Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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der Reichsadler weht, Botschaften entgegennimmt;
umher kleinere Zelte mit den Bannern von
Württemberg 2c.; hier Soldaten beim Würfelspiel
vor einer Buche; dort andere, unter denen Streit
ausbricht; am verrammelten Thor Reiter Ein-
las; begehrend, vor ivelchem Bettler neben Pferde-
cadavern gelagert sind. (Auf zwei Blättern.) Dazu
eine interessante Anleitung zur Büchsenmeisterei
mit folgendem Eingang: „Item das Hort eim

buchsenmeister zu. Er svl gvt vor äugen Han
wann er so mit der buchsen und pulfer nmb
gect. So hat er syucn grvsten sehnt vor hm re."
Znin Schluß noch verschiedene Regeln und Ike-
cepte. Diese geistreichen Entwürfe, die uns an der
Hand eines Zeitgenossen so lebhaft mitten in das
schwäbische Volks- unb Feldleben jener Epoche
bineinversetzen, weisen nach Formengebung und
Text (insbesonders Versen mit ihren süddeutschen
Spracheigenthünilichkeiten) auf schwäbischen Ur-
sprung hin und zwar null E. Harzen in seinem
interessante», aber nicht überzeugenden Versuche,
Zeitblom auch als Kupferstecher fest-
stellen (Leipzig, Rudolf Weigel, 1860, 57 S.)
von wegen der Verwandschaft einer Reihe von
im Amsterdamer Museum befindlicher Kupfer-
stiche mit den Entwürfen des Wolfegger Kunst-
buches den Meister beider in keinem Geringern
als in Zeitblom finden, während Förster die
Entwürfe, namentlich von Luna, Mars und
Venus und der Doppelblätter Martin Schon-
gau er oder wenigstens einem dieser nahestehen-
den Meister zuschreiben möchte, woran bloß so
viel als sicher anzunehmen, daß ein sch ivü-
b i scher Meister der Urheber der Darstellungen
ist, welcher vielleicht nie mehr cruirt werden
wird. — Unter den paar Hundert Nummern von
ans schwäbischen Klöstern stammenden, jetzt in
der öffentlichen Bibliothek zu Stuttgart befind-
lichen Handschriften, als Brevieren, Missalen,
Passionalen, Evangeliarien re., über welche leider
immer noch ein gedruckter Katalog abgeht, sollen
iveiter hier noch hervvrgehvben sein zivei dem
früheren Benediktinerkloster Kombnrg unge-
hörige, vvn Dibdin a. a. O., III, S. i47 und
149 beschriebene lateinische Psalter, einer auf
Pergament aus den: 10. Jahrhundert mit einer
großen Anzahl merkwürdiger, den Inhalt der
Psalmen darstellender Gemälde, der andere gleich-
falls auf Pergament aus dem 12. Jahrhundert
mit Miniaturen und eigenthümlichem Einbande;
ein Evangeliarium (Nr. 71 des Verzeichnisses) des
vormaligen Benediktinerklvsters A l p i r s b a ch im
Schwarzwald ans den; 11. Jahrhundert, dessen
Evangelistenzeichnungen noch in die Anfangs-
epoche der Kunst gehören xutb daher sehr wichtig
sind. Ein ans dem Benediktionerkloster Gengen-
bach im Schwarzwald stammendes, später dem
Fürsten v. Soubise gehöriges, von Dibdin a. a.
O., S. 148 verzeichneles Evangelienbuch auf
Pergament aus dein 12. Jahrhundert mit schön
gemalten Bildern des hl. Hieronymus, der Evan-
gelisten u. s. >v ; voran steht ein Exuhet mit
Noten, dann folgen die Canones; die Initialen
gehören ihrem Charakter nach in das 11. und
12. Jahrhundert. Die eigentlichen Bilder neh-
men stets eine ganze Seite eilt und zeigen in
durchaus hellen Farben: die vier Evangelisten ans
Thronsesseln, die Frauen am Grabe, die Himmel-

fahrt Christi, die Verkündigung Mariä, die Ge-
burt Christi, das Abendmahl und die Ausgießung
des heiligen Geistes; ein solches aus gleicher
Zeit wieder aus Kombnrg und viele andere
(S. Stalin, Geschichte und Beschreibung k.
insbesondere der kgl. öffentlichen Bibliothek iii
Stuttgart re. in Memmingers württembergi-
schen Jahrbüchern, 1837, S. 293—387). Nicht
minder reich an alten, zum Theil bemalten, meist
aus den Klöstern Weingarten, Zwiefalten, Wiblin-
gen, Mergentheim, Schönthal re. stammenden
Handschriften ist, n>ie >vir bereits gesehen, die
kgl. Hand- (oder Privat-) Bibliothek in Stutt-
gart. Unter den kleineren Stiften that sich na-
mentlich das schon genannte Wengensti ft der
regulirten Chorherrn des hl. Angustin zu U l m,
auf welches Ulms Kunstleben sichtlich von be-
deutendem Einfluß war, auf dem Gebiete der
Kunst und i. sp. auch der Miniaturmalerei sehr
hervor. So rühmt schon der bekannte Bru-
sch ins den Probst Berthold III, genannt Neger
alias Beck (1405—1425), über dessen künstlerische
Thätigkeit, die unter dem Titel: „Wenga s. infor-
matio historica de exemti collegii ad insu-
las Wengenses can. Reg.“ bekannte von Prälat
Michael III. Kuen verfaßte Monographie dieses
Klosters auf S. 61, der 6. Theil des großen
Klosterwerkes: „CoIIeetio scriptorum historico
monastico — ecclesiasticorum variorum reli-
giosorum ordinum“ näheren Aufschluß gibt, als
„Illustrator egregius“. Von Bertholds Nach-
folger, Probst Ulrich I. Strobel aus Langenau
(1425 — 1445), wird a. a. O. S. 62 u. A. be-
richlet: „Novum P salterium Majus cum

Hymnario et duas partes Antiphonarii unam
de tempore, alteram de Sanctis ; in membrane
eleganter scriptas procuravit pro Choro“ ; von

Probst Konrad III. von Blindheim (S. 73):.

„biblotheca nostra sub ipso sua habuit pri-
mordia , quam ditavit insignibus aliquot libris
Membranaceis“. Unter dem aus Undersdvrf (alias
Jndersdvrf)in Altbayern stammenden Probste Veit
T ö s e l (1489—97) und dem gelehrten Stiftsdekan
P. Kaspar wurde eine Menge, auf S. 87—88 ver-
zeichneter Manuskripte, Missales, Psalterien :c.
theils selbst geschrieben, theils sonst angeschafft.
Ein vorzüglicher scriptor war Probst Johs. II.
Mann aus Ulm (1497—1514), welcher viele
„propria exarata manu scripta“ (S. 92) hinter-
ließ, darunter: „Constitutiones Illuminatissimi
Doctoris S. Augustini Patris nostri declara-
toriae, per Reverendum in Christo Patrem
Udalricum Praepositum Undersdorfensis Mo-
nasterii ex Commissione Apostolica nobis tra-
ditae. Has constitutiones singulari industria
et characteris Elegantia scripsit, nomenque
proprium adidit: Per me Joannem Mann Pro-
fessum Monasterii in Insulis“. — Was Alles
an diesen Schätzen der Miniaturmalerei ist aber
nicht im Laufe der Jahrhunderte theils unter
dem Zahne der Zeit, theils durch Unverstand,
Gewalt, Zerstörung, Feuer und Brand, beim
Flüchten k. verloren, beziehungsweise zu Grunde
gegangen?! Das Wenige, was aus der Zeiten
Sturm und Graus gerettet, findet sich da und
dort in fürstlichen beziehungsweise öffentlichen
Bibliotheken und Sammlungen, weniger in Pri-
vathänden zerstreut. Eine der an alten und ehr-
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