Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 66
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sodann folgen Elias nnd Moses mit den
Gesetzestafeln; rechts: St. Stephanns mit
den Steinen, St. Agnes (ohne Attribut!),
St. Cacilia mit der Orgel, St. Domini-
kus nnd Augustinus als Bischof, ans dem
Alten Testament David, die Harfe spielend,
nnd Jeremias mit dem Joch, ans den
Trümmern Jerusalems sitzend nnd weinend.
Jede einzelne dieser Figuren ist ein Kunst-
werk für sich, großartig nnd würdevoll
gedacht in der Auffassung, streng dnrch-
modellirt in der Form, korrekt in der Zeich-
nung und außerordentlich wohlthnend in
Farbenton. Jede einzelne Gestalt ist auch
kräftig hervorgehoben, aber doch wieder
schön dem Ganzen eingegliedert. Die wahr-
haft klassische Komposition mit ihrer herr-
lichen Farbenharmonie vereinigt jene tief-
ernste, religiöse Auffassung, wie sie unfern
Alten eigen war, mit dem nicht zu leug-
nenden Fortschritt in der Technik, den die
Neuzeit errungen. Fngel steht, das zeigt
er auch durch seine Technik, vollständig
auf der -Höhe der Zeit, nnd erscheint in
diesem Bilde, vermöge seiner richtigen reli-
giösen Auffassung, als den größten Auf-
gaben der christlichen Kunst gewachsen.

Als dritten Meister, der das Kirchlein
zu einem wahren Knnstjnwel unserer Diö-
zese hat umschaffen helfen, nennen wir den
Bildhauer Dl o r iz Schlachter von Ra-
vensburg, der die beiden Seitenaltäre mit
ihren reichgefaßten Statuen Herz Jesu nnd
Maria und den fein geschnitzten und ver-
goldeten Ornamenten geliefert hat.

lieber schwäbische (Ulmer) Miniatur-, ins-
besondere Brief- und Aartenmaler.

Von Amtsrichter ci. D. B e ck.

(Fortsetzung.)

Sv bestechend auch die Annahme der Identität
von Ludwig ze lllm und Ulrich Hohenwang auf
dei: ersten Anblick erscheinen mag. so wird man
jedenfalls letzteren, welchen Häßlers Lokalpatriotis-
mus ohne nähere Belege zu einem Ulmer Meister
gemacht hat nnd welchen als solchen selbst L ü tzo w
in seiner neuesten „Geschichte des deutschen Kupfer-
stichs nnd Holzschnitts :c." noch festhält, nach
A. F. Butschs Monographie (München, G.
Hirths Verlag, 1885) als Ulmer Meister fallen
lassen müssen.

Ganz in der Nähe von Ulm, in dem Bene-
diktinerkloster Wiblingen, blühte im 15. Jahr-
hundert eine ans der Reformschule des berühm-
ten (zu Weinstetten in den „Holzstöcken" geb-,
1473 -tz) Abtes Ulrich III. Hablüzel hervorge-
gangene, von dem bekannten Abt und Polyhistor

T r ith e i m sehr belobigte Art Kunstschule „schrei-
bender und malender Mönche" (manuseriptores
reformatoris discipuli, scriptores manualium

Schreiber, Schreibkünstler, Jllnminirer, Illumina-
toren, Jlluministen, Miniaturisten, Miniatoren,
Rnbrieisten, Buchmaler), tvelche sich uner-
müdet („labore indefesso") mit Schreiben
und Abschreiben, mit Jllnstriren und Jllumi-
niren (d. h. mit Farben Ansmalen und Schmücken
von Bnchiverken) beschäftigten nnd einen großen
Schatz ihrer freilich nun überallhin zerstreuten
Arbeiten bis ans die Säkularisation der Biblio-
thek nnd deni Archiv des Stiftes übermachten
nnd ans welchen nach dein von P. Meinrad Hench-
linger verfaßten, im Jahre 1702 zu Augsburg
bei Kaspar Bencard erschienenen „templum ho-
noris" namentlich hervorzuheben sind: F. Jodokns
Winkelhofer, nachmals Abt im Benediktiner-
kloster Lorch in Schwaben (f 1466) und F.
Georg Schivarz, nachmals Abt in Alpirsbach
O. S. B. (| 1482), „insignes manuscriptores",
welche beiden a. a. O. zu S. 50 in schwarzer
Manier (Jvh. Gg. Baumgartner, ein Augs-
burger Stecher, sc.) abgebildet sind; I. Georg
Fesenmaier (ff 1450), „qni_plurimos Codi-

ces scripsit, summam laudem promeritus . . . .
transcripsit plures libres Cantuales, Missalia,
Biblia etc. eleganter admodum in pergamena" ;
dessen in seinen Arbeiten kaum voit ihnt zu
unterscheidender Confrater Georg Spät ist >457),
„F. Georgii aemulus in conscribendis sacris
Codicibus, subsequus forsan discipulus in
characterum formatione simillimus, ut inter
utriusque quam plurima opera vix dijudi-
cetur et uuicuique sui labores difficulter ad-
scribantur" ; Martinns I IN l e r ans Geißlin-
gen, klein von Natur, aber groß an Geist G
1459). Er setzte sich selbst folgendes Denkmal:
„. . . . fratres

Augentur praedia, struuntur Aedes et vasa.
Plures e fratribus propriis manibus laborant,
Conscribunt Codices, colligant rectificantque
E quibus minimus Martinus statura pusillus
Conscripsit plures, ligavit, ac illuminavit.
Sudoris pretium petit sequacium oramen.
Labores nostros, quisquis dissipare prae-

sumpserit

Ultor invincibilis vindictam feret ingratis".

Bor Allen wird gerühmt F. Simon R ö sch
aus Markdorf, über welchen wir bereits
in einem Artikel dieser Zeitschrift (X. Jahrg.
1892, Nr. 7, S. 63) ausführlicher berichtet.
Noch eine ganze Reihe solcher Jlluministen ans
dem Wiblinger Kloster wird angeführt: die
fratres Marquard; Heinrich Kobvlt; Joh.
Wolpolt; Wilh. Diettenheimer; Simon
Sezing; Jak. Leipsig; kllrich Edelmann;
Jvh. F ry; Jvh. Lophei m. Eine in der öffent-
lichen Bibliothek zu Stuttgart befindliche Hand-
schrift aus demselben Kloster vom Jahre 1442:
„Vocabularius latino— germanicus" überliefert
uns den Namen eines noch etwas älteren dor-
tigen scriptor, nehmlich von F. Victor Nigri
de Veldkirch, Mon. Wibling., nachmals Abt zu Al-
pirsbach (ff 1475; dessen Bildnis im templunuc. zu
S. 49); (zu vgl. Beck im schwäbischen Diözesan-
archiv von 1890, S. 96). — Einige Papierhand-
schriften von Wiblingen aus dem 15. Jahrhundert
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