Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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wurde der alte Plattenboden herausge-
nommen, sämmtliche Kircheustühle hinaus-
geschafft, aller feuchte Gruud und Bodeu aus-
gehoben , mit trockenem Sand ausgefüllt,
im Chor und deu Gäugen eine Kalkstein-
Unterlage eingesetzt, auf diese ein 5 cm
starker Rauhbeton aus Nomauzemeut und
auf diesen der neue Bodeu gelegt in Port-
landzement, im Chor Einziger Plättchen,
ein hübsches gothisches Lilien-Mnster, gelbe
Blumen im rotheu Gruud Nr. 131 —
Ankauf per Quadratmeter I.Wahl 13 Mark,
2. Wahl 11,30 Mark, — int Schiff Saar-
gemünder Platten, roth und gelb, über
Eck gestellt; Ankauf per Quadratmeter
4,80 Mark — sehr empfehleuswerth. Deu
Bodeu lieferte in reellster Weise die Firma
Weudler in Gomaringen um 1200 Mark.

(Schluß folgt.)

Die schwäbische ^kulpturschule im ger-
mauischen Museum zu Nürnberg.

Von Amtsrichter a. D. Beck.

(Schluß.)

17) Das Gegenstück hiezu: der hl. Gereons?)
und die hl. Katharina v. Siena, 1,56 m hoch
(Nr. 245; Tafel XI gibt eine in Holz von
Cremer geschnittene Abbildung; ebenso vorher
schon die „Mittheilungen" k. II, S. 59: „Es
ist anznnehnien, daß sich die beiden schönen Re-
liefe an eine Mittelgruppe anschloßen, ivelche die
HI. Maria als Himmelskönigin mit dem Kinde
darstellt." An Schönheit halten sich beide Grup-
pen die Waage; insbesondere ist das Haupt des
hl. Zosimus mit feinstem Kunstgefühl geschnitzt
und bemalt. Der Gedaitke, daß die Köpfe beider
Gruppen Pvrträtnachbildungen bez. Bildnisse
lebender Glieder einer Familie seien, wird sich
bei Betrachtung der vier so individuellen Physiog-
nomieen, von denen sich das der hl. Barbara
allerdings nicht gerade durch Anmut auszeichnet,
kaum abweisen lassen (zu vgl. Bode, Geschichte
der deiltschen Plastik, S. 180; „Mittheilnngen:c."
II, S. 72, 215—217).

18) Madonna sitzend mit dem Kinde, das
halb knieend, halb stehend sein linkes Händchen
empvrhält — bemalte und vergoldete Holz-
schnitzerei, Hochrelief; 76 cm hoch; ans der Zeit
um 1520- 1530 (Nr. 742).

19) Bruchstücke eines reizenden Rahmens, der
wohl innerhalb einer Hohlkehle lag, und als
innerster Theil einer größeren Gliederung einen
Mittelschrein oder auch ein Feld eines großen
Flügels eines Altarwerkes umrahmte. Ein Ast
zieht sich ringsum, aus welchem stark stilisirtes
Weinlanb und Trauben hervorwachsen, zwischen
denen kleine, theilweise geflügelte Knaben sich in
den verschiedenartigsten Stellungen tummeln, die
Höhe der einzelnen Figürchen, deren es noch 17
sind, wechselt zwischen 12—14 cm; aus der Zeit

um 1500—1520; N'nrde von Llnnsthändler Böh-
ler in München angekauft, tvelcher die Bruch-
stücke in der Bodenseegegend erworben hatte
(Nr. 797).

Der Katalog führt dann noch (auch S. 33—36)
eine ansehnliche Reihe von verschiedenen Schu-
len angehörigen Werken an, bei welchen zu-
gegebenermaßen und sicher auch Schivaben
und Bayern, insbesondere Tyrol beiheiligt ist.
Leider weiß man über die Het kauft oder gar die
Meister und dieser der Schule nach unbestimm-
ten Schnitzwerke noch weniger als über die vor-
anfgeführten der schwäbischen Schule zugeschrie-
benen Arbeiten. Das ist ja die Eigenheit alter
Kunst, daß man die Namen der Künstler, ivelche
ans ihre Person keinen Wert legten, weitaus
der Mehrzahl nach nicht kennt — die Namen-
losigkeit! Das Meiste wurde eben durch den
Gründer des germanischen Museums noch in
einer für Sammler günstigen Zeit von da und
dort zusammengebracht und Manches von Händ-
lern dazu noch erworben, deren Angaben, wenn
überhaupt solche gemacht wurden, nicht immer
zuverläßig sind. Immerhin scheint uns tut Kata-
log über die Provenienz re. der einzelnen Werke,
vielleicht auch „aus Gründen" zu wenig ge-
sagt zrr sein; die Verzeichnisse und Aufzeich-
nnngen des Herrn von Anfseß z. B. hätten
doch gewiß Manches in dieser Richtung enthalten.
So bleibt der Forschung in schwäbischer Kunst,
ivelche hier ein reiches Feld vor sich hat, und
noch mehr der freilich oft gar zu üppig blühen-
den Konjektur, bei welcher Maas) und Ziel über-
aus räthlich ist, will man oft nicht geradezu in's
T h ör i ch t e und Lächerliche fallen, hier ein weiter
Spielraum geöffnet! Ein Gefühl ist's aber,
welches einem Angesichts des hier noch zu Tage
tretenden Reichthums von Schnitzwerken der
schwäbischen Schule unwillkürlich überkommt, daß,
wenn man die bezüglichen Sammlungen von Sig-
maringen, Donaneschingen, Rvttweil, München re.
sowie das, was an schwäbischen Skulpturen in
Kirchen und Kapellen, in privaten Sammlungen
und vereinzelt noch vorhanden ist, dazu rechnet,
andererseits das, was im Laufe der Zeit ver-
schwunden , vergangen, zerschlagen, namentlich
bei der berüchtigten Bildet stürmerei zu Ulm rc.,
I infolge Brandes und Krieges zu Grunde ge-
gangen ist, in Betracht zieht, die Thätigkeit der
schwäbischen Bildschnitzer von Mitte des 15.
Jahrhunderts bis zum 2. Viertel des 16. Jahr-
hnitderts in der That eine große gewesen sein
muß und mit unseren schon oben ausgesprochenen
Gedanketi von einer Ueberprodnktion nicht zu
viel gesagt sein wird.

Im Anschlüsse hieran dürfen wir wohl hier
noch der der schwäbischen nicht unverwandten be-
nachbarten Tyroler Schule, von welcher schon
kurz die Rede war, soweit solche int germanischen
Museum vertreten ist, gedenken. Es sind zwar
nur wetiige Stücke, die der Katalog erwähnt,
aber sehr beachtenswerte aus dieser durch Michael
Pacher, eilten Meister, der mit künstlerischer
Persönlichkeit vom Hintergrund der zünftigen
handwerklichen Meister seiner Zeit sich abhob
1467—1498), schon frühe zu vorzüglicher Blnthe
gelangten Schule. Vor Allem die Figur der hl.
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