Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 63
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feit, die Kommunion der hl. Elisabetha
Bona, die Vision des hl. Antonius von
Padna, die Stigmatisation des hl. Fran-
ziskus von Assisi und das Porträt des
hl. Aloysius, in das Tympanon des großen
Chorbogens aber die Anbetung der heilig-
sten Dreifaltigkeit zu malen, eine dankbare,
aber große Ausgabe, die Füget in den
Sommermonaten zweier Jahre dnrchsührte.
Zahlreiche mit der Kohle entworfenen
Skizzen von einzelnen Figuren und ganzen
Gruppen, sorgfältig gezeichnete Kartons
und größere und kleinere farbige Ent-
würfe haben wir im Atelier des Meisters
in München gesehen, die in den Winter-
monaten als Vorbereitung für die Arbeiten
in Liebenan entstanden sind. Wir haben
nämlich in dem bildlichen Schmuck unserer
Kapelle, mit einer einzigen Ausnahme,
lauter Originalkompositionen des Meisters
vor uns, keine Kopien älterer oder neue-
rer Darstellungen.

Die vier Evangelisten im Chore
wurden von Fngel zuerst gemalt: sie sind
in sitzender Stellung gegeben mit ihren
entsprechenden Attributen, herrliche Ge-
stalten mit ausdrucksvollen Köpfen voll
Geist und Würde. Die Medaillons, in
welche sie gezeichnet sind, gliedern sich
kräftig, aber ungezwungen in die sie um-
gebenden, seinen Dekorationsmotive.

Am Gewölbe des Schisses begegnen
uns zuerst die sieben leiblichen
Werke der Barmherzigkeit, ein
Sujet, dessen berechtigte Existenz an die-
sem Orte wohl keiner Erklärung bedarf.
Hat ja schon Andrea della Robbia diesen
Gegenstand am Hospital bei Ceppo zu
Pistoja angebracht, an dem er mit seinen
drei Söhnen Giovanni, Lucca und Giro-
lamo von 1505 bis zu seinem Tode 1528
arbeitete. Er hatte es daselbst hauptsäch-
lich darauf abgesehen, den Ausdruck der
Leiden unb das Mitgefühl der Menschen
plastisch wiederzngeben und es gelang ihm
dies zwar mit großer Tiefe und Feinheit,
aber nur mit ziemlichem Figurenreichtnm.
Mit Recht wurde daher dieser für die
christliche Kunst so dankbare Gegenstand
in unseren Tagen wieder anfgegriffen und
von den größten Meistern der Neuzeit
wiederholt. Den Inhalt geben am öftesten
nach dem Vorgänge des Historienmalers
Moritz von Schwind (1804 — 1871) die

barmherzigen Thaten der hl. Elisabeth von
Thüringen, wie sie der klassische Meister
trotz der einfachen Schlichtheit der Kompo-
sitionen in Medaillonsform in dem Ka-
pellengange ans der Wartburg gemalt hat.
Andere Künstler nehmen zum Inhalte dieser
Werke neben Thatsachen ans der Legende
auch solche ans der hl. Schrift, wie z. B.
Eleazer und Rebekka, Abraham und die
drei Jünglinge, Moses, Tobias und dgl.
Im Münster zu Straßbung hat in neuester
Zeit der Maler Max Fürst folgende Hei-
lige znm Inhalt seiner Darstellungen der
leiblichen Werke der Barmherzigkeit ge-
nommen: Elisabetha, Hnnna, Martinns,
Vincenz von Paul, Johann von Matha,
Ottilia unb Ludwig.

Unser Meister Fuget ist dem gegen-
über nun einen ganz eigenen Weg ge-
gangen, ähnlich wie della Robbia; ergriff
auch sozusagen in das volle, alltägliche
Leben hinein und malte — ein Stück
sozialer Frage, gelöst nicht von Heiligen,
sondern von heute noch lebenden christ-
gläubigen und christlich handelnden Men-
schen. Er will zeigen, wie auch in unfern
Tagen nach dem Vorgänge der hl. Ge-
schichte und Legende Christen diese Frage
lösen können und auch wirklich lösen.
Während aber della Robbia in doppelter
oder dreifacher Handlung jedes einzelne
Werk vorführt, thut dies Fngel in der
denkbar einfachsten Schlichtheit der Kom-
position, aber in so ausdrnckvoller und
rührender Schönheit der Auffassung, daß
wir die Bilder immer mehr lieb gewinnen,
je länger wir sie betrachten. Sie reden
eine so eindringliche, aber doch wieder eine
so gleichsam alltägliche Sprache, daß jeder-
mann, Alt und Jung, Hoch und Nieder,
Gelehrt und Ungelehrt sie sofort -verstehen
kann.

Da erscheint eine Hausfrau ans den
besseren Ständen an dem Treppenaufgänge
ihrer vornehmen Wohnung und trägt einen
gefüllten Brodkorb, offenbar im Begriffe,
damit „Hungrige zu speisen": ein
armer Pilger mit Wanderstab und Kürbis-
flasche, den sie hier antrifft, bittet knieend
um ein Almosen und erhält von der Frau
ein Stück Brod, das er mit beiden Hän-
den in dem dankbarsten Aufblick zu der
Geberin in Empfang nimmt; er gehört
nicht — das sieht man ihm an — zu der
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