Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 95
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Sie haben nach ihm durch den Anschluß
an die italienischen Quattrocentisten das
suste-milieu gefunden, einen kirchlichen
Stil, der im guten, nicht im schlimmen
Sinn modern ist; man halte sich an ihren
Typus und man wird das Richtige treffen;
sie haben für die Gewandungen der hl.
Gestalten einen Canon geschaffen, der fest-
gehalten werden muß; auch bezüglich der
Staffage seien die von den Nazarenern
adoptirten italienischen Landschaften, Städte-
bilder , Möbel die beste Vermittlung
zwischen heute und dem wirklich Histori-
schen. Im Geiste dieser Lehren soll es
denn auch erlaubt sein, die altdeutsche
Kunst zu stndiren und zu erneuern (S. 27)
— eine Jndulgenz, welche freilich mit
den früheren Aeußernngen über diese Kunst
kaum mehr in Einklang zu bringen ist.
Alle Achtung vor den Nazarenern. Ich
möchte mich nicht denen beigesellen, welche
gering von ihnen denken, wenn ich freilich
auch nicht zugestehen kann, daß der Aus-
bau des Kölner Doms und die Wieder-
herstellung von Hunderten ehrwürdiger
Kunstdenkmäler und die ganze Epoche der
Begeisterung für christliche Kunst nur
ihrem „einschlagenden Erfolg" zu danken
sei (S. 11). Aber ob nun sie gerade die
Führerschaft der heutigen religiösen Kunst
übernehmen können, ob sie das einzige
und höchste Vorbild derselben sein sollen,
das ist denn doch eine ganz andere Frage.
Von seinen Prämissen ans hat der Ver-
fasser jedenfalls nicht das Recht, so exklu-
siv ans ihrer Nachahmung zu bestehen.
Wenn sie selber nur die Quattrocentisten
nachgeahmt haben, warum die heutige
Kunst nicht an die eigentlichen Originale
weisen? Wenn der Verfasser die jetzige
Kunst doch wieder ans eine frühere Schule
verpflichtet, wo bleibt die geforderte volle
Stilfreiheit? wo das Recht der Individu-
alität? wo der zeitgemäße Charakter, der
den Stilisten gegenüber so energisch ver-
langt wurde? Sind seit den Quattrocen-
tisten nicht auch Jahrhunderte verflossen
und seit den Nazarenern nicht auch De-
cennien abgelanfen, die für die Weiter-
entwicklung jener Künste höchst bedeutsam
und ereignisreich waren? Sind die Na-
zarener fehlerlos? Der Verfasser selber
redet von groben und gröbsten Sünden
derselben (S. 12). Und meint man etwa

mit der Nazarenerknnst die künstlerischen
Neologien eines Uhde und Konsorten be-
schwören und neologische Anwandlungen
auch christlicher Künstler ein für allemal
verhüten zu können? Das wäre doch ein
naives Hoffen.

Der Standpunkt des Verfassers erscheint
uns viel beschränkt; er ist noch eng-
herziger und exklusiver als die von ihm
so hart behandelten Stilisten und Archaisten.
Denn er will die Kunstentwicklnng an
vier oder fünf Namen bannen und seine
ganze Mnsterperiode umfaßt einige De-
ceimieit und seine ganze Mnsterschnle hat
einen Lehrkörper von nicht einmal einem
halben Dutzend Meistern. Das heißt der
Kunst Licht und Lust viel zu spärlich zu-
messen. Dahin sollte man es bringen,
daß der christliche Künstler die ganze
Entwicklung der Kunst genau kennen
würde von den altchristlichen Anfängen
an, daß er hinlänglich geschult und ans-
gebildet wäre, um ans allen Perioden das
große Wahre, Universalgiltige heranszn-
sinden und sich anzneignen, ohne doch da-
bei seine Individualität zu verlieren und
ohne in Stilmengerei zu verfallen. Es ist
noch weit hin bis zu diesem Ziele. Der
Verfasser stellt unter seinen Resormvor-
schlägen am Schluß obenan eine bessere
künstlerische Schulung des Klerus, na-
mentlich durch Wanderknrse, welche tüch-
tige Kräfte an beu Seminarien abzuhalten
hätten. Wir glauben auch, daß in dieser
Hinsicht mitunter mehr geschehen könnte;
das empfohlene Mittel wird nickt gerade
das denkbar beste sein; kleine Reisen,
Rnndtouren unter tüchtiger Führung, ein
Anschauungsunterricht, erlheilt an großen
und kleinen Werken alter Kunst — das
würde bei denen mehr fruchten, welche die
ersten Elementarkenntnisse sich erworben
haben. Aber nicht Schulung des Klerus,
sondern Schulung der K ü n st l e r
wäre das dringendste Bedürfnis. Christ-
liche Kunstschulen sollten wir haben, in
welchen Maler und Skulptoren, aber auch
die Architekten eingelernt würden in die
Bedürfnisse, den Geist, die unverbrüchlichen
Gesetze der für Kirche und Liturgie ar-
beitenden Kunst. Hier, auf dem Gebiete
der bildenden Kunst würde ein »omne
malum ex clero« doch zur Unwahrheit
und Ungerechtigkeit; mit bestein Willen
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