Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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Archiv für christliche Ärmst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Rnnst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rotteuburger Diözesan-Aunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler-

Or.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für J& 2.05 durch die wnrttembergischen (J& 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), M. 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,

2 fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
» auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstratze 94, zum
Preise von Ji 2.05 halbjährlich.

1894.

Der Tabernakel zu Weilderstadt.

Von Stadtpfarrer Keppler in Frendenstadt.

(Schluß.)

In Folge eines bedanerlichen Mißver-
ständnisses brachte die Beilage von Nr. 1
nicht die Abbildung des Sakramentshanses
zu Weilderstadt, sondern die des Wand-
tabernakels zu Glatt, welcher am Schlüsse
unseres Artikels besprochen wird. Wir
bitten das zu entschuldigen und geben nun-
mehr auf der dieser Nummer angeschlosse-
nen Beilage die Ansicht des großen Weil-
derstädter Tabernakels.

Es folgt die mit ausgesuchter Kunst
angelegte und mit größtem und edelstem
Reichthnm ausgestattete Mittelpartie, das
große Prachtstück des Ganzen. Noch ein
gut Theil weiter als die Platte, auf wel-
cher der Tabernakel steht, greift das prächtig
und kräftig gegliederte Gebälk über dem-
selben beiderseits über die Unterstützungs-
glieder hinaus und trägt auf zwei Ver-
kröpfungen die mit Engelsköpfen und Frucht-
bündeln geschmückten Postamente, welche in
einen herabhängenden Zapfen von bewegter
Profilirnng und üppigster Dekoration aus-
laufen. Je ein zweiter derartiger Abhäng-
ling schief hinter den vordern entwächst den
Endpunkten des Gebälks, was einen Ueber-
schuß an Triebkraft verräth. Auf den vor-
genannten Postamenten erheben sich nun
die zunächst durch einen Kranz von Ver-
zirungen (Trophäen) abgestuften, dann
aufs zarteste mit Frucht- und Quastenbe-
hängen verzierten Säulen, deren wunder-
feine korinthischen Kapitelle zunächst einen
larvengeschmückten Aufsatz und über diesem
jederseits den Kropf des weit ausladenden
Gesimses tragen. Durch die Sänlenposta-
mente wird die Höhe eiues wagrecht durch-
laufenden Feldes bestimmt, das eine von
geschwungenen Linien umrahmte, von zwei
reizenden Genien getragene Tafel einschließt
mit der Inschrift: ?s. XXII, Parasti in

conspectu meo mensam adversus eos
qui tribulant me. Dieses Feld wächst
jederseits in eine Konsole ans, welche
je eine freistehende Engelsfignr in be-
wegtester Haltung einnimmt. Hier er-
reicht das mittlere Geschoß und damit der
ganze Aufbau seine größte Breite von 3,62 m
(bei 3,29 m Höhe, vom Gebälk über dem
Tabernakel bis zum Hauptgesims an ge-
rechnet). Das Viereck zwischen den Säu-
lenschästen ist größtentheils ansgefüllt
durch die perspektivisch vertiefte Rundbo-
genuische, den Abendmahlssaal darstellend.
Sie ist von den Bildnissen der vier Evan-
gelisten mit ihren Büchern und Symbolen
so umgeben, daß Lukas und Johannes als
freie Statuen sie flankiren, Matthäus und
Markus als Reliefbilder in den Zwickeln
sitzen. (Matthäus hat, wie es ja Regel
ist, außer dem geöffneten Buch kein Ab-
zeichen.) In der Abendmahlödarstellnng
selbst kommt bei der Kleinheit ihrer Fi-
guren, der Vielheit der Gestalten, der Ver-
tiefung des Untergrundes die Meisterschaft
unseres Künstlers im Hochrelief glänzend
zur Geltung. Unter einem Baldachin, dessen
Tuch in reichen Fallen an der Rückwand
herabwallt, steht der Herr in feierlichster
Haltung. Rechts von ihm schmiegt sich,
Johailnes an seine Brust; links verleiht
Petrus mit gekreuzten Armen seiner er-
höhten Stimmung Ausdruck. Ihnen gegen-
über, kehrt Judas, an dem umgehängten
Beutel keuirtlich, dem Beschauer deu Rücken
zu, während der Böse unter seinem Sitz
hervortanchend sich in die Falten seines
Gewandes einkrallt. Etwa außer einem,
der gerade Wein in einen Kelch gießt, sind
alle Apostel theils im, theils unmittelbar
n a ch dem Genuß des Himmelsmahls auf-
gefaßt. Das Rauscheude, ekstatisch Bewegte
in den Gestalten ist daher dieser Scene
wohl entsprechend, der die Worte des Dich-
ters als Unterschrift dienen könnten:
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