Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 92
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Horizontal schnitt angewendet, nach dem
Axiom, daß der Schönheitsgrund des Ganzen
anch der der Theile sein müsse. Den prak
tischen Empfehlungsgrnnd der Triangu-
lation vermutet der Verfasser darin, daß
vielleicht damals Baupläne im heutigen
Sinn gar nicht angefertigt worden seien,
sondern man sich mit bloßen Handskizzen
begnügt habe; sie genügten, wenn man
mit einem im Gebäude selbst gegebenen
Maßstab, einem Modulus — dem gleich-
seitigen Dreieck operirte.

Nun ist aber sehr auffallend, daß das
Triangulirnngssystem sich nicht lange be-
hauptete und schon in der Spätgothik
völlig vergessen zu sein scheint; in Frank-
reich wie in Deutschland kommt es mit
dem Eintritt des 14. Jahrhunderts außer
Gebrauch. Der Verfasser weiß auf das
warum? keine Antwort zu geben. „Ent-
weder war die Spätgothik für die feineren
Werke der Nanmproportion schon so gleich-
giltig geworden, daß sie die in langer
Uebung dafür ansgebildeten Regeln — die
gelegentlich allerdings eine unbequeme Fessel
werden konnten — fallen ließ; oder um-
gekehrt, sie hat ein noch komplizirteres
oder raffinirteres Verfahren anfgenommen,
für das der Schlüssel erst gefunden wer-
den müßte; nach meinem subjektiven Da-
fürhalten ist der erstere Fall der wahr-
scheinlichere" (S. 23).

Es ist werlhvoll, daß die ganze so lies
in die Geschichte und Theorie der Kunst
eingreifende Frage wieder aufgeworfen
wurde und zwar gerade von dieser kom-
petentesten Seite. Mit Recht schließt der
Verfasser: „Es ist im letzten Grunde, über
den historischen Einzelfall hinaus, die große
Frage nach dem Verhältniß von Freiheit
und Gesetzlichkeit im künstlerischen Schaffen,
vor die wir gestellt werden" (S. 24).
Gibt es auf dem Gebiet der Kunst Ge-
setze oder ist die Forderung einer durch-
aus schrankenlosen Freiheit berechtigt? ist
hier jedes Gesetz schädlich und im noth-
wendigen Widerspruch mit Originalität
und Individualität, oder sind anch Gesetze
denkbar, welche wohlthätig beschränken und
nothwendig sind? ist eine Architektur und
eine Kunst gesund, welche alle objektive Norm
negirt und sich nur der Leitung des sub-
jektiven Gefühls überläßt? Das sind in
der That Fragen von aktuellster Bedeu-

tung für die Weiterentwicklung der Kunst,
und es werden zunächst historische Unter-
suchungen sein, welche auch hierin Licht
schaffen müssen.

Gedanken über die Zukunft der
christlichen Kunft.

Da die Kunst „Jedermanns Sache ist",
so ist es wohl mitunter gilt und nützlich,
wenn Knnstfrageil in einer Form behandelt
werden, welche weitesteil Kreisen verständ-
lich ist. Aber wenn G r u il d fragen popu-
larisirt werden sollen, wird sich gerne eine
große Gefahr einstellen — die einer ober-
flächlichen, allzu leichtfertigen Erörterung
derselben, welche mehr schadet als nützt.
Diese Gefahr hat nicht zu überwunden ge-
wußt der anonyme, sich selbst als Ver-
ehrer der Nazareiler einführende Verfas-
ser eines der neuen Serie der „Frank-
furter zeitgemäßeil Broschüren" (herans-
gegeben von 0r. F. M. Raich, Band XV,
Heft 2, Frankfurt, Fösser Nachfolger 1894)
einverleibten, 28 Seiten starken Schrift-
chens mit dem Titel: „Die lebendige
Sprache der K u n st, G e d a li k e n ü b e r
die Z u k u n f t d e r ch r i st lichenK il n st".
Das leichthin geschriebene Broschürchen ist
gilt gemeint, aber liicht ganz gut gerathen;
es ist zu fürchten, daß es mehr Verwir-
rllng als Kläruilg schaffen itnb auf eine
gesliilde Weiterentwicklung der christlicheil
Kunst entweder ohne Einfluß oder eher
von störendem als förderndein Einfluß sein
wird. Dabei ist das Schlimme das, daß
zur gründlichen Behandlung der voni Ver-
fasser — man muß fast annehmeil, ohile
volle Kenntniß ihrer Schwierigkeit —
angeregten und gestreiften Prinzipienfragen,
für Richtigstellung unb Widerlegung man-
cher Urtheile ein Buch nöthig wäre, schwer
zu schreiben und zu lesen.

Durch das ganze Schristchen zieht sich
hilldnrch eine Polemik gegen Vertreter der
christlichen Kunst in der Gegenwart, welche
„Orthodoxe", ,,Archaisten", ,,Stilisten"
genailnt werden. Ihre nähere Charakteri-
sirung macht ihnen zum Vorwurf, daß sie
die Nazarener perhorresciren, lediglich ein
Copiren der alten Bilder oder Znsammen-
stellen nener ans Motiven alter, vor allein
aber Wahrung des Stils verlangen, die
persönliche Individualität des Künstlers
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