Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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mehreren Fällen nachweisbar, von Waagen
ausgieng. Hatte ja König Ludwig selbst
damals sich veranlaßt gesehen, den Kauf-
preis aus seiner Privalkasse zu bezahlen
und die Gemälde dem Staate zu schenken.
Er sprach sogar dabei den Wunsch ans,
daß der Preis nicht bekannt werden sollte:
denn, sagte er zu Sulpiz Boisseree: „Wenn
man das Geld im Spiel verliert oder für
Pferde ansgibt, meinen die Leute, es wäre
recht, es müsse so sein; wenn man es aber
auf die Kunst verwendet, sprechen sie von
Verschwendung" (cf. Sighart: Gesch. der
bildenden Künste in Bayern S. 739).

Literarisches.

Rembraudt. Erstlingswerke: Kreuz-
abnahme. Lesender Mönch. Aufgefunden
und besprochen von Ludwig Keim,
Großh. Bad. Eisenbahninspektor a. D.
Mit 2 Abbildungen in Lichtdruck. Lex.-80.
16 Seiteu. Elegant in Leinwand gebunden
1 fl. 80 kr. - 3 Mk. Wien, Verlag
von S p i e l h a g e n & Schur ich, 1893.
Die frühesten bisher bekannten Werke Rem-
brandt's stannnen aus dem Jahr 1627; es
sind das der Apostel Paulus in der Gallerte in
Stuttgart und der Geldwechsler in der Gallerte
in Berlin. Der Verfasser bringt nun Kunde
von noch zwei früheren Bildern, die, ursprüng-
lich der Gemäldesammlung der Bischöfe von
Konstanz angehörig, gegenwärtig in seinem Be-
sitz sind. Gute Lichtdruckwiedergaben beider be-
gleiten den sorgfältigen und interessanten Text.
Das erste Bild ist eine Kreuzabnahme, welche
Rembrandt 1622 nach einem fremden Vorbild
malte, als er erst 16 Jahre alt und erst ein
Jahr in der Lehre des I. Swanenburch in
Leyden war; nicht nur aus der Signatur, son-
dern auch aus vielen Einzelspuren der Malweise
des Meisters wird der Beweis erbracht, das; es
wirklich von seiner Hand stamme. Das zweite
ist ein lesender Mönch, von dem Schüler Rem-
brandt's, Gerard Dov, nach einem Werk des
Meisters von 1625 gemalt, laut Signatur unter
Leitung und Mitwirkung des letzteren; es ist
zugleich höchst wahrscheinlich Porträt von Rem-
brandt's Vater Gerritz und zwar das früheste.
Noch früher konnte nur sein das Porträt der
Mutter in der Czernin'scheu Gallerte in Wien.
Die Ausführungen des Verfassers sind über-
zeugend, der Werth der beiden Bilder für Fest-
stellung des Entwicklungsganges des Meisters
natürlich von keiner geringen Bedeutung.
Beschreibung des O b e r a m t s Reut-
lingen. — Beschreibung d es Ober-
amts Ehingen. Herausgegeben vom
K. Statist. Laudesamt. Stuttgart, Kohl-
hammer 1893. 504 u. 500; 337 u. 261 S.
Diese Neubearbeitungen der ältesten Oberamts-
beschreibungen verdienen, im Archiv angezeigt zu

werden wegen der großen Aufmerksamkeit, welche
den kirchlichen Alterthümern zugewendet wurde.
Man kann sich aufrichtig darüber freuen, daß
hiedurch deren Kenntniß und Schätzung in weitere
Kreise getragen wird. Den kunstgeschichtlichen
Theil der Reutlinger Oberamtsbeschreibung
besorgte der Landeskonservator Di-. Paulus. Den
ersten Band derselben schließt ein bündig zusam-
meufassender Artikel über die vorhandenen Kunst-
denkmäler; im zweiten ist je betreffenden Ortes
die eingehende Beschreibung gegeben. Meister-
haft ist die Darstellung der Baugeschichle und
der Architektur des herrlichsten Monuments dieses
Bezirks, der Marienkirche in Reutlingen, unter-
stützt durch gute Illustrationen. Hier wird eine
Reihe von neuen Gesichtspunkten eröffnet und
die Zugehörigkeit des Baues zur Straßburger
Münsterbauschule fast zweifellos gemacht. Die
jetzt in Angriff genommene Restauration des-
selben soll insbesondere auch die nach dem Brande
von 1726 aufgeführten plumpen Achtecksäuleu des
Langhauses wieder in die ursprünglichen Säulen-
bündel zurückverwandeln. Eine Unrichtigkeit,
leider aus der alten Oberamtsbeschreibuug her-
übergeuommen, findet sich S. 310, wo in Bronn-
iveiler „ein Standbild der Jungfrau Maria in
gesegneten Umständen" angemerkt wird. Die
Statue gehört zu der Gruppe von weiteren zwei
Frauen, deren eine vor Schmerz zusammensinkt
und von der anderen gehalten wird. Zweifellos
I waren alle drei unter dem Kruzifix angebracht,
! das später veräußert wurde und dessen Kopf noch
bei Photograph Sinner in Tübingen zu sehen
ist. Es stellt aber nicht jene erste Figur die
Mutter Jesu dar, sondern die zusammensinkende.
Natürlich konnte es einem mittelalterlichen Bild-
hauer nicht in den Sinn kommen, Maria unter
dem Kreuz in gedachter Weise abzubildeu; sie
erscheint so höchstens in der Darstellung der
Heimsuchung. Die Stofftheile, mit welchen die
Statuen theiliveise überklebt sind, stammen noch
von der alten Bemalung. — Die S. 374 er-
wähnte Hand auf einem Kreuze im Schlußstein
ist natürlich nicht als schwörend, sondern als
segnend zu denken. — Für die Beschreibung des
Oberamts Ebingen hat Prof. Dr. Hartmaun
den kunstgeschichtlichen Theil bearbeitet. Eine
gute Zusammenstellung der Denkmale im ersten
Band S. 326—330. Die Einzelbeschreibung der
Kirchen folgt vielfach unserem Buche: Württem-
bergs kirchliche Kunstalterthümer, ergänzt und
berichtigt zum Theil dessen Notizen. Besondere
Beachtung findet die Klosterkirche in Obermarch-
thal. In Oberstadiou werden nun die zwei
großen Tafelbilder im Chor in den neuen Hoch-
altar eingefügt werden; die dortigen Chorstühle
haben inzwischen, wie im Archiv mitgetheilt, sich
inschriftlich als Werke Jörg Sürlins erwiesen.
Jrrthümliche Angaben fand ich keine zu berichti-
gen. Mögen wir bald mit weiteren Bänden der
Umarbeitung erfreut werden!

117tt einer Ruuftbeilage:
Sakramentshaus zu weilderstadt.

(Die Beilage von Nr. 1 gibt eine Ansicht
des Wandtaberuakels zu Glatt in Hohenzollern.)

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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