Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 102
DOI Heft: 10.11588/diglit.15910.65
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.69
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.70
DOI Seite: 10.11588/diglit.15910#0113
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1893/0113
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
102

Chrysostomus Forchner in Muttensweiler >virk-
lich recht Tüchtiges geleistet hat, so ist möglich,
daß in späteren Jahren vielleicht wegen Charakter-
fehlern sein Stern erbleichte. Wenigstens läßt
nachstehender Sterberegistereintrag zn Dietenheim
gewisse Befürchtungen nnb Vermuthungen ent-
stehen. Es ist nemlich zu lesen: kost vitam
non satis laudabiliter exaclam integro pro-
pemed: biennio extrema paupertate et aegri-
tudine in semitam salutis recreatus sacris Omni-
bus munitus decessit. Mit diesem Künstler
starb das Geschlecht der Forchner in Dieten-
heim aus.

Zinn Schluß bemerken wir noch, daß mit den
angegebenen Kirchenbuchauszügen uns auch die
Nachricht aus Dietenheim znkam, außer den er-
wähnten Künstlern habe es dort immer Maler,
theilweise sogar berühmte, ivie Denzel, Späth
u. s. w. gegeben. In Dietenheim selbst aber
finden sich keine Werke der dort geborenen Künst-
ler vor. Nur die Plafondfresken der Gotles-
ackerkirche, welche die Werke der Barmherzigkeit
znnr Gegenstand haben, stammen von einem
Bürgerssohne, nemlich den: anno 1856 gestor-
benen Maler Specht. Derselbe erhielt auf Grund
dieser künstlerischen Leistungen eine Staats-
uuterstützung zn einen: vierjährigen Aufenthalte
in Rom.

Oie schwäbische ökulpturschule im ger-
manischen Museum zu Nürnberg.

Von Amtsrichter a. D. B e cf.

In der sehr reichhaltigen Sammlung der
Skulpturwerke des germanischen Museums zn
Nürnberg, tvelche (d. h. die Gesammtabtheilung
für Plastik) über den vierten Theil aller vor-
handenen Ausstellungslokale einnimmt, ist haupt-
sächlich die mittelalterliche Kunst vertreten. Die
Originale der ornamentalen und figürlichen, so-
wie der kleinen Plastik, letztere solvent sie dem
Mittelalter angehören, sind, da sie beinahe aus-
schließlich kirchlichen Zwecken dienten, in der ehe-
maligen Karthäuserkirche und ihren Nebenränmen
im sachgenüißen Anschluß an die Sammlung der
kirchlichen Geräthe aufgestellt. Ihre Hanptstärke
besitzt die Sammlung von Originalen unzweifel-
haft in den Bildwerken der tonangebenden
fränkischen Schule mit ihrem Centrum
Nürnberg, deren (namentlich in Privatbesitz
befindliche) Werke man so recht auf der dies-
jährigen „fränkischen Alterthumsausstellnng in
Würzburg" zu sehen bekam; von den strengen
Anfängen des 15. Jahrhunderts durch die
Periode immer reicherer Entfaltung hindurch
bis in die Spätzeit des 16. Jahrhunderts läßt
sich diese Schule hier in ihrer ganzen Ent-
wicklung verfolgen. Aber die Sammlung steht
deßhalb durchaus nicht auf dem Standpunkte
einer Lokalsammlung; sie sucht vielmehr —
wenn auch im Uebrigen bis jetzt noch we-
ttiger umfangreich der Zahl der Denkmäler
riach vertreten — durch charakteristische Werke
Richtung und Eigenart der übrigen deutschen
Bildnerschulen darzustellen; und zwar stehl neben
dem eigenhändig sorgfältig ansgeführten Meister-

werke in der Sammlung auch die nach künst-
lerischer Gestaltung ringende Werkstattarbeit.
„Fördert auf solche Weise die Sammlung das
Studium, so schmälert sie dadurch doch nidjt den
Genuß der Denkmäler." So ist namentlich auch
die schwäbische Schnitzerschule ziemlich ver-
treten. Aus alter Zeit, d. h. aus der Periode
vor bezw. bis zu der um die Mitte des
15. Jahrhunderts erfolgten Bildung einer eigent-
lich schwäbischen Schule ist begreiflicher Weise
von Schwaben nicht mehr viel vorhanden; waren
doch überhaupt Arbeiten in Holz in dieser
Epoche im Allgemeinen ziemlich selten. Wie die
Altäre in Stein, so pflegte man damals das
gesammte Altargeräthe in Metall herzustellen;
und das Holzgeräthe in Kirchen und Palästen
war überhaupt damals noch völlig schmucklos.
Holzgeschnitzte Einzelfiguren in Rundbildern wie
in Hochreliefs mögen häufiger vorgekommen sein
und sind es namentlich ziemlich viele bemalte
Triumphkreuze, das sind über dem Triumph-
bogen der Kirchen angebrachte meist kolossale
Krneifixe, ivelche besonders in dieser Periode her-
vortreten. Zwei solcher Stücke aus Schivaben
finden sich in der Abtheilnng für figürliche
Plastik, nemlich ein aus Urach stammender,
2 m hoher, 1,25 m breiter, von dem Alterthums-
häudler Grueger in München im Jahre 1888
angekaufter Krueifixus mit Resten alter Malerei
aus dem 11. Jahrhundert, dessen Lendentnch
mit mehreren Knöpfen zusammengehalten ist
(Nr. 748 der Abth. f. f. P.), dann ein aus einer
Kirche am Bodensee (Eriskirch?) stammen-
der, vom selben Händler erkaufter, 0,90 m hoher,
0,80 m breiter Krueifixus mit Resten der alten (?)
Malerei aus dem 12. Jahrhundert; das Lenden-
tuch ist mit einem Knopfe in der Mitte zu-
sannnengehalten, das Haupt trug ehemals eine
metallene Krone; das Kreuz ist neu (Nr. 747).
Der Nachbarschaft wegen wären hieher noch an-
znführen ein 0,90 m hohes, 0,20 m breites
hölzernes Rundbild der oberbayerischen Schule
aus dem 12. Jahrhundert: eine sitzende Madonna
mit dem zwischen ihren Knieen ruhenden, ein
Buch haltenden Kinde; von Reichardt in München
im Jahre 1887 angekauft (Nr. 4 >5). Später
ist schon ein aitgeblich gleichfalls aus Oberbayern
stammender, 96 cm hoher, aus Lindenholz ge-
fertigter hl. Sebastian mit nacktem Oberkörper,
der aus einem nmgeworfenen Mantel oben
heransschaut, „dem im 15. Jahrhundert typisch
aewordenen nackten Sebastiansideal als Vor-
läufer dienend" (Nr. 228). Weiler ein aus der
Kirche zu Tschengels im Vintschgau stammen-
des, bemaltes und vergoldetes, von Hofantiquar
Pickert in Nürnberg angekauftes Tyroler Werk:
Krönung der hl. Maria; drei runde, freistehende
Figuren, die sich zu einer Gruppe zusammen-
stellen lassen: Gott Vater, vor welchem Maria
neben dem sitzenden Christus kniet, der die
Hände ansstreckt, ihr die (jetzt fehlende) Krone
aufzusellen; Höhe der Figuren ungefähr 1 m
(Nr. 317 — 319; s. darüber Bode, Gesch. der
d. Plastik; Mittheilungen aus dem germanischen
Museum. II. S 57). Manches aus der alten
Zeit (d. h. bis zum 15. Jahrhundert) noch Vor-
handene ist überhaupt nicht mehr zu bestimmen
loading ...