Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 64
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Sorte jener „armen Reisenden", die nur
nm Geld fechten und nach sozialer Gleich-
heit rufen, darum auch die Gabe von gan-
zem Herzen kommt und nicht bloß frostig,
ja kalt gleichsam hingeworfen wird.

Dort sehen wir wieder eine Hausfrau,
aber eine ganz schlichte, ans einfach bür-
gerlichem Stande; sie ist eben mit einem
großen Kruge in den Händen und einem
Kinde zur Seite ans ihrer ländlichen Woh-
nung getreten. Ein Wanderer — er ge-
hört offenbar der arbeitenden Klasse an,
der nach Verdienst sich umsteht —, hat
sich bei der Hitze der Mittagssonne ans
der Steinbank vor ihrem Hause niederge-
lassen mtb sie benützt diese Gelegenheit zu
dem Werke der Barmherzigkeit: „d i e D n r-
stigen tränken". Selbst das kleine
Mädchen, das schüchtern den Fremdling be-
trachtet und sich in naiv kindlicher Weise
gegen alle Eventualitäten an der Nock-
schoß seiner Mutter hält, gönnt dem Manne
den erbetenen Labetrnnk.

Ans dem nächsten Felde erscheint ein
schöner Jüngling an den Pforten eines
Klosters; er kommt ans weiter Ferne,—
vielleicht, da er eine Pilgermnschel an sei-
nem Mantel trägt, ans dem heiligen Lande,
— und ersucht um gastliche Aufnahme.
Freundlich geht ihm der Pförtner ent-
gegen, reicht znm Willkomm ihm die Rechte
und heißt ihn eintreten in die gastlichen
Gelasse, da es im Kloster uralte Sitte und
Brauch ist, die „Fremden zu beher-
bergen". Brauch und Sitte ist es hier
aber auch, die „Nackten zu beklei-
den". Wiederum nämlich erscheint ein
Mann vor den Pforten eines Klosters,
aber ein halbnackter und presthafter, der
nm den einen oder anderen Flügel eines
abgelegten Gewandes bittet, um seine
Blöße zu verdecken. Ein Franziskaner-
brnder bringt ihm ein solches und hilft
ihm auch gleich selbst bei der Ankleidung.

„Die Kranken besuchen", —
welches Motiv lag hier dem Künstler nä-
her, als dasjenige, das er während seiner
Arbeit täglich in der Anstalt der Barm-
herzigkeit mit eigenen Angen schauen konnte!
Wir treffen eine Schwester des seraphi-
schen Ordens an dem Bette einer Kranken
sitzend; sie hat der Schwerleidenden eben
vorgebetet und erfaßt ihre zitternde Rechte,
voll inniger Theilnahme des Wunsches

harrend, den die Kranke in leisem Hauche
vielleicht noch kund zu geben beabsichtigt.

Von der Krankenstube ans begeben
wir uns in einen nur spärlich beleuchteten
Kerker: da sitzt znsammengekanert ans dem
Boden und an eine schwere Kette gebun-
den ein Greis mit Silberhaaren. Was
wird er wohl verbrochen haben? Es
scheint, daß er unschuldig im Gefängnis;
geschmachtet und daß der eben jetzt mit
einem Bunde Schlüssel eingetretene jüngere
Mann gekommen ist, den „Gefangenen
zu erlösen".

Gott selbst spricht durch den Mund
des weisen Sirach (36, 16): „Sohn!
über einen Verstorbenen vergieße Thrä-
nen .... und versäume nicht sein Be-
gräbnis;" ! und es galt daher von jeher
„die Todten zu begraben" als ein
Werk leiblicher Barmherzigkeit. Freilich
sind unsere Verhältnisse solche, daß sie im
Allgemeinen weder erfordern noch gestatten,
daß wir die Todten selbst begraben; doch
können ja ansteckende Krankheiten, Kriegs-
zeiten u. dgl. kommen, welche uns dieses
Liebeswerk ansüben heißen. Ein solcher
Fall scheint uns aus dem Bilde des Mei-
sters Fngel zu begegnen, wo wir einen
todten Greis gerade ausgestreckt und in
ein weißes Tuch eingehüllt unter einem
Baume liegen sehen. Nur eine einzige
weibliche Gestalt, mit einem schwarzen
Tuche umhüllt, beugt sich trauernd über
den Leichnam und beweint den Todten,
während ein Arbeiter daneben das Grab
gräbt.

Die drei Felder oberhalb der Orgel-
empore sind Darstellungen ans dem visio-
nären Leben desjenigen Ordens gewidmet,
dem die Schwestern der Anstalt zugehören.
Da sehen wir in der Mitte die Stig-
matisation des hl. Franziskus:
er kniet mit ansgebreiteten Händen da und
empfängt die Strahlen von dem Seraph,
der vom Himmel erscheint. Der überirdisch
verklärte Ausdruck im Angesichte des Heili-
gen, wie seine ganze aScetische Gestalt, machen
einen gewaltigen Eindruck, den, daß man
eine wahrhaft himmlische Erscheinung vor
sich hat. Rechts davon ist die Kommu-
nion der hl. Elisab etha Bona ge-
malt, ein Bild so recht inniger Andacht
und wahrhafter Frömmigkeit, frei von aller
Sentimentalität. Die hochfeierliche Er-
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