Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 79
DOI Heft: 10.11588/diglit.15911.47
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.48
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.49
DOI Seite: 10.11588/diglit.15911#0086
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1894/0086
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
79

Jahrgang 1848 des deutschen Kunst-
blatts eine sehr daukenswerthe Beschrei-
bung der Hirscher'scheu Sammlung, be-
schränkt sich aber leider nur auf dessen
Gemälde, von der Madonna erfahren wir
nichts weiter. Erst später taucht dieselbe
im Berliner Museum wieder auf; das Ar-
chiv brachte im Jahrgang 1889 Nr. 8
davon einen Lichtdruck, auch die einst im
Besitz des Bildhauers Eudres in München
befindlichen Skulpturen befinden sich seit
1882 in Berlin. Lnbke beschreibt in der
III. Auflage seiner Geschichte der Plastik
1880 Seite 692 dieselben, ohne sie übri-
gens selbst gesehen zu haben. Schließlich
erwähnt auch Bode in seiner neuesten Ge-
schichte der deutschen Plastik Seite 187
den Meister Schramm, dem verschiedene
bemalte Holzfiguren zuzuschreibeu seien,
von denen er nur noch zwei kürzlich in
das Berliner Museum gekommene kleine
Gruppen, die Messe des hl. Gregor und
das Martyrium der hl. Katharina Nach-
weisen kann. Sie verrathen einen Künst-
ler vom Ausgang des 15. Jahrhunderts
mit seiner zarter Empfindung und fleißiger
und tüchtiger Durchbildung, der schon durch
Werke des Martin Schön beeinflußt er-
scheint.

Wenn Pfarrer Dr. Probst in einem
Artikel über Schramm in Nr. 5 des
„Diözesauarchivs" von 1889 und weiter im
Jahrgang 1890 der Bodenseeschriften die
Autorität Dursch's aufrecht erhalten will,
so hat er wohl die Vorgeschichte dieser
Madonna und die näheren Umstände, wie
dieselbe in den Besitz Hirschers gekommen
ist, nicht genügend in Erwägung gezogen.
Außer Durscb erwähnt kein einziger
Schriftsteller diese Inschrift, niemand hat
dieselbe gelesen, und die ältesten Quellen
sprechen nur von Namen und Jahrzahl,
welche überdies zwischen 1480 und 1487
schwankt, sagen aber nicht, ob diese Schrift
an der Figur selbst angebracht war. Daß
dieses thatsächlich nicht der Fall war, lehrt
der Augenschein; Dursch konnte also nur
vom Hörensagen sprechen, gesehen hat er
diese Inschrift keiuenfalls, denn er sagt
deutlich : „w ar einst zu lesen!"

Aus Vorstehendem glaube ich zur Ge-
nüge uachgewiesen zu haben, daß der Name
Schramm in das Gebiet der Fabel gehört,
es ist eben eine der vielfachen Fälschungen,

welche die deutsche Kunstgeschichte, als sie
noch in den Windeln lag, erfahren mußte.
Ein analoger Fall ist die Tagbret-Frage,
die ich mir Vorbehalte ein auderesmal 31t
behandeln.

Der Altarbau der Gegenwart.

III.')

Zufolge Beschlusses der Generalver-
sammlung von 1892 übernahm der Kunst -
vereiu der Diözese Rottenbnrg die Er-
stellung eines Seitenaltars in die neuge-
baute Kirche in Schwenningen. Der
frühgothische Stil war durch den Bau
vorgeschrieben. Leitendes Prinzip bei Fer-
tigung des Entwurfes war Vermeidung
alles Ueberflüssigen, Verbindung großer
Einfachheit mit nobler Wirkung und edler
Würde, Verlassung der üblichen Schablone
mit den Bildnischen. Darum auch hier
ganz flache Behaudluug der Flaukentheile
zu beiden Seiten der Nische für die Haupt-
figur, — eine sekundäre Behandlung der-
selben, durch welche nichts erreicht werden
soll als eine schöne Ausstattung der un-
mittelbar an die Statue und Nische an-
stoßeudeu Wandflächeu. Der einzige Lu-
xus, den mau sich verstaltete, ist die Bei-
ziehnng des Metalls zum Holze, und ihr
dankt man eine wirkliche solide Pracht
des Werkes, welche ans der Abbildung
nicht zur Wirkung kommt. Von Metall
und gut vergoldet sind nämlich die vier
Säulchen, welche den Baldachin der Bild-
nische tragen; ferner auch die Giebel-
und Firstkröuungeu des Baldachins, welche
überdies in vier große Kristallkngelu aus-
laufeu. Vom Mittelkörper lauft an der.
Rückseite je rechts und links eine oben
zinnenartig ansgebrochene Metallschieue
aus, welche die Stange und die Ringe
zum Aushängen des Teppichs maskirt; au
den Enden werden diese Schienen von zwei
weiteren Metallsäulen ausgenommen und
ans diesen Säulen steigt je ein schön ge-
schwungener Bogen aus, der eine Lampe
trägt (diese Säulen bilden den äußersten
Abschluß; daß die zum Schutz des Vor-
hangs angebrachte Holztafel seitlich über
sie vorsteht, ist ein Versehen). Durch die
Altarkolosse verwöhnten Augen wollte dieses
Altarwerk, wie wir vernehmen, schon zu

) Siehe „Archiv" 1893 Nr. 1 u. Nr. 9.
loading ...