Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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setzung der unverhüllten heiligen Hostie.
Noch im 14. und selbst im 15. Jahr-
hundert wurde das Sanktissimnm vielfach
im Kelch exponirt und auch bei der Fron-
leichnamsprozession im Kelch nmhergetragen.
Aber mehr und mehr kamen in Aufnahme
eigene Expositionsgefässe, denen der go-
thische Stil eine Form gab, welche durch
mehrere Jahrhunderte stereotyp blieb und
nur durch reichere oder einfachere Ausge-
staltung, durch Anbringung von mehr oder
weniger Sckmuck und Bildwerk, variirt
wurde. Die Pyxis aus Krystall oder Glas,
welche die hl. Hostie birgt, häufig ein
Glascylinder, wurde nämlich eingegliedert
in eine thurm- oder fagabenartige Kon-
struktion. Besonders aus dem 15. und
16. Jahrhundert ist uns eine stattliche
Reihe solcher gothischer Monstranzen er-
halten, und sie liefern uns schöne und der
Nachbildung fähige Vorbilder, wenn immer
wir für gothische Kirchen eine Monstranz
zu besorgeu haben. Aber nicht leicht ist
es, etwa für romanische Kirchen jenen go-
thischen Typus einfach in den romanischen
Stil zu übertragen, und fehlgeschlagen sind
auch nach Ausweis der Preiscourants und
Musterbücher unserer Ateliers viele Ver-
suche, aus dem romanischen Stil heraus
selbstständig neue Formen der Monstranz
zu schaffen.

Die Renaissance hat hänstg, aber nicht
immer mit Glück und Geschick die go-
thische Form in ihre Stilsprache übersetzt.
Dagegen schuf der Barock- und Zopfstil
einen neuen Typus, welcher die größte
Verbreitung erlangt hat, die sog. Sonnen-
Monstranz. So schön die ihr zu Grunde
liegende Idee ist — der eucharistische Chri-
stus als Centralsonne der Liturgie und
Christenheit, die heilige Hostie umflossen
von der Glorie, welche von den ältesten
Zeiten an die Gestalt des Heilands in der
christlichen Kunst nmwebt, — so prosaisch,
hart und künstlerisch unbefriedigend ist die
plastische Darstellung dieser Idee durch
jene Spätkünste. Sehr zu kurz kommt
die Kunst namentlich in jenen Monstran-
zen, welch die runde Sakramentsnische ein-
fach mit einem zwei- bis vierfachen Kranz
von Strahlenspitzen umziehen (Beispiele
aus unserem Land in „Württembergischen
kirchlichen Kunstalterthümern" p. LXIV.),
— trotz allen Glanzeffektes sehr unor-

ganische und stachelige Gebilde. Nicht
besser wirkt die Sonnenform burd) die be-
liebte Aufklebung von Wolken oder wul-
stigem Ornament oder unschönen Brust-
bildern auf die Strahlenfcheibe. Von we-
nigen ächt künstlerischen Gebilden dieser
Spätzeit (Beispiele ans unserem Lande
s. a. a. O. p. LXIII) abgesehen, kranken
alle Reproduktionen dieses Typus an dem
unglücklichen Naturalismus, der die Sonnen-
strahlen in geraden oder gezackten oder ge-
wellten Metallspitzen nachbilden will. Von
erschreckender Roheit, welche auch die
schlimmsten und mißratensten Werke jener
Zeit noch weit übertrifft, sind die Sonnen-
monstranzen, denen man hentzutag mit-
unter in unfern Ateliers und in moderne»
Musterbüchern begegnet.

Unser geläuteter Knnstgeschmack verbietet
uns, die Form der Sonnenmonstranzen
einfach nachzubilden. Andrerseits können
wir natürlich auch nicht daran denken,
Barock- und Zopfkirchen einfach mit gothi-
schen Monstranzen ansznstatten, die mit
den Stilformen der Kirche nicht im Ein-
klang sind und doch auch gerne am Fehler
zu großer Luftigkeit und Zierlichkeit leiden,
daher eigentlich ihren Hauptzweck unge-
nügend erfüllen, das Allerheiligste in weit-
hin sichtbarem Schaugefäß für die An-
betung des Volkes zu exponiren.

Der inzwischen rasch verstorbene Schul-
inspektor Kieninger bestellte für die große
ehemalige Klosterkirche zu Wiblingen
eine neue Monstranz, weil die vorhandene
in den weiten Räumen dieser Kirche voll-
ständig verschwand. Dieser Bestellung ver-
dankt der Entwurf der Beilage seine Ent-
stehung. Der Besteller starb an dem Tag,
an welchem das Werk fertig aus der Hand
des Meisters hervorging.

Große Dimensionen waren hier also Be-
dürfniß. Wir gaben der Monstranz eine
Höhe von 80 cm und waren bedacht,
ihren Hauptkörper so zu konstrniren, daß
er trotz reicher Durchgliederung nicht zu
stark durchbrochen und dnrchlichtet wurde,
sondern die Fähigkeit behielt, auch in die
Ferne noch kräftig zu wirken. Als Haupt-
idee wurde beibehalten, die Pyxis, der ent-
sprechend der heiligen Gestalt runde Form
gegeben wurde, mit großer und prächtiger
Gloriole zu umziehen, aber unter Verzicht
auf zöpfisches Strahlenwerk. Das mitt-
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