werke, tvelche die
lelcken Blätter vor Augen führen, das Mittel-
stück und Seitenstück des Chorgitters von
Weingarten und der Mitteltheil des Chor-
gitters von Zwiefalten.

Der Schmied und Schlosser greift hier über
in das Gebiet des Architekten. Er fängt an zu
bauen. Nicht nur ganze Thüren erstellt er mit
durchbrochener Gitterung. er fertigt aus seinem
Material auch die Thürgestelle, Portalumrah-
mungen mit festeu Pfeilern und hohen Krö-
nungen, ja Säulenstühle, Rundsäulen mit ko-
rinthischen Kapitellen, mit Architraven und
Gesimsen; durch perspektivische Kunststücke läßt
er Halbknppeln sich aufwölben, feine übersponnene
Laubengänge sich vertiefen.

Aber alles das sind liebenswürdige Ueber-
griffe, die man nicht tadeln kann. Denn der
Eisentechniker vergißt doch keinen Augenblick, was
er ist. Nicht ernstlich, nur in fröhlichem Formen-
spiel rivalisirt er mit dem Architekten. Er will
nicht mit seinem Eisenbau in Konkurrenz treten
mit dem Steinbau der Kirche; sein Bestreben geht
nur dahin, in den mächtigen Kirchenbau ein
Eisengitter einzufügen, das seiner würdig ist
und auch monumentale Art hat. lind er will
nicht Architektur bis zur Illusion nachbilden;
er deutet sie nur an und idealisirt sie.

Darum spielt auch in dieser Eisenarchitektur
die Ornamentik eine Hauptrolle. Und welche
Ornamentik! Wie phantasiereich, wie über-
quellend und unerschöpflich an Formen! In den
beiden Gittern legt eine ganze Ausstellung von
Dekorationsmvtiven des Barock- und Zopfstils
ihre Schätze und Reichthümer aus, und sie können
strebsamen Meistern der Feinschmiedekunst füglich
als Formenschule dieser Stilarten dienen.

Annoncen.

Herdersche Verlagshandlung, Freiburg
im Breisgau.

Quartalschrift, Römische,für
Christi. Älterthumskunde
und für Kirchengeschichte.

Unter Mitwirkung von Fachgenossen
herausgegeben von Dr. A. de Waal, für
Archäologie, und Dr. H. Finke, für
Kirchengeschichte. VII. Jahrgang. Erstes
und zweites Heft. Mit 3 Tafeln in Helio-
typie. Lex-.8°. (S. 1—244.) Preis pro

Jahrgang M. 16.

Diese Zeitschrift erscheint jährlich in
vier Heften, jedes ca. 100 Seiten stark,
mit Tafeln, meist in Heliotypie.

Hiezu eine Runstbeilage:

Entwurf eines einfachen Tabernakelaltars im
Renaissancestil.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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