Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 52
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nament aufs andere: prunkvolle Bordüren,
gemalte Säulenstellungen und Arkaturen,
ausgedehnte romanische Zierarchitektnren,
reiche Qnadrirungen, das Ganze in den
Farben gut gestimmt, aber so luxuriös,
daß allein die ornamentale Bemalung ans
über 20 000 M. zu stehen kommen sollte.
Der Ornamentenreichtum war derart, daß
man die Pläne beinahe als Cnmulativ-
anöstellnng romanischer Ornamentmotive,
abgesehen von den animalischen, hätte be-
zeichnen können. Die Oberbehörde trug
wegen dieses Ueberreichthnms uub wegen
der Höhe der Kostensumme Bedenken, die
Ausführung zu genehmigen. Bei Aus-
gleichung der hiedurch entstandenen Diffe-
renzen zeigte es sich, daß auch dieser Meister-
ganz ans dem Standpunkt stand, den wir
oben bekämpft haben; es schien ihm ge-
radezu undenkbar, daß ein reiches Farben-
konzert, ja überhaupt eine Farbe nicht
durchweg von Ornament sollte getragen
sein, und auch er war der Ueberzengnng,
daß eintönige Farbenflächen als Unter-
brechungen und Störungen einer maler-
ischen Komposition wirken müßten. Ich
theile heute noch die Anschauung der Ober-
behörde und bin heute noch der Ansicht,
daß die Polychromirnng dieses Baues besser,
wirksamer und würdiger sich gestaltet hätte,
wäre sie um einige tausend Mark wohl-
feiler und um nicht wenige Ornamente
ärmer veranlagt worden und hätte man
an den Wänden zwischen der reichen Or-
namentik von Zeit zu Zeit wieder eine
monotone Farbenzone angeordnet.

5. Gibt es eine vorwiegend in
F a r b e n t ö n e n beruhende, einfache
B e m a l n n g der K i r ch e n w ä n d e,
w e l ch e für gewöhnliche K i r ch e n-
bauten a us re i ch t, keine großen
K o st e n verursacht und doch n o ch
wahrhaft künstlerische Art und
W i r k n n g hat?

Diese Frage ist gegen den Widerspruch
vieler thörichter Vorurteile und gegen den
Widerspruch unserer Dekorationsmaler un-
bedingt zu bejahen. Das Wesentliche bei
der Bemalung ist nicht das Ornament,
sondern die Farbe. Der künstlerische
Charakter und die Wirkung einer Poly-
chromirnng der Architektur ist nicht ab-
hängig von der Zahl der verwendeten Or-
namente, sondern davon, ob diese Poly-

chromirnng sich der Architektur organisch
angliedert, ob die Räume für die Bema-
lung richtig disponirt wurden, ob die
Farbenkräfte richtig ausgewählt und ver-
theilt wurden.

Wie haben wir uns eine solche ein-
fache Bemalung im allgemeinen zu denken?
Legen wir zu Grund einen einschiffigen
Kirchenban mit wenig architektonischer
Gliederung, etwa dem schlichten roman-
ischen oder gothischen Stil angehörig; die
Flächen der Schiffwände etwa unterbrochen
durch Pfeiler oder Lisenen, durchbrochen
durch die Fenster, oben durch Gesims und
Hohlkehle übergeleitet in eine flache oder
flachgewölbte Decke; der eingezogene Chor
läßt rechts und links vom Chorbogen für Auf-
stellung der Nebenaltäre geeignete Wände
übrig; der Chorbogen führt ans dem Schiff
in den Chor, welcher rechteckigen oder
Polygonen Abschluß haben kann, gewölbt
oder ebenfalls flach eingedeckt ist.

Hier geben nun zunächst die Pfeiler
oder Pilaster und die Fenster die Haupt-
linien an für die malerische Disposition
des Langhauses, welche aber bis ins ein-
zelnste durchgesührt werden muß. Be-
ginnen wir nuten. Ob die Architektur
hier einen eigentlichen Sockel ausgebildet
hat oder nicht, jedenfalls bedarf der zu
erstellende Farbenban eines kräftigen Fun-
damentes. Wir werden dies dadurch er-
stellen, daß wir die unteren Wandflächen
bis auf etwa Manneshöhe oder bis zur
Fensterhöhe mit einem sehr kräftigen, wuch-
tigen Farbenton versehen. Es ist richtig,
daß die mittelalterliche Malerei, was auch
Kuhn S. 53 s. betont, diese Wandflächen
gern mit Teppichmnstern anskleidete oder
auch mit Quader-, Würfel-, Rantenmnstern
auslegte. Gleichwohl sehen wir und rathen
wir davon ab. Einmal liegt uns daran,
alles nicht absolut Nothwendige wegznlassen
und zu ersparen. Sodann verbietet uns
solche Ausstattung unsere Erfahrung, die
Thatsache, daß gerade diese unteren Wand-
theile in sehr vielen unserer Kirchen
die Domäne des Salpeters sind. Und
wenn auch diese Gefahr nicht besteht, so
werden doch in unseren Kirchen, welche
meist bis zum letzten Raum ansgenützt
und besetzt sind, so tief angebrachte Orna-
mentationen sehr bald in Folge der be-
ständigen Berührung mit Menschenleibern
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