Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 46
DOI Heft: 10.11588/diglit.15911.23
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.26
DOI Seite: 10.11588/diglit.15911#0052
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1894/0052
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
46

Altersher wie heute noch von: Kartenspielen somit
auch von Spielkarten große Liebhaber, soferne
bereits im 14. Jahrhunderte u. A. ans dem
Jahre 1397 und noch mehr im 15. Jahrhundert
urkundlich tviederholte obrigkeitliche Verbote des
übermäßigen Spielens, beziehungsweise War-
nungen vor demselben Vorkommen und ein Ge-
setz ans jener Zeit in: „rothen Buch" vom
Jahre 1345 ausdrücklich bestimmt: „und ver-
bietten wir karten in allen den Rechten, alz daz
vor verbotten ist". Nach dein Zeugnisse des
zeitgenössischen, weitgereisten und vielgelehrten
Ulmer Predigermönches Felix Fabri in seiner
„dsscriptio Sueviae" (2. Ausgabe von Gvtdast,
S. 91) „ckuo autem improportionata artiticia et
quasi pro nihilo computata fiunt in Ulma, quae
longe lateque disperguntur .... et chartae ludi (!)
. . . . Sic et factores et pictores chartarum
tot sunt in Ulma, ut in vasis Chartas mittant
in Italiam , Siciliam et in extremas insulas
rnaris et ad omnem plagam" — muß dieser
Fabrikationszweig in Ulm sehr geblüht, auch ein
bedeutendes Renvmee genossen und einen sehr
weiten Absatz über Italien hinaus, ja bis nach
allen Himmelsrichtungen gehabt baben, tvie denn
schon im Jahre 1441 die Venediger Kanflente
sich in einer eigenen Eingabe an den Ulmer
Rath über die allzustarke Konkurrenz und Ein-
fuhr von fremden (namentlich von gedruckten)
Spielkarten beschwerten nnd im Jahre 1461 laut
einer alten Münsterrechnnng unter andern Gegen-
ständen auch Kartenmödel znin Münsterban
geschenkt wurden (Häßler, die Bnchdrnckerge-
schichte Ulms w., Ulm, Verlag der Stettinschen
Buchhandlung, 1840, S. 4). Heut zu Tage sind
Exemplare von solchen alten Briefmalereien nnd
Formschnitten aus den: 14. nnd 15. Jahrhun-
dert ungemein selten?) Material ivie Ausfüh-
rung >var damals noch in hohem Grade pri-
mitiv,^ roh iinb breit in Formen (vielfach bloß
Umrisse), handiverksmäßig, das dazu benützte
Papier noch aus Baumwolle oder aus Thierhaut
gefertigt nnd niemals Linnenpapier, welches man
zu jener Zeit noch gar nicht kannte. Die Kennt-
nisse von der Perspektive giengen den Künstlern
noch gänzlich ab; die Zeichnungen sind noch völlig
unrichtig. Ans den Kartcnbildern wurden schon
frühe nicht nur Bilder nnd Figuren, ivelche dann
die Briefmaler illnminirten, beziehungsweise ko-
lorirten, sondern auch einzelne Wörter, ivie die
Namen der Spielkartenmaler mit hölzernen un-
beweglichen Lettern angebracht: ans der Presse
wurde noch nicht gedruckt. Um der großen Nach-
frage nach den Spielkarten, dem „Buch des
Teufels", ivie man dieselben nannte, zu genügen,
benützte man mit der Zeit ein Druckverfahren,
durch welches die Figuren (darunter sogar Hei-
lige) nach den Farben in Metallblätter
ausgeschnitten und die Farben schablonenmäßig
auf das Papier getragen wurden. Erst später

U Das von St. Beissel im Herder'schen
Verlag zu Freibnrg 1893 heransgegebene Pracht-
werk: „Vatikanische Miniaturen" gewährt für
die Geschichte der alten deutschen Briefmalerei
keine Ausbeute; es enthält überhaupt nur eine
deutsche Federzeichnung von allerdings bedeuten-
dem Werlhe.

schnitt man die Umrisse in Holz, druckte diese
nnd malte den inneren Raum aus (Karl B.
Lorck, „Handbuch der Geschichte der Buchdrncker-
kunst", Leipzig, Verlag von I. I. Weber, 1832,
I, S. >8 und die daselbst citirten Werke). Einige
meinen gar, man sei durch die immer mehr um
sich greifende Spielwnth, weil die nöthige An-
zahl von Spielkarten nicht schnell genug herge-
stellt werden konnte, auf den Gedanken gekommen,
die Umrisse der Zeichnungen auf Metall- oder
Holzplatten zu zeichnen, die weißen Parthien her-
ansznnehmen, die Stöcke dann zu schwärzen nnd
zum Abdruck zu bringen nnd so eine Menge
von Abdrücken in möglichst kurzer Zeit zu er-
halten nnd ans diese Weise zur Erfindung des
Bilddruckes gelangt. Nach Heinecken ver-
fuhren die Künstler bei dem Abdrucken auf fol-
gende Weise: sie strichen mit einem Pinsel den
oberen Theil der Form an. Nachdem also
der Hvlzstvck gefärbt war, legte man auf den-
selben ein angefeuchtetes Papier nnd fuhr mit
einem glatten, seinen Holze, oder noch eher mit
einem bürstenartigen Instrumente darauf herum,
bis man merkte, daß alle Striche der Holztafel
sich in das Papier eingedruckt hatten. Heller
stimmt damit nicht ganz überein, vermnthet viel-
mehr, daß die Farbe in ein Gefäß geschüttet und
die Formen dann hineingetaucht wurden — das
einfachste nnd daher wohl auch das älteste Ver-
fahren, wie solches tioch vielfach bei den Färbern
angewendet wird. Weiter nimmt Heller an,
man werde auch häufig auf das Papier ein Tuch
oder Leder gelegt haben nnd dann mit einer
Walze darüber gefahren sein. Die Figuren.
Kleider, Erde und Berge rc. waren nur in Kon-
turen angebeutet, da die meisten, wie gesagt,
zniil Uebermalen bestimmt waren; schwarze Fi-
guren beliebte man nicht; man wollte vielmehr
etwas Buntes haben; vielfach bestand indes; die
Farbe nur aus Lampenrnß und Wasser, woraus
denn auch die äußerst geringe Conservabilität
nnd überaus große Seltenheit dieser Knnsterzeug-
nisse heut zu Tage sich erklärt. Bei den Karten-
malereien und Spielkarten wird ihr so seltenes
Vorkommen heut zu Tage auch auf den Anfangs
der 1450er Jahre durch den bekannten (im
Jahre 1385 zu Capistrano in den Abruzzen geb-,
1456 q) Franziskanermönch und Bußprediger
Johann Capistran in Deutschland, namentlich
in dessen Süden unternommenen Feldzug wider die
damals im Uebermaß grassirende Spielsucht und
die dadurch bewirkte Vernichtung des Spiel-
materiales en masse zurückzuführen sein. Bei
seinen Predigtwanderzügen nahm er sein Haupt-
augenmerk auf beziehungsweise gegen die Spie-
ler nnd predigte oft Tage laug in den Städten,
so zu Augsburg, Nürnberg, Bamberg, Ulm,
Erfurt, Weimar, Halle, Magdeburg, Leipzig,
Wittenberg, Görlitz, Breslau u. s. w. fast stets
im Freien, auf Märkten uild Straßen — nitd
zwar, weil er nicht gut deutsch verstand, latei-
nisch, sich aber durch seine eindringliche Geber-
densprache, unterstützt von einem Dolmetscher,
verständlich zu machen wissend — mit solchem
Feuereifer nnd solcher Wirkung wider das ver-
derbliche nnd gemeinschädliche Spielen, daß das
darob mächtig ergriffene Volk gewöhnlich nach
der Predigt eine große Menge Spielkarten brachte,
loading ...