Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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welche dann sofort verbrannt wurden (zu vgl.
„Joh. Capistrani Vita et sermones. Aug. Vind.
J. Miller, 1519" und „denkwürdige Beschreibung
von dem Leben, den Tugenden und Wunder-
»verken des hl. Vaters Jannis Capistrani aus
dem Orden der Minoritenbriider, Gratz, 1693,
kl. 4°). Hartmann Sched e l beschreibt in seiner
Chronik diesen Originalmönch folgendermaßen:
„Disen man haben tvir zu Nürmberg gesehen,
lxv. (— 65) iar alt, kleins, magers, dürrs, auß-
geschöpfts, allein von hawt geederc vnd gepayne
zusammengesetzts leibs, doch frölich vnd in arbait
starck, alletag vn vnderlaß predigende, vnd hoh
vnd tieffe materi fuerende K-“ — Unter einem
seltenen Holzschnitte Hans S ch ä u f f e l i n s aus
Nördlingen, welcher Capistran vorstellt, wie er
zu Nürnberg Luxusartikel verbrennt, steht
folgende Unterschrift: „Anno 1452 sind ans eines
Kardinals, Namens Johann Capistran Predigt,
die er allhier in Nürnberg, unter dent freien
Himmel, vor unserer Frauen Kapellen, gethan
hat, 76 Schlitten, 2640 Brettspiele, 4000 Würfel
und eilt großer Haufen Kartenspiele,
ivie auch unterschiedlich Geschmeide uub anderes
so zur Hoffart dienlich, auf dent Süiaift öffent-
lich verbrannt worden". — Nach dem „Sta tu-
rn enbnch re." des Abtes Karl Stengel vom
BenediktinerklvsterBrenz-Auhausen (II, S. 471)
hat Capistran im Durchreisen im Jahre 1454
auch Augsburg, die Krone und wohl auch
die üppigste der schwäbischen Reichsstädte besucht
„und daselbst mit seinen Predigen so viel zuweg-
gebracht, daß man ihm alle Karteitspi ele,
Würfel, Spielbretter bei 3 oder 4 Wagen voll,
item 60 oder 70 Schlitten, darattf man zu Fast-,
nacht fuhr, auf deit Fronhof zusammenbracht
und Alles auf einem Haufen verbrannt". Johs.
Frank, Mönch im Set. Ulrichskloster zu A.
berichtet (s. „Archiv für die Geschichte des Bis-
thnms A." von Steichele, II, S. 88—90, A. 1859,
B. SchmidscheVerlagsbuchhandlung) darüber: .

Item und andemfreitag 1454, da erhätt geprediget
zu mittag, da batt er dye von Angspurg, das sy int
geben alle kartenspil und spilpreter und schlitten, dye
gemacht wären darauf mau ze vasnacht für, und
anderlay spilzeug im zu einer schanckung. Da
wurd im des selben tags nachmittag in aim
halben tag Pracht man kartenspil wol ain wagen
vol, und bey XIII hundert spilbretter, und sechs-
zig oder sibenzig schlitteit, on das im ander tag
wurd, und mt zal vil wirffel. Und am suntag
nach seiner letzsten predig fürt man das alles
ans den frvnhof auf eilten hauffen wol dreh oder
vier lvagett fol, und verprant alles das auf ainem
hauffen" .... Ein anderer Zeitgenosse und
Augenzeuge Hektor Bkielich sagt in seiner
Chronik darüber zum Jahre 1454 folgendes:
„. . . . und es wurden auch 15" bretspil fer-
brent und fil schliten tmd kartenspil an einen
Haufen gelegt auf den frvnhof". Abt Michael
R y s f e l des BeuediktinerklostersO ch s e tt h a n s e tt,
Sohn eines Ulmer Patriciers, hörte — nach
(Geisenhofs) „kurzer Geschichte von Ochsenhausen"
Ottobeuren, 1829, bei Joh.Bapt. Ganser, S. 56 —
Capistran „zu Ulm im Jahre 1454, welches
Jahr Martin Zeil er in seinem „kleinen schwä-
bischen Zeitbuch" (S. 66) gleichfalls angibt, auf
dem Münsterplatz mit so viel Nachdruck ivider

die verderbliche Spielsucht predigen, daß sehr
viele von dieser bösen Gewohnheit abließen und
einige sogar auf der Stelle die Spielkarten auf
den Platz brachtett rutd verbrannten". Nach der
von Jäger (Ulm im Mittelalter. bei F. C.
Löfflund in (Stuttgart und I. D. Claß in Heil-
bronn, 1831, S 509) und dann später kurz
von Janssen, I, S. 367. citirten Chronik des
Veit March t all er (keines Zeitgenossen mehr
vott Capistran) hätte letzterer bei seinem Predigen
in Ulm außer gegen die schlechten Sitten der
Ulmer namentlich gegen die Spitze an den Schuhen
und die Schwänze der Frauen an ihren Röcken
geeifert und ivären drei Frauen, die seiner Pre-
digt gespottet und gehöhnt, sogleich von dem
erzürnten Volk zerrissen, der Prediger selbst aber
int Verlaufe vom Rathe in das Gefängnis; ge-
legt und schließlich ans der Stadt gejagt worden (?),
wovon Zeiler u. a. nichts berichten. Die diesen
Vorgängen von Marchtaller zu Grttnde gelegte
Zeitbestimmung auf das Jahr 1461 ist jedenfalls
ttnrichtig, da Capistran schon 5 Jahre zuvor mit
Tod abgegangen war.

Eine eigentliche Zunft oderJnnung scheinen diese
Brief- und Kartenmaler, ivie zitm Theil ander-
wärts, zu Ulm nicht gebildet zu haben. ZurZeit des
Auskommens dieser Spezialkunst bestandeit wohl
schon Zünfte in Ulm, deren Ursprung daselbst Fa-
br i in die Zeiten Kaiser Karls IV. (>346—1378),
andere in die Regierung Kaiser Ludlvigs (1314
bis 1347) setzen. In dem Schwörbrief vom
Jahre 1327 wird der Zünfte als einer schon lange
bestehenden staatlichen Einrichtung gedacht; a
waren ihrer damals, ivie noch zwei Jahrhunderte
später bis zur Mitte des 16. Säeulums, 17.
Nach Fabris im Jahre 1890 vom litterarischen
Verein zu Stuttgart (als 186. Publikation) her-
attsgegebenen tractatus de civitate Ulmensi und
auch anderen Nachrichten waren der Zunft der
mercatore5 die pictores imaginum, pictores
chartarum, pictores Domorum, pictores pave-
tum et tabularum einverleibt. Derselbe Fabri
macht in seinem, gleichsant die Einleitung zu
seiner Züuftebeschreibung bildenden Artikel de
rnechanicis über dieselben folgende, hieher nicht
nneiuschlägige Bemerkung: „8extus ordo civiam
in nrbe Ulrna est constitutus ex varietate me-
chanicorum, de quorum multitudine et varie-
tate dicere paene nihil scio in singulari, oppres-
sus mole tantae multitudinis, nec est necesse
exponere, quo modo hic ordo Rempublicam
conservat. Tollantur mechanici, ubi sunt do-
mus, habitacula, vestes et tegumenta, ubom-
nia homini necessaria ministeria. Tanto autem
Studio mechanici operantur res suas in Ulma,
ut artificalia Ulmensium sint undique cariora
et pretiosiora, quia nullus magister alicujus
artis efficitur, nisi rigidissimo examine sit
probatus". In der 16. Zunft („decima sexta
zunfta“), der „scriniatores“ (Schreiner) und
„crucificatores“, ivelch letztere nichts anderes
siitd als unsere „Herrgottschnitzer" und keine
„currificatores“ (Wagenbauer), tvie Häßler meint,
führt Fabri die Sürlin (und Schlaiß) ,,et
eos, qui vasa lignea sive ad vinum s. ad
aquam conficiunt1' (also wohl die Dreher) auf.
Nach Haid (Ulm mit seinem Gebiete, Ulm,
1786 bei Christian Ulrich Wagner, Ä. 223)
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