Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

Seite: 98
DOI Heft: 10.11588/diglit.15911.58
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15911.59
DOI Seite: 10.11588/diglit.15911#0107
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1894/0107
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
98

zuschweben, das herabrinnende Blut in
Kelchen anfzufangen; eine sehr schöne und
bewegte Gruppe. Unten halten links vom
Kreuz zwei Frauen die nmsinkende Mutter,
eine dritte ringt fassungslos die Hände;
unten am Kreuz kniet der Donator, ein
Geistlicher mit Soutane und Flügelchor-
rock; ans der andern Seite umfängt Mag-
dalena den Kreuzesstamm; Johannes, eine
schöne, volle Figur, wendet sein Antlitz
zum Heiland empor; neben ihm der Haupt-
mann mit Schwert, mit der Hand ans den
Gekreuzigten zeigend, ein Lanzenknecht und
noch zwei Gestalten, wohl Nikodemus und
Joseph von Arimathea. Die ganze Com-
position ist flott entworfen und gut ge-
zeichnet; die Farben sind die damals üb-
lichen , schlicht und wenig zahlreich, aber
wirksam. Das Gemälde soll im jetzigen
Zustand erhalten bleiben; aber es besteht
der lobenswerthe Plan, es durch einen
tüchtigen Maler in gleicher Größe copiren
und ans dieser Copie auch die Defekte er-
gänzen zu lassen; diese ans Leinwand ans-
geführte und ans einen Nahmen gespannte
Copie würde dann über dem Wandgemälde
so angebracht, daß sie dieses schützt und
zugleich jederzeit eine Besichtigung deö
Originals möglich macht, indem sie ans
einer Seite in Charnieren laufend leicht
von der Wand entfernt werden kann.

4. Es wird nicht viele Kirchen und
Chöre geben, welche unscheinbarer wären
als der kleine Kirchenban in Ehestetten
ans der Alb. Der rechteckige Chor hat
keine Spur seines einstigen Stiles mehr;
sein Gemäuer wurde einmal erhöht und
in der Schlußwand mit zwei häßlichen
Ochsenangenfenstern durchbrochen, der Fuß-
boden bedeutend höher gelegt. Die alten
Theile der Schlußwand und die angrenzen-
den Theile der Süd- und Nordwand haben
in geringer Höhe über dem Fußboden noch
sehr beachtenswerthe Reste eines größeren
Bildercyklns bewahrt, welche in diesem
Sommer entdeckt wurden. Erkennbar sind
noch folgende Scenen: eine Oelbergdar-
stellnng mit den schlafenden Jüngern; die
Gefangennehmnng, mit Petrus und Mal-
chns (nicht ganz sicher); die Vernrtheilnng
vor dein Synedrinm oder vor Pilatus;
Christus im Kerker (?); die Geißelung,
wohl erhalten: Christus steht nicht, son-
dern hängt an einer großen Säule, der

eine Arm ist aufwärts, der andere rück-
wärts angebunden; die Verspottung oder
vielleicht auch die Eccehomoscene; dann
über einer ehemaligen Thüre ein Erbärmde-
bild mit rothem, sternbesetztem Hinter-
grund; ferner die Auferstehung; sodann
Mariä Verkündigung (die Jungfrau und
der Engel hält ein Spruchband); Mariä
Heimsuchung, mit etwas Landschaft und
einer reicheren Architektur; die beiden Bethei-
ligten halten ebenfalls Spruchbänder; endlich
eine schwer zu deutende Gruppe: eine sitzende
Franengestalt, vor welcher eine männliche
mit lebhaftem Gestus kniet oder steht;
vielleich Elisabeth und Zacharias, oder
Maria und Joseph, eingeschoben zwischen
der Darstellung der Verkündigung und der
Heimsuchung.

Die Gemälde waren, als wir sie be-
sichtigten, noch nicht ganz anfgedeckt. Ihr
Werth ist ziemlich bedeutend, da sie zweifel-
los noch der frühgothischen Zeit ange-
hören.

5. Noch wichtiger sind aber die in
Feld stetten im selben Oberamt Mün-
singen entdeckten. Die moderne Kirche hat
noch einen romanischen Thurm, dessen ge-
räumiges , mit einem Rippenkrenzgewölbe
überspanntes Untergeschoß den Chor bildet.
An der Ost- und Südwand dieses Chors
kam ein feierlicher Zug von Apostelge-
stalten zum Vorschein, von welchen einige
noch recht gut erhalten sind; über ihnen
auf der Ostwand eine Krenzesdarstellnng.
Ans der Nordwand eine größere Compo-
sition, das jüngste Gericht, durch späteren
Fenstereinbrnch geschädigt; erkennbar noch
der Richter in der Mandorla unb die
knieende Gestalt des Täufers, ferner Minia-
tnrfigürchen, welche ans den Gräbern
steigen; rechts unten die Darstellung der
Hölle, zwei große Tenfelsfratzen und ihnen
gegenüber jammernde Gestalten; in den
Lüsten kleine nackte, mit Lendentnch ver-
sehene Seelchen- oder Kindergestalten, welche
etwas in den Händen tragen (Hammer,
eine Art Schuh oder Stiefel re.) und sich
nach den Teufeln hinbewegen. Die weitere
Aufdeckung wird wohl noch mehr zu Tage
fördern. Die Malereien sind zweifellos
spätromanisch, sehr tüchtig und gewandt
in der Zeichnung, die Hand eines besseren
Meisters verrathend.

6. Wir gehen über zu den Wand-
loading ...