Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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ihren Gebrechen. Die Inschriften beziehen
sich darauf, daß St. Cosmas und Damian
nach der Legende Aerzte waren, von Gott
mit wunderbarer Heilkraft ansgestattet; sie
ließen eingedenk jener Mahnung des Herrn
ihre Hilfe den Kranken stets unentgeltlich
zukommen; als einst Damian von einer
geheilten Iran ans ihre inständige Be-
schwörung hin ein Geschenk annahm, habe
Cosmas alsbald befohlen, daß sein Leich-
nam nicht neben dem des Bruders beerdigt
werde; so sehr entrüstete ihn die Ueber-
tretnng jener Vorschrift des Herrn; aber
in der Nacht sei der Herr selbst ihm er-
schienen und habe die Unschuld des Bruders
bezeugt. Die hier dargestellten Heiligen,
Martin, Nikolaus, Cosmas und Damian
hatten nach alten Nachrichten von 1350
auch Altäre in der Kirche (s. Beschr. des
OA. Reutlingen, II S. 32 Anm. 1).

Durch die an den Thurm anstoßende
Westwand wurde erst später eine Thüre
eingebrochen, welche von der großen Com-
position im Bogenfelde unten ein Stück
roh abschneidet. Diese Composition ist
eine Krenzignngsgrnppe. An dem ganz
mit Aesten besetzten Kreuz hängt der Hei-
land; das noch in Schmerz und Tod
hoheits- und würdevolle Antlitz ist von
reichgelocktem Haar umrahmt; der Körper-
stark seitlich ansgebogen, zum großen Theil
vom Lendentnch bedeckt; die Arme nnver-
hältnißmäßig mager, die Finger gespreizt.
Longinns, das Antlitz gläubig und bewegt
zu ihm erhoben, stößt ihm die Lanze in
die Seite; von rechts her naht ein Kriegö-
knecht mit boshafter Miene, in der einen
Hand ein topfartiges Gefäß haltend, mit
der andern den vollgetränkten Schwamm
mittelst eines Stabes zum Mund des
Heilands führend. Dem Krenzesopfer assi-
stieren noch Maria und Johannes, erstere
händeringend, mit schmerzverzerrtem Ant-
litz, letzterer in maßhaltenderer Trauer.
Rechts und links von diesem Gruppenbild
bleibt noch Platz für zwei weibliche
Heilige unter Baldachinen; beide tragen
eine Palme und ein brennendes Lämpchen;
nur die eine, die rechtsstehende, ist durch
Inschrift benannt: Katharina; die links
stehende hebt in süßer Bewegung ihr lieb-
liches Antlitz zum Herrn empor. Rings
um den oben abschließenden Bogen läuft
die Inschrift:

hic nostros actus luit auctor hostia
factus.

hic stans confractum mortis lacrimis
defle istum.

„Hier sühnt unsere Thaten der Herr, znm
Opfer geworden; hier stehend beweine ihn,
den der Tod zermartert".

Am ausführlichsten und wichtigsten sind
die Compositionen der N o r d w a n d, welche
sich mit der Legende der hl. Katha-
rina befassen. Die erste fignrenreiche
Darüellung im großen Bogenfeld der west-
lichsten Travee erzählt, wie Katharina im
Palast des Kaisers Maxentins in Alexan-
drien den durch kaiserliches Edikt aus den
Provinzen herbeschiedenen Grammatikern
und Rednern gegenübergestellt wird, welche
die Jungfrau aber nicht widerlegen können,
vielmehr von ihr znm Glauben bekehrt
werden. Im obersten Bogenzwickel schwebt
über der Hanptscene ein Engelchen mit
ansgebreiteten Flügeln; es hält ein Spruch-
band , auf welchem aber nur mehr die
ersten drei Buchstaben der Inschrift lesbar
sind: CON ... Das wird der Engel sein,
welcher nach der Legende der Jungfrau
bei diesem Redekampf beistand, ihr Muth
zusprach (constanter sta) und verhieß,
daß sie nicht nur nicht besiegt werden
würde, vielmehr die Rhetoren alle bekehren
werde. Unmittelbar über dem Hanptbild
stand eine zweite, ans den Vorgang be-
zügliche Inschrift, von welcher nur noch
die letzte Hälfte erhalten ist: nos oratores
superatus (os“). Rechts (vom Beschauer)
sitzt auf seblichtem Thron der Kaiser mit
überschlagenen Beinen, eine jugendliche
Gestalt mit reichem Lockenhaar; ein gelbes
Gewand mit großer Agraffe ans der Brust,
enge Wadenhosen und spitze Schnabelschnhe
sind sein Costüm; seine linke Hand ist
weiß behandschuht, seine Rechte hält ein
Lilienscepter. Neben ihm Schwertträger
in langen!, enggeschlossenem Kleid, eben-
falls Antheil nehmend am Vorgang; dann
eine zahlreiche Schaar eifrig und energisch
dispntirender und gestiknlirender Männer.
Links schließt die Heilige selbst die Scene
ab, eine liebliche Erscheinung mit aufge-
löstem, über die Schultern herabwallendem
Haar; nachdrücklich und zugleich sanftbe-
scheiden redet sie auf einen der Gelehrten
ein. Das ganze Gruppenbild ist gut ge-
ordnet, voll Leben und geistiger Bewegung.
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