Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 59
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Aus all dem ergibt sich, daß man
wirklich Barock- und Zopfbauten entweder
im Sinne und nach dem Willen ihrer Er-
bauer weiß lassen oder sich nur auf schwache
Halbtöue beschränken muß; wenige kräf-
tigere Töne in den Sockelparthieen und auf
den tragenden Hanptgliedern sind nicht
ausgeschlossen. —

Kehren wir nach diesem Excurs über
die Bemalung der Zopf- und Barockkirchen
zu unserem Hanptgegenstand zurück. Die
obigen Andeutungen geben ein ungefähres
Bild von einer Kirchenbemalnng, welche
überaus einfach, für gewöhnliche Verhält-
nisse aber genügend ist, welche mit we-
nigen Farben erstellt werden und des
Goldes ganz entbehren kann. Solche Be-
maluug verursacht keine große Kosten und
sie kann man auch da noch verantworten,
wo die Mittel sehr beschränkt sind, oder
wo die Feuchtigkeit der Wände auf keinen
allznlangen Bestand der Malerei hoffen
läßt.

Nun muß aber noch einmal mit Nach-
druck betont werden, daß auch eine
solche einfach ste Bemalung ein
W e rk der Kun st ist, in gewisser
Weise ein schwierigeres Kn n st -
w e r k, als w o mit m e h r M i t t e l n,
größerem Farbenreichthum und
g r ö ß e r e-m A u f w a n d a n O r n a in e n t
gerechnet werden kann. Darum ist
das ceterum ceirseo, zu welchemder Schluß
dieser Unterweisung zurückkehrt: man

solle für kein kirchliches Bem a-
lllngswerk und wäre es das ein-
fachste, den Plau entwerfen lassen
von einem gewöhnlichen Maler,
sondern solle m i n d e ft e n s für Fer-
tigung des Planes nur einenganz
erprobten M e i st e r b e i z i e h e n. Der
Meister — und wir haben zum Glück
eineil solchen in unserer Diöcefe —, welcher
im Reich der Farben wohl bewandert ist
ilnd eine tüchtige Schule in der Kirchen-
malerei dnrchgeuiacht hat, und der nun
nicht feinen Ehrgeiz darein fetzt, immer
iinr mit einem ganzen Heer von Farben-
kräften und mit Aufgebot der reichsten
Ornamentik zu arbeiten, der zu haben ist,
auch wo nicht viele Tausende, sondern bloß
wenige hundert Mark zur Verfügiing steheii,
der mit wenig Mitteln Großes zu leisten
vermag, der es nicht unter seiner Würde

hält, sich mit Liebe auch in einen sehr-
schlichten Bau zu vertiefen und ihm ein
einfaches, aber künstlerisches Farbenkleid
z>t besorgen — der ist unser Mann. Ihn
haben wir nöthig, viel öfter als den Kunst-
maler großen Stils, für ihn haben wir
Arbeit und ihm eröffnet sich ein reiches
Feld bescheidener aber verdienstvoller Wirk-
samkeit.

Unser Bestreben wird fürderhin mit
aller Energie und aller Konsequenz darauf
gerichtet sein, unseren gewöhnlichen Land-
kirchen und Stadtkirchen nicht eine mög-
lichst kostspielige, sondern eine möglichst
einfache aber würdige Bemalung zu ver-
schaffen, soweit an uns liegt zu verhin-
dern , daß hierin die von Vernunft und
pflichtmäßiger Sparsamkeit gezogenen Gren-
zen überschritten werden, daß unsere Kirchen
unfähigen Stnbenmalern und Schmierern
überantwortet werden, welche sie mit ihren
Pinseln mehr mißhandeln, als der Weiß-
putzer mit seiner Tüncherqnaste. Wir
richten an alle Mitglieder des Diözesan-
knnstvereins, an alle Leser des Archivs,
an alle Pfarrer und Geistliche die instän-
dige Bitte, uns in diesem Bestreben nicht
zu behindern, sondern nach Kräften zu
unterstützen. So allein können begangene
Fehler gesühnt und kann ihrer Wieder-
holung vorgebengt werden. Die Ktlnst
wird dabei nicht zu kurz und nicht ;u
Schaden kommen. Manche Malereien, welche
Tausende kosteten, wären künstlerisch besser
geworden, wenn nur Hunderte verwendet
worden wären. —

Gothischer Reich.

An den Kelch, der auf nuferer Bei-
lage dargestellt ist, knüpft sich ein doppel-
tes Interesse, ein künstlerisches und ein
historisches. Künstlerisch angesehen ist er
zu den schönsten Gebilden dieser Art zu
rechnen, welche uns ans dem Mittelalter
noch erhalten sind. Konstruktion und Or-
namentik sind fein gegeneinander abgewo-
gen; bei aller Einfachheit macht er den
Eindruck graziöser Zierlichkeit; Fuß, Schaft
und Knppa haben die glücklichsten Ver-
hältnisse und das Auge kann auch nicht
Eine Linie oder Form finden, welche nicht
voll befriedigen würde. Der Fuß ist sechs-
theilig; er ruht auf einer kräftig ans-
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