Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 97
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Archiv für christliche Nunst.

(Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

Herausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für Ji 2.05 durch die württembergischen (J& 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), ^2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,

I» tt fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden yQ/^v;-)
11* auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstrafle 94, zum
Preise von Jl 2. 05 halbjährlich.

Der Lhor der ehemaligen Kloster-
kirche in Blaubeuren.

(Schluß.)

Die alte, doch nicht kunstlose Ein-
fachheit repräsentieren die kleinen drei-
sitzigen Chorstühle, welche vorn im Ober-
chor Platz gefunden haben, gleich dem
Abtsstuhl ans der Evangelienseite aus
schlichtem Tannenholz gefertigt; den letz-
teren ziert ein großes, leider verdorbenes,
durchbrochenes Ornamentstück, welches den
Zwickel zwischen dem Dorsal und dem
weit vorspringenden Dach ansfüllt.

Man übersehe über diesen großen Jn-
ventarstücken nicht ein kleineres, einzeln-
stehendes Bildwerk — das herrliche Kruzi-
fixbild , welches groß und ernst über der
Maßwerkbrüstung der Empore aufragt
und aus mehreren Blättern Schülers in
größerem und kleinerem Maßstab sich dem
Blicke darbietet. Ein Kunstwerk ersten
Ranges, würdig eines Sürlin des Ael-
teren, ebenbürtig dem Kruzifixbild in der
Klosterkirche zu Wiblingen. Welche Weihe
ist ausgegosseil über diesen adeligen Leib,
bei dessen Durchbildung feinstes Natur-
verständniß und keusche Ehrfurcht sich in
die Hand arbeiteten, über dieses Antlitz,
in welches Wehe, Schmerz und Tod sich
einzeichnet, verklärt und verschönt durch
göttliche Liebe und unendliches Erbarmen!
Die im Tod gebrochenen Augen und die
geschlossenen Lippen reden noch lauter und
eindringlicher ans Herz, als die klagend
geöffneten Angen und Lippen des Schmer-
zensmannes in der Krönung des Altars.

Alle diese prächtigen Werke, die der
Ulmer Kunst am Ende des 15. Jahr-
hunderts ein ruhmreiches Zeugniß aus-
stellen, unterbreiten die Tafeln Schülers
in mustergiltigen, untadeligen Reproduk-
tionen erstmals einem weiteren Kreise zu
müheloser Besichtigung und Prüfung. Es

läßt sich hoffen, daß dadurch die noch
offenen Fragen, welche sich an sie an-
knüpfen, einer endgiltigen Erledigung ent-
gegengeführt werden. Wer einigermaßen
die großen Mühen, beträchtlichen Opfer
und zeitraubenden Versuche kennt, um
deren Preis allein solch künstlerisch vollen-
dete photographische Nachbildungen zu ge-
winneu sind, der wird Herrn Hofphoto-
graph Schüler Anerkennung und Dank
nicht versagen und von dem lebhaften
Wunsch beseelt sein, es inöchten dem ge-
nannten Herrn jene Opfer durch reichliche
Abnahme des Kunstwerks gelohnt werden.
Wir würden es sehr begrüßen, wenn der
schöne Plan Schülers, der [eine Meister-
schaft iil der photographischen Reproduktion
bereits durch sein Werk über den Hoch-
altar in Heilbronn und den Altar von
Creglingeit glänzend bewährt hat, der
Plan, eine ganze Serie von alten
Flügelaltären des Landes in pho-
tographischen Reproduktionen
he raus zu geben, auch durch Gewäh-
rung von Staatsunterstütznng seiner baldi-
gen Realisirnng entgegengeführt werden
könnte.

Noch vor Schülers Publikation erschien
die erste Lieferung eines größeren Werkes,
welches auf 20 photographischen Blättern
ebenfalls die Schätze des Blaubenrer Chors
vorzuführen gedenkt: Der Hochaltar
und das Gestühl im Chor der
Klosterkirche zu B l a u b e u r e n.
Zwanzig Photographiedrnckblätter von C.
Ebner in Stuttgart, mit einleitendem
Text, bearbeitet von Maler Max Bach
in Stuttgart. Herausgegeben von Karl
Baur, Blaubeuren, Mangold'sche Buch-
handlung, 1893. Die erste Lieferung ent-
hält 5 Blätter mit einem Textblatt, auf
welchem Max Bach in dankenswerther
Weise die Urtheile der verschiedenen Kunst-
forscher über Werth, Herkunft, Meister
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