Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 29
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Verlangen schließt, der Klerus müsse wie-
der soweit künstlerisch gefördert werden,
daß er die ausführenden Künstler in den
Regeln der Kunst, hier also der monu-
mentalen Malerei unterweisen könne, so
verlangt er damit etwas Unmögliches. Und
er vertraut viel zu viel auf seine eigene
Unterweisung und überschätzt deren Werth
weit, wenn er meint, mit denselben einen
gründlichen und genügenden Unterricht in
der großen Frage der kirchlichen Wand-
malerei ertheilt zu haben. Man kann ja
wohl Regeln und Gesetze anfstellen, aber
es kommt nun alles an auf deren ver-
nünstige Befolgung und richtige Anwen-
dung. Man kann und muß dafür ein-
treten, daß statt der verschwommenen Halb-
töne wieder die vollen und ungebrochenen
in ihr Recht gesetzt werden, aber man darf
nicht vergessen, daß die Beherrschung der
letztere» unendlich schwieriger ist, als die
der ersteren und eben nur einem wirk-
lichen Künstler ganz gelingt. Man kann
allgemeine Weisungen geben, aber jeder
Bau ist ein Individuum und will indivi-
duell behandelt sein. Man kann und soll
die alten Muster beiziehen, aber deren
richtige Beratung und Benützung ist eben
wieder Sache höchster Diskretion und sei-
nen künstlerischen Gefühls. Wir haben
für Ausmalung der gothische» Kirchen das
Musterbuch von W. und G. Audsley
(La peinture murale decorative dans
les Style du moyen-age. 36 Planches,
Paris 1881) mit vorzüglichen Farbentafeln;
man kann unseren Kirchenmalern wahr-
haftig nicht den Vorwurf machen, daß sie
es nicht benützen, aber wieviel Unfug ver-
schuldet die geist- und sinnlose Benützung
desselben! Man kennt Gesetze der Farben-
harmonie und der Verfasser der Broschüre
verpflichtet auf dieselben; aber wenn eine
Wand durchaus nur mit Farben bemalt
wird, welche nach diesen Gesetzen harmo-
monisch sind, so ist damit noch lediglich
keine Garantie für eine richtige monumen-
tale Bemalung gegeben. Das Farben-

klavier wäre ja leicht zu beschaffen; aber
jetzt kommt erst alles darauf an, wer da-
rauf spielt und was er spielt. Die musi-
kalische Wirkung hängt nicht allein ab von
der Harmonie der Töne. Eine Vielzahl
harmonischer Töne ist noch keine Musik.
Zur Harmonie muß die Melodie konnnen,

und die melodische Stimmung ist eben
wieder das, was nur der Künstler geben
kann. Wieviel Farbenkräfte in Bewegung
gesetzt werden sollen, zu welchen Theilen
ihnen die verfügbaren Flächen einzuräu-
men sind, welche Intensität einer jeden zu
geben ist, wie sie gegen einander gewogen,
wie die kalten und warmen Töne ins
Gleichgewicht gesetzt werden sollen, wie
Farbe und Ornament zu richtigem Zu-
sammenspiel zu verbinden sind, wie die
Bemalung mit den Lichtverhältnissen des
Baues, wie die Wandmalerei mit der Glas-
malerei in Einklang zu setzen ist, wie die
Melodie der Farben in den Rhyth-
mus der Disposition der ganzen zu be-
malenden Fläche einzufügen ist, — alles
das läßt sich nicht ins einzelne demon-
striren und wenn es für einen Bau richtig
getroffen wurde, so ist damit noch kein
Paradigma geschaffen, das man ohne wei-
teres auf andere übertragen dürfte.

In Anbetracht dieser großen Schwierig-
keiten läßt sich eigentlich nur Ein Haupt-
gesetz ansstellen: Man vertraue ein
Werk; welches soviel Takt und
k ü n st l e r i s ch e n Sinn, soviel Dis-
kretion, so v er st änd nisv 0 l les
Eingehen in die gegebene Archi-
t e kt ur, solche Beh err sch n n g der
F a r b e n w e l t v 0 r a u s s e tz t, w i e die
k u n st g e r e ch t e Aus m a l u n g einer
Kirche, bloß eine m wirklichen, auf
dem Gebiet der Kir chenma lerei
ganz erprobten M e i st e r a n.

Das scheint nun freilich leichter gesagt,
als durchgeführt. Die Meister ersten
Ranges sind fetten. Ihre Beiziehung setzt
für gewöhnlich schon ziemlich reiche finan-
zielle Mittel voraus. Sollen die Dutzende
von Meistern vierten bis sechsten Ranges
zum Hungerstode verurteilt sein? Wenn
kostspielige Bemalungswerke, namentlich
ausgedehntere Figurenmalereien den eigent-
lichen Meistern Vorbehalten werden müssen,
sollte es nicht angehen, einfache und schlichte
derartige Aufträge solchen zu übergeben,
welche mehr Handwerker als Künstler
sind.

Unsere Absichten sind gewiß keine grau-
same und mörderischen. Aber man täuscht
sich, wenn man glaubt, eine einfache Kir-
chenbemalung, etwa eine rein ornamentale
und koloristische ohne Figurenmalerei, füg-
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