Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 69
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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kimft.

perausgegebeii und redigirt von Professor Ur. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenbnrger Diözesan-Aunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Aeppler

8.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M 2.05 durch die wnrttembergischen (Jl 1.S0
im Stuttgarter Bestellbezirk), Jl 2.20 durch die bayerischen und die gteichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
and) angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition deS „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, llrbansstraste 04, zum
Preise von Jl 2.05 halbjährlich.

1894.

Vorschlag 511 einem neuen Airchen-
baustil.

Diesen sensationellen und vielverheißen-
den Titel führt eine in Linz 1893 er-
schienene, von Rupert Gsaller, Archi-
tekt, verfaßte Broschüre von 16 Seiten
mit 4 Tafeln (Preis: 1 M.). Den Ver-
fasser hat „der edle Reiz zur Suche um
Neues, wenigstens um neue Formen" er-
faßt und er glaubt in dieser Beziehung
nicht an das Wort „unmöglich", und hält
dafür, daß „in der christlichen Architektur
yoch nicht alle Stilarten bis zur letzten
Konsequenz dnrchgeführt" seien. Zwar
der griechische und gothische Stil sei wohl
am ehesten in seinem Jdeenschatz erschöpft;
vom Renaissancestil sei ohnedem abznsehen,
weil er zu wenig Urstil sei; „ebenso ent-
fällt die altchristliche Basilika" (S. 4).
Dagegen könne im romanischen Stil der
Hebel angesetzt und Neues geschaffen wer-
den durch „eine haarscharfe Durchführung
des Würfels". Auf diesen Gedanken lei-
tete den Verfasser — die hl. Schrift, vor
allem die Stelle Apokol. 21, 12 ff., spe-
ziell die Angabe, daß die Stadt Gottes
ins Gevierte gebaut sei, ihre Länge so
groß als die Breite, Länge, Höhe und
Breite gleich (Vers 16). Damit sei frei-
lich kein ausdrücklicher Plan für den Ban
eines Gotteshauses gegeben, aber „ein
hohes Bild, ein Ideal, ein festes Gesetz" ;
Das Rechteck sei ein Bild der Unvoll-
kommenheit, das Quadrat sinnbilde die
Vollkommenheit" (S. 6).

Ans dieser biblisch-symbolischen Grund-
lage errichtet der Verfasser nun seinen
Neubau, den die Tafeln dem Auge vor-
sühren. Der Grundriß ganz quadratisch;
alle vier Seiten im Ansriß vollständig
gleich; je in der Mitte ein Portal, ans
welches weit ansgreifende geschweifte Trep-
penanlagen znsühren; an den vier Ecken

je ein Thurm; zwischen den Thürmen Vor-
hallen , östlich Sakristeien. Der Jnnen-
ranm ebenfalls quadratisch, genau im Mit-
telpunkt der Altar; um ihn schließt sich
das quadratische Presbyterium, eingefaßt
und überdacht von einer quadratischen
Tempelkonstrnklion ans Metall, nach allen
vier Seiten in drei hohen Bogen geöffnet :
an den Außenseiten des Prebsyterinms kön-
nen die Nebenaltäre angebracht werden;
die Kanzel könne im Winkel der Westseite
oder auch über dem Portal ihre Stelle
finden, die Beichtstühle in den vier Ecken.
Der ganze Jnnenraum wird mit Hilfe
einer Eisenkonstrnktion überwölbt.

Zur weiteren Begründung und Em-
pfehlung des in den Hanptkonstrnktions-
linien vorgeführten Baues wird S. 1 l
bis 16 ausgeführt, daß der Grundriß ans
das gleichschenklige Kreuz gestellt sei, daß
der Aufriß in der stark hervorgehobenen
Trias: Unterbau, Mittelbau, Bekrönung
ein Symbol der Dreieinigkeit darstelle,
daß hier vollendete Einheit herrsche und
edle Einfachheit; der Hochaltar im Een-
trum, denn „die Mitte ist der Ehrenplatz" ;
„die Aufmerksamkeit der Gläubigen richtet
sich concentrisch ans Einen Punkt und.
die Andacht derselben kann dadurch nur
gewinnen".

Diese Reformgedanken und Reformpläne
werden vom Verfasser durchaus nicht markt-
schreierisch, sondern in anerkennenswcrther
Ruhe und Bescheidenheit, wenn auch mit
einigem Selbstgefühl vorgelegt, und es wird
ausdrücklich um eine sachgemäße und fach-
männische Kritik gebeten.

Die unsere lautet entschieden ablehnend.
Nicht als ob wir prinzipiell jede Möglichkeit
einer Fortbildung der kirchlichen Archi-
tektur und jeder Aendernng in der Grund-
lage und in den Stilformen abweisen
würden. Aber die Vorschläge des Ver-
fassers erscheinen uns theoretisch unhaltbar
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