Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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und die Herkunft kaum mehr festzustellen. An
diesen ältesten Werken der Bildnerei zeigt sich
noch jene Einfachheit und Energie der großen
Linienführung des Faltenwurfes, Einfachheit
namentlich in der Behandlung der Hände,
schematische, aber doch ansprechende Bildung der
Physiognvmieen. Nach und nach verschwindet
aber die Energie der langgezogenen Falten und
eine größere Weichheit, eine Abrundung aller
Motive tritt zu Tage. Später tritt noch eine
Häufung der gerundeten weichen Falteumotive
hinzu, die bis dahin schlanken Figuren verkürzen
sich, gehen mitunter selbst in übertriebene Ge-
drungenheit über, während die Typen noch
schematisch, die Hände unmodellirt bleiben. Leben
und Ausdruck in die bis dahin todten Gesichter
kommt aber eigentlich erst nach und nach um
die Mitte des 15. Jahrhunderts; der Falten-
wurf verliert die frühere Einfachheit und Weich-
heit, wird bewegt und knitterig; vor Allem treten
nun die lokalen Eigenthümlichkeiteu ruid Be-
sonderheiten hervor; es bilden sich Schulen, so
auch unsere schwäbische, die sich mehr von ein-
ander unterscheiden, als bis dahin die au einem
Orte entstandenen Werke sich von dem ander-
wärts geschaffenen abheben. Allerdings bildeten
sich diese Schulen nur allmählich aus; noch
längerer Hebung bedurfte es, bis einzelne Meister
mit voller künstlerischer Individualität auftreten.
Neben denselben aber bildete das zünftige Hand-
werk eine Anzahl Meister, welche, wie in früherer
Zeit, schematisch handweiklich ihre.Figuren schufen,
oft auch mechanisch uachmachten, ohne daß ein
künstlerischer Hauch sie belebte, oder die Kraft
einer Schule sie befähigte, Figurenartiges zu
schaffen; und kann man nunmehr manchmal
einen Unterschied zwischen Kunstwerk und Hand-
werksarbeit ziehen, wenn auch im Gegensatz zu
einem hierin mehrfach zu Tage getretenen Opti-
mismus nicht zu verhehlen ist, daß die Mehr-
zahl Handwerksarbeit ist und das eigentliche
durchgeistigte Kunstwerk nahe zusammeugeht. Es
findet sich denn auch eine große Zahl von
Werken, bei denen es schwer hält, genau die
Entstehungszeit zu bestimmen, Schule und Meister
zu nennen, obwohl bei denselben manche Eigen-
art der Schulen und Meister solchen Einfluß
auch auf diese mehr handwerklichen Rundfiguren
und Reliefe ausübte, daß das den Schulen Ge-
meinsame sich auch in diesen handwerklichen Er-
zeugnissen wiederspiegelt, ohne daß man schon
um deßwillen, wenn nicht etwa durch äußerliche
Umstände der Ursprungsort sich Nachweisen läßt,
die Zuweisung an bestimmte Gruppen riskiren
dürfte. Ende des 15. und Anfang des 16. Jahr-
hunderts herrschte in Schwaben fast eine ge-
wisse Ueberproduktiou au Holzschnitzwerken und
Schnitzern ähnlich wie etwa im 17. Jahrhundert
eine solche in den Niederlanden, wo damals,
wie man etwas drastisch zu sagen Pflegte, fast
jeder Maurer malte, auf dem Gebiete der
Malerei. Nach dem Zeugniß des auch in
Schwaben nicht unbekannten Humanisten Jak.
Wimpheling verlangte damals alle Welt nach
Kunstwerken.

Was speziell die s ch w ä b i s ch e, in Bildhauer-
kunst wie in Malerei sich ziemlich konform ent-

wickelnde Schule, mit der wir uns hier vornehm-
lich zu befassen haben, anlangt, so ist diese im
Grunde genommen noch älter als die fränkische
und war dieser einst auch überlegen. Mit Stolz
und Ruhm darf Schwaben heute noch auf sie,
als einst einen der ersten Glanzpunkte mittel-
alterlicher Kunst, zurückschanen; sie hatte einst ein
weites Gebiet ihrer Thätigkeit aufzuweisen: west-
wärts erstreckte sie sich bis Colmar und Straß-
burg , südlich über Ravensburg und Konstanz
bis Tyrol und Graubündten. Selbst innerhalb
ihres eigenen tveiten Bereiches treten denn auch
einige kleinere Unterschiede an's Tageslicht, inso-
fern die südschwäbischen Arbeiten noch ziemlichen
weichen Fluß der Gewandung zeigen, die nord-
schwäbischen dagegen bereits von dem auch nach
Schwaben anregenden und befruchtenden Ein-
flüsse der knitterigen Eckigkeit der fränkischen
Manier berührt sind, ohne daß indeß dadurch
der schwäbischen Schule ihre provinzielle Eigen-
art benommen und ihre Selbstständigkeit wesent-
lich beeinträchtigt worden wäre. So spricht man
denn auch neben der schwäbischen von einer
Ulm er und etwas euphemistischer Weise seit
einiger Zeit von einer „B o d e n s e e sch u l e".
Bor der fränkischen Schule zeichnet sich die be-
nachbarte schwäbische, sobald letztere um die
Mitte des 15. Jahrhunderts ihre Eigenart der
allgemeinen Stilrichtung gegenüber mehr hervor-
treten ließ, durch größere Zartheit, Schlankheit
und Eleganz der Figuren alsbald aus. Auch
ist sie idealer geblieben und zeigt sie sich noch
bis in die Spätzeit feiner in der geistigen Durch-
bildung, als selbst bei den größten Nürnbergern
und sonstigen fränkischen Meistern, Niemen-
schneider etiva ausgenommen, der den Ueber-
gang sowohl zur schwäbischen, als zur nieder-
rheinischen Schule markirt. Manche schwäbische
Meister sind den großen Nürnbergern völlig
ebenbürtig; namentlich machte sich ihr Haupt-
meister Jörg Syrlin, der schon früher zu
Ruf und Bedeutung gelangt, als die großen
Nürnberger, etwa gleichzeitig schon mit dem
Meister des Nürnberger Katharinenaltares, so-
fort von der konventionellen Haltung los und
gab sowohl den Figuren im Ganzen, als ins-
besondere den Gesichtern wiikliches Leben. Frei-
lich überstrahlte auch sein und seines Sohnes.
Jörg Syrlin des Jüngeren Ruhm jenen der Gefähr-
ten mehr als tvünschenstverth, und so mancher her-
vorragende Künstler, mancher Kunstepigone blieb,
gleich den vielen Nürnbergern, im Dunkel der
Namenlosigkeit, während manche solche anonyme
Werke heute noch hell leuchten und unser Auge
erfreuen.

Es werden nun — nach dem neuesten, hier
auch sonst benützten, instruktiven „Kataloge der
im germanischen Museum befindlichen Original-
skulpturen" (Nürnberg, Verlag dieses Institutes,
1890, S. 46—48) — die zahlreichen in diesem
Museum noch vorhandenen Werke der schwä-
bischen Schnitzerschule, welche so stattlich bei-
sammen zu sehen und zu studireu man nicht
leicht irgendwo Gelegenheit haben wird wie hier,
angeführt, von welchen aber auch nicht eines mit
Sicherheit einem bestimmten Meister (bis jetzt)
zugewiesen werden kann:
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