Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 39
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theile intakt zu erhalten; aber sie hat nicht
selten eine andere schlimme Folge. Weil
nämlich auch, sie die Feuchtigkeit nicht hebt,
sondern nur nach innen zurückschlägt und
ihr ein Nachaußentreten in diesen unteren
Regionen unmöglich macht, so arbeitet die-
selbe hinter den undurchdringlichen Panzern
fort und sucht in ihrem unbezwinglichen
Drang, sich mit der äußeren Suft in Ver-
bindung zu setzen, weiter oben einen Aus-
gang. So kann man zu seiner schmerz-
lichen Ueberraschung in solchen Kirchen
eines Tags die Wahrnehmung machen, daß
über den wohlverwahrten Sockelparthieen
auf Wandtheileu, die vordem ganz trocken
gewesen waren, feuchte Platten sich zeigen;
man hat also mit aller Mühe und allem
Aufwand nur das erreicht, daß die Feuch-
tigkeit in der Mauer Hinaufgetrieben wurde,
und das Elend ist größer als zuvor. Um
dieser schlimmen Folge entgegenzutreten,
räth man au, die hermetischen Verschlüsse
der Mauer durch Asphaltschichten oder
Steinplättchen mit Oeffnungen zu
versehen, durch welche die Wand zu athmen
und die Feuchtigkeit nach außen zu treten
vermag. Aber diese Oeffunngen müßten
in großer Zahl angebracht und beinahe
auch durch die Mauer hindurch nach außen
geleitet werden, um eine kräftige Luftcirkn-
lation herbeizuführen; das wäre aber
wieder von aubeven Schwierigkeiten und
schlimmen Folgen begleitet, namentlich im
Winter.

Der langen Rede kurzer Sinn ltub
das traurige Ergebnis; aller Erfahrungen
ist: da, wo die Feuchtigkeit ein-
mal in einem Bau erbeinges es seu
und vielleicht feit I a h r h u n d e r-
ten im Besitzstand ist — und das ist
der Fall in vielen unserer Kirchen — ist
es kanm mehr möglich, sie ganz
zu verdrängen. Ferner: es gibt

keine Technik, welche in: Stande
wäre, sich a u f die Dauer gegen
die Feuchtigkeit und den Salpe-
ter zu behaupten. Den letzteren Satz
wird uns jeder ansrichtige und gewissen-
hafte Maler bestätigen. Wir haben, um
ihn zu erhärten, nicht nöthig, auf eine
Besprechung der verschiedenen Techniken
einzngehen; es genügt, anzusühren, daß
manche derselben nicht einmal bei gänz-
licher Trockenheit der Wände der Malerei

einen Bestand von 20—25 Jahren zu
garantiren vermögeu.

Mit diesen Thatsachen hat man bisher
zu wenig gerechnet. Man hat unbedenk-
lich auch feuchte Wände bemalt, oft mit
thenren Figureukompositionen; man bemalt
fort und fort, trotz eindringlichster und
nnzähligemal wiederholter Verwarnung,
feuchte Sockelparthieen mit komplizirten Tep-
pichmnstern, anstatt sich wenigstens hier-
mit einem einfachen, leicht zu erneuernden
Ton zu begnügen. Häufig sind es die
Maler, welche in unverantwortlicher und
gewissenloser Weise über solche Defekte
am Bau hinwegtäuschen und gegen alle
Erfahrung, gegen besseres Wissen oder in
einfältigster Selbstüberschätzung die Halt-
barkeit ihrer Malereien trotz feuchten Unter-
grundes versichern und versprechen.

Es ist höchste Zeit, daß man diesen
Fehler endlich einsieht und einstellt und
von so blindem Vertrauen auf die Aus-
sagen der Maler abkommt. Wir haben
dadurch Tausende verschwendet, große Ka-
pitalien aus Stiftnngsgeldern oder ans ge-
sammelten frommen Gaben ü lon6 perclu
verbraucht und verschleudert. Wer wollte
fürder eine so schwere Verantwortung
ans sich laden? Wer wäre leichtfertig
genug, daß er sich mit dem Gedanken be-
ruhigen könnte, den man allerdings mit-
unter aussprechen hört: sei es, daß diese
Malereien bloß fünf oder acht Jahre hal-
ten, sie haben dann ihren Dienst gethan
und müssen eben durch neue ersetzt werden.
Wenn es sich hiebei um reiche Malwerke
und um Ausgaben von vielen Hundert
Mark handelt, so ist diese Rede geradezu
verbrecherisch. Wir haben wahrhaftig kein
Recht, in solcher Weise mit Stistnngs- und
Opfergeldern zil wirthschaften, für deren
Verwendung wir der Oberbehörde und dem
höchsten Richter verantwortlich sind. Das
wäre mehr als gewissenlos, besonders in
heutiger Zeit und in unserer verhältniß-
mäßig armen Diözese, wo die Mildthätig-
feit der Gläubigen so viel in Anspruch ge-
nommen werden muß, wo so viele kirch-
liche Bedürfnisse zu befriedigen sind und
für eine weitverzweigte Diaspora gesorgt
werden muß, welche theilweise des Roth-
wendigsten entbehrt. Es wäre unchristlich
und unsittlich, wollte eine Gemeinde, und
wäre sie auch reich, viele Tausende ver-
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