Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 76
DOI Heft: 10.11588/diglit.15911.41
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.46
DOI Seite: 10.11588/diglit.15911#0083
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1894/0083
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
76

ist weniger in religiösem, als vielmehr in kirch-
lichem Sinne behandelt. Vvn diesem Grnnd-
fehler abgesehen, verdient das rein Malerische
an dem Bilde alles Lvb. Alle technischen Anf-
gaben der Perspektive, Lnst- und Farbenbehand-
lnng sind mit Geschmack und Geschick gelöst, die
Kvmpvsition im Raume ist sehr glücklich berech-
net, wirkt knnstvvll, ohne künstlich zn sein, und
die Jndividnalisirnng der Figuren ist, svweit es
die im Großen und Ganzen bei allen Betheiligten
gleiche Grnndstimmnng und der gehobene Stil
der Gesammtauffassung znließen, mannigfaltig
und ausdrucksvoll." „Mit dem Fugel'schen
„Abendmahl" (und dem Firle'schen „Glauben")
schlägt die Münchener Kunst, soiveit sie als
religiöse Malerei im Glaspalaste ausgetreten ist,
die übrige deutsche Kunst vollständig." — Wenn
ich nicht irre, ist auch Firle Mitglied der „Ge-
sellschaft für christliche Kunst." Nach diesem
kompetenten, unverdächtigen llrtheile haben wir
also in unserer Gesellschaft Künstler, die, was
das künstlerische Können betrifft, an der Spille
der religiösen Künstlerschaar Deutschlands gehen.
Mehr als dieses Lob freut uns aber, was der
genannte Kritiker über die religiöse Auffassung,
den religiösen Stil des Bildes sagt. „Der bib-
lische Stoff ist iveniger in religiösem, als viel-
mehr in kirchlichem Sinne behandelt." Was
heißt dies anders als: er ist im gläubig-katho-
lischen Geiste anfgefaßt. Der jedenfalls prote-
stantische Kritiker ist der Ansicht: „Die spiritna-
listische Behandlung drückt nach unserem Gefühle
den realen Wert nieder, statt, tvie beabsichtigt,
ihn"zu heben!" — In den Augen des Katho-
liken hebt diese Behandlnngsweise in der That
den Werth des Kunstwerks.

Fugels „Abendmahl" ist in der That durch
und durch katholisch. Es stellt den Moment
dar, da Jesus dem Lieblingsjünger die heilige
Hostie reicht. Die Figur des Herrn ist voll
Hoheit unb Heiligkeit; die des hl. Johannes der
Typus eines kommunizierenden Heiligen, wäh-
rend in den anderen Aposteln die Andacht vor
und nach der hl. Kommunion, in Judas die
Wirkung einer unwürdigen Kommunion ebenso
kraftvoll als ergreifend zum Ausdruck kommt.
Idealismus und Realismus vereinigen sich in
dem Bilde zn einem den religiösen und den
künstlerischen Anforderungen gleich entsprechenden
Kunstwerke; in früheren Werken Fugels, auch
in der „Grablegung" der ersten Mappe, ist
mit Recht noch zu viel Realismus gefunden
worden.

In der plastischen Abtheilung der Ausstellung
im Glaspalaste sind zwei Werke von Mitgliedern
der „Gesellschaft für christliche Kunst" ansgestellt.
Das eine ist vom II. Präsidenten der Gesell-
schaft , von Bildhauer Busch in München. Es
ist ein gothisches Altarwerk; in der Mitte sitzt
Maria mit den: Kinde ans einem Throne,
während 51t beiden Seiten größere Gruppen
singender und musizierender Knaben stehen und
knieen. Letztere sind vvn einer anmnthigen Frische,
Naivetät unb Individualität, die den Beschauer
entzückt. Maria und das hl. Kind sind durchaus
edel. Der ornamentale und architektonische Theil

ist einfach, aber ungemein fein und geschmack-
voll, das Ganze originell. Wir beglückwünschen
die Kirche oder Kapelle, die den Altar besitzen
lvird. Er ist nicht auf Bestellung gefertigt und
noch nicht angekauft. Möchte doch der hochbe-
gabte, gutgesinnte junge Künstler bald Gelegen-
heit bekommen, für Kirchen, nicht bloß für's
Atelier religiöse Kunstwerke zn schaffen! Möchten
die Kirchenvorstände allmählich einsehen lernen,
daß schlechte Pfusch- und Dutzendwaare keine
würdige Ansstattnug für ein Gotteshaus ab-
gebe. Originalwerke bedeutender Künstler sind
freilich ungleich thenrer als Fabrikwaare aus
Gips oder Masse. Aber ivenn irgendwo, so
soll hier der Grundsatz Amvendung finden „non
multa, sed multum!“ Ist Geldmangel, dann
schaffe man Weniges an, aber nur Gutes,
Echtes!

Das andere plastische Werk ist eine Madonna,
„Rosa mystica“, von Wadere. Die hl. Jung-
sran hat eben des Engels Botschaft vernommen
und kniet nun ani Boden, über das süße Ge-
heimniß nachsinnend, das in ihrem Schooße sich
vollzogen. Der Ausdruck ihres schönen Antlitzes
ist so gottinnig, die ganze Haltung und Ge-
wandung so keusch und edel, daß ich gestehe,
niemals ein Madonnenbild gesehen zn haben,
das mich so fromm und rein angemnthet hätte,
>vie dieses. Dabei ist die Skulptur von höchster
künstlerischer Vollendung. Sie lvird wohl vvn
der Jury mit einer I. Medaille gekrönt werden.
Das Werk zeigt, daß Wadere wie Fugel hin-
sichtlich des religiösen Geistes unb Geschmacks
große Fortschritte gemacht hat. Wenn wir diese
der „Gesellschaft für christliche Kunst" zu ver-
danken haben, dann hat diese schon Bedeutendes
geleistet und hat sie Anspruch ans das lebhafteste
Interesse und die Unterstützung aller derer>
lvelchen die Sache der christlichen Kunst, der
christlichen Religion am Herzen liegt.

Möchten diese Künstler ans dem betretenen
Weg fortschreiten, unbeirrt durch den Spott
oder die Kritik unchristlicher, unkirchlicher Kunst-
kritiker! Man kann sich der Kirche Christi nicht
lvidmen, ohne an deren und ihres Stifters
Schicksal theilzunehmen, ohne Spott und An-
feindung zn ernten. Es läßt sich das, lvas am
modernen Realismus in der Kunst Berechtig-
tes ist, recht ivohl vereinbaren mit dem katho-
lischem christlichen Idealismus und Snpernatnra-
lismns.

Möchten sich diese Künstler aber auch nicht
entmuthigen lassen, wenn sie in kirchlichen Krei-
sen nicht allsobald das gehoffte Verständnis und
Entgegenkommen finden. Das Kunstverständniß
des kirchlichen Publikums, auch des gebildeten,
steht theilweise noch auf niederer «Stufe. Man
weiß den Werth eines wahren Kunstwerks, den
Werth eines Originalknnstwerks vielfach noch
nicht zn schätzen, den Unwerth und die Unwür-
digkeit der fabrikmäßig gefertigten Dutzendivaare,
der handwerksmäßig gemachten Pfnschwaare noch
nicht zu beurtheilen. Es bedarf längerer Zeit,
um das wünschenswerthe Interesse und Ver-
stündniß für die selbständig schaffende echte Kunst
in weitere Kreise zn tragen.

Stuttgart, Buchdructerei der Akt.-Ges. „Deutsches Vollsbtatt".
loading ...