Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 108
DOI Heft: 10.11588/diglit.15910.72
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.73
DOI Seite: 10.11588/diglit.15910#0120
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1893/0120
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
108

wurde. Sein Gutachten, allem rigorosen
Purismus abhold und den realen Verhält-
nissen Rechnung tragend, lautete dahin,
die Fensternischen einfach in ihrem jetzigen
Zustand zu belassen, da deren Ansrundnng
tadellos schön ansgeführt sei und eine Ab-
änderung an sich betrachtet nicht erheische;
das gedachte Projekt könne somit als Luxus
bezeichnet und das dafür nötige Geld
würde besser ans die sonstige Ausschmückung
verwendet werden. Dafür sollte aber beim
Entwurf der neuen Fenster dem Glas-
maler der Auftrag gegeben werden, die
erwähnte Stil-Dissonanz durch Anbringung
entsprechender Maaßwerk-Ornamente eini-
germaßen abznschwächen, wie dies schon
bei vielen gothischen Kirchen geschehen ist.

- Sollten spätere Zeiten das Bedürfnis
und die Mittel haben, das nun fallen-
gelassene Projekt doch noch ansznführen,
so wird dies immer noch geschehen können.

Für die künstlerisch-malerische Aus-
schmückung war nicht allzuviel Raum vor-
handen; deswegen mußten die Chorfenster
hiebei mit einbezogen werden. Was sollte
in die Kirche gemalt werden? Was in
den Chor und was ins Schiff? — Wich-
tige Fragen! — Die Geheimnisse des hl.
Rosenkranzes sind gewiß sehr passende
Gegenstände. Aber diese Idee verbraucht
sich allmählich stark und findet sich schon
allenthalben. Auch ist Mariä Krönung
schon der Hanptgegenstand des Hochaltar-
Aufsatzes, könnte also nicht noch einmal
verwendet werden. Die Lösung dieser
Fragen klärte sich mählig durch Nach-
denken und Gebet. So kam uns die Idee,
im Chor die vornehmlichsten „Großthaten
Gottes" (Apostelgesch. 2, 11) zu unserer
Erlösung bildlich darznstellen, deren Früchte
der gläubigen Seele zu ihrer Heiligung
und Beselignng im Chore der Kirche durch
das von den Aposteln überkommene Priester-
thum in den hl. Sakramenten, besonders
im Geheimniß des Altares, geboten wer-
den. Somit sollten in dem Chor zur Dar-
stellung kommen: Menschwerdung, Geburt
und Opferung des Erlösers; ferner sein
letztes Abendmahl, Leiden und Sterben in
kurzer Zusammenfassung, endlich sein Fort-
leben unter uns im Altarsgeheimniß. Im
Schiff ans der großen flachen Decke oben
sollte zur Andeutung kommen das hohe
Glück, welches der christlichen Seele dort

oben wartet, so sie hienieden die ihr in
der Kirche dargebotenen Gnaden Gottes
treu benützt, also das Glück der Heiligen
und Seligen im Himmel um den Thron
des Lammes Gottes, nach der Beschreibung
des Apostels Johannes in der „Offen-
barung", besonders im 5. Kapitel, zu
welchem das Deckengemälde eine Illustra-
tion werden sollte. Die Heiligen vor uns,
um uns und über uns sollten uns Vor-
bild und Muster sein, beim Wandel durch
dieses rauhe Erdenthal nach Luk. 21, 28
oft unsere Häupter zu erheben und anf-
znschauen nach dem verheißenen Himmels-
glück. Die Kreuzweg-Bilder neben uns
im Schiss sollten uns den Weg weisen,
den wir hienieden zu gehen haben nach
Luk. 9, 23, wenn wir einstens sicher und
glücklich am Throne des gekreuzigten und
nun verherrlichten göttlichen Lammes an-
kommen wollen. Eine leichte, gefällige,
harmonische Dekorationsmalerei der ganzen
Kirche sollte diese Gemälde einfassen und
die Kirche weiter verschönern; desgleichen
ein neues Chorgestühl, neue Beichtstühle,
eine neue Kanzel und neue Nebenaltäre.
Endlich sollte ein neuer Verputz auch von
außen der Kirche ein freundliches, des
Gotteshauses würdiges Aussehen verleihen.

3. Ausführung.

Noch im Sommer 1889 wurde mit der
Trockenlegung begonnen. Es wurde um
drei Seiten der Kirche, soweit Grund-
wasser znfloß, ein Graben gezogen, so tief
als die Fundamente, etwa 1 m breit, mit
Steinen lose aufgesüllt und unten mit
einer Sohle versehen, damit das Wasser
ablausen kann. Kosten 260 Mark. —
Darnach wurde das Beton-Trottoir her-
gestellt von den Steinhauern und Zemen-
tiers Gebr. Bertrand von Sulz, 1,20 m
breit, außen mit Kandel-Höhlung, ans
einer 25—30 cm tiefen Kalkstein-Vor-
lage ; kostete bei einem Meßgehalt von
ca. 105 qm nebst Sockelverputz 900 Mark.
— Im folgenden Jahre 1890 wurde die
innere Wandbekleidnng ansgeführt. Für
den Chor wurde ans den: Mettlacher
Musterbuch das kirchlichste Dessin gewählt,
nämlich Nr. 168, ein prächtiger Teppich,
aus Vierpässen gebildet, mit Kreisen,
Kreuzen und Kreuzblumen geschmückt, die
Querbalken mit dem Namenszug Mariä
loading ...